Das fehlende Bild – Nachtwache

Freitag · Kapitel 6 von 7

Der Schlüssel drehte sich. Hinter der Metalltür atmete jemand.

Andreas hielt inne.

Clara stand so dicht hinter ihm, dass ihr nasser Ärmel seinen Rücken berührte. Im Gang hob Kommissarin Lorenz die Hand. Niemand sprach.

Das Atmen kam stoßweise. Flach. Zu nah.

Andreas zog die Tür von Fach 17 auf.

Dahinter war kein Mensch.

Zwischen schwarzen Fotohüllen lag ein kleines Aufnahmegerät. Eine grüne Leuchte brannte. Aus dem Lautsprecher kam ein Atemzug, dann Helenas Stimme.

Wenn Andreas das hört, war der Raum richtig. Aber der Mann war falsch.

Hinter der Wand der ehemaligen Dunkelkammer setzte Applaus ein. Gedämpft, fern, beinahe unwirklich.

Andreas sah auf die Uhr.

19.31 Uhr.

• • •

Elf Stunden zuvor hatte der Schlüssel noch auf seinem Küchentisch gelegen.

Der rote Faden am Ring war über Nacht getrocknet. Die eingeprägte 17 wirkte im Morgenlicht weniger wie eine Botschaft als wie eine gewöhnliche Inventarnummer.

Clara drehte den Schlüssel nicht um. Sie betrachtete nur den schmalen Bart.

„Keine Haustür“, sagte sie.

„Ein Schrank. Vielleicht ein Spind.“

„Oder etwas, das wir für einen Schrank halten sollen.“

Andreas schob ihr das Foto von der Nachricht hin.

ER HAT IHNEN DIE FALSCHE VERSION ERZÄHLT.

„Wenn sie von Helena stammt“, sagte Clara.

„Ihre Nummer.“

„Ihr Telefon lag schon einmal dort, wo sie nicht war.“

Er sah wieder auf den Schlüssel. Der Mann vom Stiftsplatz hatte gesagt, Helena nenne den Aufbewahrungsort einen Raum ohne Fenster.

Für Sie schon.

Andreas stand auf und ging zu den Negativhüllen, die Lorenz ihnen als Kopien überlassen hatte. Schwarzweißaufnahmen. Kontaktstreifen. Belichtungszeiten in Helenas Handschrift.

Kein Fenster. Rotes Licht. Bilder, die im Dunkeln sichtbar wurden.

„Eine Dunkelkammer“, sagte er.

Clara blickte von den Negativen zum Schlüssel. „Und die Siebzehn?“

„Vielleicht ist sie nicht nur die Nummer des Bildes.“

Er rief Lorenz an.

• • •

Am Nachmittag fand Lorenz in einem alten Verzeichnis den Eintrag. Für ein Kulturprojekt waren 1990 im Umfeld der Villa Lindenhof ein provisorischer Fotoraum und nummerierte Metallschränke erfasst worden. Der Raum lag nicht in den heutigen Ausstellungsbereichen, sondern in einem flachen Nebengebäude am Rand des Grundstücks.

„Wir gehen nicht hinein, bevor ich die Freigabe habe“, sagte sie am Telefon.

„Wie lange?“

„Heute Abend ist in der Villa eine Veranstaltung. Wir warten, bis sie vorbei ist.“

Andreas sah zum Fenster. Regen lief in schrägen Bahnen über das Glas.

„Wenn Helena dort ist, wartet sie vielleicht nicht.“

„Und wenn jemand auf Sie wartet, bekommt er nicht noch einen Vorsprung, weil Sie allein hineingehen.“

Sie legte auf.

Clara reichte Andreas seine Jacke.

„Lorenz hat recht.“

„Das macht das Warten nicht besser.“

„Nein.“

Sie zog den Reißverschluss seiner Jacke ein Stück höher. Ihre Finger blieben einen Moment am Stoff liegen.

„Du musst Helena nicht beweisen, dass du recht hattest“, sagte sie. „Du musst sie finden.“

• • •

Kurz nach sechs standen sie im Lindenhofpark.

Der Regen war nicht stark, aber beharrlich. Er hing in den Zweigen, sammelte sich auf den Wegen und machte aus jedem Lichtpunkt eine blasse Spiegelung.

In der Villa begann die Stücklesung. Durch eine geöffnete Tür drang für Sekunden eine Stimme nach draußen. Andreas verstand nur ein Wort.

Nachtwache.

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Lorenz wartete unter dem Vordach des Nebengebäudes auf die Bestätigung ihrer Kollegen. Clara stand neben Andreas unter einem Schirm, der für zwei Menschen zu klein war. Kaltes Wasser lief ihm vom Haar in den Kragen.

„Du zählst die Minuten“, sagte Clara.

„Nein.“

„Achtundvierzig.“

Er sah sie an.

„Seit wir hier sind“, sagte sie.

Trotz allem musste er kurz lächeln.

Um halb acht öffneten sich die Türen der Villa. Applaus verklang. Menschen traten mit Schirmen in den Regen und gingen über die nassen Wege davon.

Lorenz’ Telefon vibrierte.

„Wir dürfen hinein.“

• • •

Der ehemalige Fotoraum roch nach Metall, feuchtem Mauerwerk und etwas Säuerlichem, das Andreas an alte Filme erinnerte.

An einer Wand standen schmale graue Fächer. Einige Türen fehlten. Auf den übrigen waren Nummern kaum noch zu erkennen.

Der Schlüssel passte in Fach 17.

Jetzt spielte das Aufnahmegerät Helenas Stimme.

Wenn Andreas das hört, war der Raum richtig. Aber der Mann war falsch.

Ein Scharren folgte. Dann eine Tür.

Eine Männerstimme sagte etwas, zu leise, um es zu verstehen.

Helena antwortete deutlicher.

Du warst nicht auf Bild siebzehn. Du hast es gemacht.

Ein Schlag. Nicht laut. Danach nur Rauschen.

Clara atmete hörbar aus.

„Der Fotograf“, sagte sie.

Andreas sah auf die schwarzen Hüllen. „Wir haben die ganze Zeit nur nach den Menschen auf den Bildern gesucht.“

Lorenz zog Handschuhe an. „Ab jetzt fassen Sie nichts mehr an.“

Sie nahm die Hüllen einzeln heraus. Negative. Kontaktabzüge. Daten aus dem Oktober 1990. Dann ein Umschlag, auf dem in Helenas Schrift nur zwei Wörter standen.

BILD 17

Der Umschlag war leer.

Unter ihm lag eine kleine Speicherkarte. Daneben ein Zettel mit Uhrzeiten: Sonntag, Montag, Mittwoch, Freitag. Die letzte Zeile war frisch geschrieben.

18.52.

Andreas blickte auf seine Uhr. 19.36.

„Was war um 18.52 Uhr?“

Auf der obersten Kunststoffhülle glänzte ein matter Abdruck. Vier Finger und der Ansatz eines Daumens. Die Feuchtigkeit war noch nicht vollständig getrocknet.

Andreas ging in die Hocke, ohne die Hülle zu berühren. Am Rand klebte eine einzelne rote Faser.

„Von ihrem Schal?“, fragte Clara.

„Möglich.“

Lorenz fotografierte den Abdruck. „Oder jemand möchte, dass wir genau das denken.“

Andreas sah sie an.

„Sie haben inzwischen selbst genug falsche Spuren gefunden“, sagte sie. „Behandeln Sie auch die richtige zunächst wie eine falsche.“

Er zwang sich, wieder auf den Zettel zu schauen. Die Uhrzeiten waren nicht gleichmäßig notiert. Manche Zeilen wirkten ruhig, andere hastig. Bei Freitag hatte Helena den Stift so stark aufgedrückt, dass die Zahlen auf der Rückseite fühlbar waren.

Sie hatte nicht nur einen Fundort vorbereitet. Sie hatte auf jemanden gewartet.

Lorenz hielt die Karte gegen das Licht. „Das finden wir heraus.“

Ein Beamter brachte ein Lesegerät. Wenige Minuten später erschienen auf dem kleinen Dienstrechner körnige Schwarzweißbilder.

18.47 Uhr: der leere Raum.

18.52 Uhr: Helena in der Tür. Roter Schal, dunkler Mantel. Lebend.

Andreas beugte sich vor.

18.55 Uhr: der Mann mit der grauen Kappe.

18.57 Uhr: Helena am Schrank, der Mann hinter ihr.

18.59 Uhr: Er hatte die Kappe abgenommen. Sein Gesicht war seitlich zu sehen. Älter, als Andreas erwartet hatte. Breite Stirn. Tiefe Falte neben dem Mund. Keine Narbe.

19.02 Uhr: Seine Hand lag um Helenas Oberarm. Sie ging selbst, aber ihr Körper lehnte sich von ihm weg.

19.03 Uhr: der Raum war leer.

Andreas richtete sich auf.

„Dreiunddreißig Minuten.“

Dann rannte er.

• • •

Der Regen schlug ihm ins Gesicht. Hinter ihm rief Lorenz etwas in ihr Funkgerät.

Andreas lief über den nassen Weg zur Straße. Schirme bewegten sich zwischen den Bäumen. Ein Auto setzte zurück. Ein Bus zog mit gelben Lichtern vorbei.

Clara holte ihn am Parkrand ein.

„Andreas!“

Ein dunkler Wagen stand fünfzig Meter entfernt an der Fahrbahn. Die hintere Tür fiel zu.

Andreas rannte weiter.

Der Wagen fuhr an.

Im Seitenfenster erschien ein blasses Gesicht. Helena.

Sie hob die Hand und presste sie gegen die Scheibe.

Andreas erreichte die Straße, als der Wagen hinter einem Linienbus verschwand. Er sah weder das vollständige Kennzeichen noch die Richtung, in die er an der nächsten Kreuzung abbog.

Clara blieb neben ihm stehen. Sie legte keine Hand auf seine Schulter. Sie sagte nicht, dass er nichts hätte tun können.

„Sie lebt“, sagte sie.

Es war Trost und Auftrag zugleich.

• • •

Als sie in den Fotoraum zurückkehrten, hatte Lorenz das letzte Bild geöffnet.

Es zeigte den Mann ohne Kappe an der Beifahrertür des dunklen Wagens. Der Regen hatte kleine helle Punkte auf das Bild gesetzt.

„Das Gesicht geht sofort an die Fahndung“, sagte Lorenz.

Andreas antwortete nicht. Er vergrößerte den Rand der Windschutzscheibe.

„Sie machen das Bild nur kaputt“, sagte Lorenz.

„Nein.“

In der nassen Scheibe spiegelte sich der Fahrer. Graues Haar. Dunkler Mantel. Das linke Ohr lag enger am Kopf als das rechte.

Der Mann vom Stiftsplatz.

Clara trat neben Andreas. „Er hat gesagt, der Mann mit der Kappe gehöre nicht zu ihm.“

„Er hat auch gesagt, die Polizei würde den falschen Raum finden.“

Andreas nahm die Hand vom Bildschirm.

Der Mann ohne Namen hatte ihn nicht zum falschen Raum geschickt.

Er hatte nur dafür gesorgt, dass er zu spät kam.