Die Rückseite – Die zweite Seite

Donnerstag · Kapitel 5 von 7

Der Regen hatte die Spuren auf dem Pflaster gelöscht, aber nicht die Uhrzeit im Protokoll.

Andreas stand unter dem Vordach des Cavazzen und sah zu, wie das Wasser über den Marktplatz lief. Es sammelte sich in den Fugen, zog dunkle Linien zwischen die Steine und nahm jedes Blatt mit, das sich nicht irgendwo verfangen hatte.

Clara kam ohne Schirm. Ihr Haar war feucht, der Mantel an den Schultern dunkel. Sie blieb neben ihm stehen, ohne ihn anzusehen.

„Riedle ist schon drin“, sagte Andreas.

„Das habe ich angenommen.“

„Lorenz auch.“

Clara strich einen Tropfen von ihrem Ärmel. „Dass du jetzt alles sofort sagst, macht die letzten Tage nicht ungeschehen.“

„Ich wollte nur verhindern, dass du wieder glaubst, ich hätte etwas verschwiegen.“

Jetzt sah sie ihn an. „Dann musst du mehr tun, als mir mitzuteilen, wer sich im Gebäude befindet.“

Die Tür öffnete sich. Lorenz gab ihnen ein Zeichen.

Im Arbeitsraum stand Dr. Eva Riedle vor dem Bildschirm, auf dem am Vorabend ihr Name erschienen war. Sie wirkte nicht müde. Nur härter als sonst.

„Der Zugriff erfolgte um 15.27 Uhr“, sagte Lorenz. „Frau Riedle befand sich zu diesem Zeitpunkt nachweisbar im öffentlichen Bereich. Vierzehn Personen, zwei Aufnahmen und eine durchgehende Tonaufzeichnung bestätigen das.“

„Eine Tonaufzeichnung?“, fragte Clara.

„Von einer Veranstaltung“, sagte Riedle. „Meine Stimme ist bis 15.41 Uhr darauf zu hören.“

„Und Ihr Benutzerkonto?“

Riedle deutete auf einen grauen Rechner am anderen Ende des Raums. „Wurde hier verwendet.“

Andreas betrachtete Clara. Sie stellte Fragen, aber sie klang nicht anklagend. Bei Riedle ließ sie Raum zwischen Verdacht und Urteil.

„Bei ihr prüfst du“, sagte er.

Clara wusste sofort, was er meinte. „Bei ihr gab es nicht vier Tage voller Lügen.“

„Es waren keine vier Tage.“

„Du zählst immer nur die Tage, an denen ich dich erwischt habe.“

Lorenz drehte sich zu ihnen. „Wenn Sie fertig sind: Jemand konnte Frau Riedles Namen benutzen, ohne dass Frau Riedle vor diesem Rechner saß. Das entlastet sie nicht vollständig. Es verändert aber die Frage.“

Riedle zog eine Tastatur hervor. „Während der Bestandsdigitalisierung wurde hier mit einer lokalen Sitzung gearbeitet. Später kam ein neues System. Offenbar blieb auf diesem Gerät ein alter Zugang erhalten.“

„Also brauchte man Ihr Passwort nicht“, sagte Clara.

„Man musste wissen, dass der Rechner existiert. Und man musste in den Raum kommen.“

„Wer wusste das?“

Riedle sah auf den dunklen Bildschirm. „Mehr Menschen, als mir lieb ist. Weniger, als es gestern aussah.“

• • •

Hanna Kern kam kurz vor elf. Ihr Schirm tropfte in den Ständer am Eingang. Sie legte eine Stofftasche auf den Tisch und zog ein altes Notizbuch heraus, dessen Seiten mit kleinen, präzisen Einträgen gefüllt waren.

„Wenn eine große Datei geöffnet wurde, legte das frühere Programm manchmal eine Vorschau ab“, sagte sie. „Nicht im eigentlichen Ordner.“

Riedle schob ihr den Stuhl hin. Hanna setzte sich, öffnete Verzeichnisse und las Namen, die für Andreas keinen Sinn ergaben. Nach einigen Minuten erschien ein unscharfes Rechteck.

Eine Seite. Graues Papier, schwarze Schrift, an den Rändern fast unlesbar.

„Das ist sie“, sagte Hanna.

Riedle vergrößerte das Bild. Die Buchstaben zerfielen in helle und dunkle Flächen. Dennoch ließen sich zwei Zeilen erkennen.

DIE TAFEL WIRD DER STADT ZUR VERWAHRUNG ÜBERGEBEN.

Darunter:

EIN EIGENTUMSÜBERGANG IST DAMIT NICHT VERBUNDEN.

Clara trat näher. „Dann stimmt das Fragment.“

„Das Fragment zitiert einen Teil davon“, sagte Hanna. „Mehr wissen wir noch nicht.“

„Die Stadt war nicht Eigentümerin.“

„In diesem Augenblick möglicherweise nicht. Ein Vorgang kann mehrere Seiten haben.“

Andreas hörte nur halb zu. Am unteren Rand stand ein Name. Der Vorname war nicht zu entziffern. Der Nachname schon.

WINTER.

Er kannte den Namen.

Nicht aus dem Dokument. Aus einem Besprechungsprotokoll, einer Baustellenliste und einem Nachmittag, an dem er einem Mann gezeigt hatte, welche Türen im Cavazzen nicht offen stehen durften.

„Lukas Winter“, sagte er.

Clara drehte sich zu ihm. „Wer ist das?“

„Ein freier Fotograf. Technische Dokumentation. Er hat vor ein paar Jahren hier gearbeitet.“

Riedle sah auf. „Sie kennen ihn?“

„Ich habe ihn eingewiesen.“

Die Stille danach dauerte nicht lang. Sie reichte trotzdem.

„Natürlich“, sagte Clara.

„Ich sage es dir gerade.“

„Weil der Name auf dem Bildschirm steht.“

„Weil ich ihn jetzt sicher zuordnen kann.“

Andreas ging zum Gerätekoffer und zeigte auf die leere Mulde. „Winter hatte solche Kameras. Auch die Magnethalterungen. Damals waren sie Teil seiner Ausrüstung.“

Lorenz nahm ihr Notizbuch. „Welchen Zugang hatte er?“

Andreas spürte die Antwort schon, bevor Hanna in ihrem alten Buch blätterte.

„Dienstleisterkarte“, sagte er. „Befristet.“

„Wer hat sie ausgegeben?“

„Ich habe die Einweisung unterschrieben.“

Clara schloss für einen Moment die Augen.

„Die Karte wurde nicht zurückgegeben“, sagte Andreas. „Das stand später in der Abschlussliste. Ich hielt es für einen Verwaltungsfehler.“

„Und gestern beim leeren Koffer?“, fragte Clara.

„Da dachte ich an das System. Nicht an Winter.“

„Diesmal sagst du es mir, bevor ich es finde?“

„Ja.“

„Nein. Diesmal sagst du es mir, weil du weißt, dass Lorenz es gleich findet.“

Andreas wollte widersprechen. Aber ein Teil von ihm wusste, dass er den Namen vielleicht noch einige Minuten für sich behalten hätte, wenn er nicht auf dem Dokument gestanden hätte.

„Beides kann wahr sein“, sagte Hanna leise.

Lorenz nahm die alte Ausgabeliste mit, um Winters aktuelle Anschrift und die Kartennummer prüfen zu lassen. Riedle und Hanna gingen zurück an den Rechner. Andreas blieb mit Clara im Flur.

Regen rann über das hohe Fenster und verzerrte den Marktplatz dahinter. Clara stand mit verschränkten Armen davor.

„Ich habe Winter damals nicht verdächtigt“, sagte Andreas. „Es gab keinen Grund.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

„Du entscheidest, wann etwas wichtig genug ist, damit ich es wissen darf.“

„Ich wollte keinen Namen in den Raum stellen, an den ich mich vielleicht falsch erinnere.“

„Und damit hast du wieder allein entschieden.“

Andreas trat ans andere Ende des Fensters. Zwischen ihnen spiegelte sich der leere Innenhof. „Am Gepäckfach habe ich für dich gelogen.“

„Ohne mich zu fragen.“

„Weil Lorenz dein Fragment genommen hätte.“

„Vielleicht hätte sie das tun sollen.“

„Du hättest es mir nie verziehen.“

„Du weißt nicht, was ich dir verzeihe. Du fragst ja nicht.“

Der Satz traf genauer als ihre Vorwürfe zuvor. Andreas hatte sein Schweigen immer Schutz genannt. Vielleicht, weil das besser klang als Kontrolle.

„Also gut“, sagte er. „Keine Entscheidung mehr über deinen Kopf hinweg.“

Clara wandte sich vom Fenster ab. „Auch wenn du glaubst, ich bringe mich in Gefahr?“

„Dann sage ich dir, welche Gefahr ich sehe.“

„Und wenn ich trotzdem gehe?“

Andreas sah sie an. „Dann gehe ich nicht heimlich vor dir los.“

Es war kein Frieden. Nicht einmal eine Entschuldigung. Aber Clara nickte einmal, fast unmerklich.

In diesem Moment kam Lorenz zurück. „Die Karte war Nummer sieben. Deaktiviert wurde sie im neuen System. Für den alten Türcontroller gibt es keinen sicheren Nachweis.“

„Und Winter?“, fragte Clara.

„Unter seiner letzten Adresse nicht erreichbar.“

• • •

Um drei Uhr begann die öffentliche Führung. Regen schlug gegen die Scheiben, während sich die Besucher im Erdgeschoss sammelten. Nasse Mäntel rochen nach Straße und kalter Luft. Schirme wurden ausgeschüttelt, zusammengebunden und in einen Ständer gestellt.

Riedle begrüßte die Gruppe. Ihre Stimme war ruhig. Nichts an ihr verriet, dass Lorenz wenige Meter entfernt einen Zugang rekonstruierten ließ, der unter Riedles Namen benutzt worden war.

Clara ging mit den Besuchern. Andreas blieb hinter einer halb geöffneten Tür im angrenzenden Gang. Von dort sah er nur Ausschnitte: Schultern, Rücken, den hellen Steinboden, auf dem sich das Licht spiegelte.

„Um 15.27 Uhr wurde die Datei geöffnet“, sagte Lorenz leise. „Wir wollen wissen, wo die Gruppe dann steht und welche Tür unbeobachtet ist. Mehr nicht.“

„Und wenn Winter auftaucht?“

„Dann tun Sie gar nichts.“

Die Führung bewegte sich weiter. Riedles Erklärung wurde leiser, dann wieder deutlicher. Eine Frau trat zur Seite, um ein Schild zu lesen. Ein Mann schloss zu seiner Begleitung auf. Zwei Personen blieben vor einer Vitrine zurück.

Andreas sah auf die Uhr.

15.26 Uhr.

Clara stand am Rand der Gruppe. Ihr Blick glitt nicht über die Exponate, sondern über die Menschen.

15.27 Uhr.

Ein Mann im dunklen Mantel löste sich von den anderen. In seiner Hand hielt er einen geschlossenen roten Schirm. Er ging nicht zum Ausgang. Er wandte sich dem Gang zu, in dem Andreas wartete.

Clara sah ihn im selben Moment. Sie hob nur zwei Finger.

Das verabredete Zeichen.

Lorenz bewegte sich nicht. „Warten.“

Der Mann ging an der Tür zum alten Digitalisierungsraum vorbei. Dann blieb er stehen.

Andreas konnte sein Gesicht noch immer nicht sehen.

Der rote Schirm berührte den Boden.

„Warten“, wiederholte Lorenz.

Der Mann griff in seinen Mantel.

Andreas trat aus dem Gang.

Der Kopf des Mannes schnellte herum. Für einen Augenblick sah Andreas eine schmale Wange, dunkles Haar, den Ansatz eines Bartes. Dann stieß der Fremde eine Seitentür auf und lief hinaus.

Lorenz fluchte und folgte ihm. Andreas war direkt hinter ihr.

Im Innenhof peitschte der Regen schräg zwischen die Mauern. Die Tür zum Durchgang stand offen. Dahinter bewegten sich Schirme über den Marktplatz, rot, blau, schwarz, ineinanderlaufend wie Farbe auf nassem Papier.

Der Mann war verschwunden.

„Ich hatte gesagt, Sie warten“, sagte Lorenz.

„Er hat in den Mantel gegriffen.“

„Und Sie wollten wissen, was darin ist.“

„Ja.“

„Jetzt wissen wir gar nichts.“

Clara stand in der Tür. Sie sah nicht wütend aus. Nur müde.

„Du hältst Schweigen für falsch“, sagte sie. „Aber Zuhören auch.“

• • •

Der rote Schirm lag neben dem alten Digitalisierungsraum. Darunter hatte jemand eine Kunststoffkarte auf den Steinboden gelegt.

Eine schwarze Sieben auf grauem Grund.

Hanna brauchte nur einen Blick. „Dienstleisterkarte sieben.“

Lorenz ließ sie fotografieren, bevor sie aufgehoben wurde. In der alten Ausgabeliste stand neben der Nummer ein Name.

Lukas Winter.

Darunter befand sich Andreas’ Unterschrift.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich die Karte ausgegeben habe“, sagte er.

Clara betrachtete das Blatt. „Ja.“

„Glaubst du mir?“

„Ich weiß noch nicht, ob du lügst.“ Sie gab Lorenz die Liste zurück. „Das ist nicht dasselbe wie glauben.“

Hinter dem Schirm hatte ein flacher Umschlag in einer Mauernische gesteckt. Kein Name. Kein Absender. Darin lag eine einzelne bedruckte Seite.

Oben stand in großen Buchstaben:

EMPFANGSBESTÄTIGUNG ÜBER DIE RÜCKGABE

Riedle legte den Ausdruck neben die unscharfe Vorschau der ersten Seite. Papierformat, Rand und Schriftbild stimmten überein.

In der Mitte war ein Satz lesbar:

DIE BEZEICHNETE TAFEL WURDE AM 14. OKTOBER 1951 … AUSGEHÄNDIGT.

Vor dem Namen des Empfängers endete der Ausschnitt. Auch die Unterschrift fehlte.

„Dann wurde sie zurückgegeben“, sagte Andreas.

Hanna schüttelte den Kopf. „Der Text behauptet eine Aushändigung. Wir wissen nicht, an wen. Wir wissen nicht, ob diese Bestätigung unterschrieben wurde. Und wir wissen nicht, ob mit der bezeichneten Tafel genau das gemeint ist, was heute im Museum hängt.“

„Aber jemand hat uns zuerst nur die andere Seite gezeigt“, sagte Clara.

„Die Seite ohne Eigentumsübergang“, sagte Riedle.

Andreas sah auf die beiden Blätter. Auf der ersten Seite war aus einer Verwahrung ein möglicher Anspruch geworden. Auf der zweiten konnte aus diesem Anspruch eine längst erledigte Rückgabe werden.

Beide Seiten waren echt genug, um einander zu widersprechen.

Und beide waren so beschnitten, dass niemand entscheiden konnte, welche Geschichte vollständig war.

Nicht die Übergabe war aus der Geschichte verschwunden.

Jemand hatte die Rückgabe abgeschnitten.

Fiktionshinweis: Die „Lindauer Beweinung“, der Cavazzen und die öffentliche Museumsführung sind real. Die dargestellte Eigentums- und Rückgabefrage, sämtliche historischen Dokumente, Zugangs- und Inventarvorgänge sowie Dr. Eva Riedle, Hanna Kern und Lukas Winter sind frei erfunden. Reale Einrichtungen und Veranstaltungen dienen ausschließlich der zeitlichen und atmosphärischen Verankerung.