Nicht Teil des Spiels – Das gehört nicht zum Spiel

7 Tage im Schatten · Folge 5: Nicht Teil des Spiels

Kapitel 1 · Sonntag,

Clara bemerkte die Frau zum ersten Mal, weil sie lachte. Nicht besonders laut. Nicht aufgesetzt. Es war dieses kurze, überraschte Lachen eines Menschen, der gerade festgestellt hatte, dass er sich gründlich geirrt hatte.

„Das kann doch nicht stimmen“, sagte die Frau und hielt ihren Begleitern ein Blatt Papier entgegen. „Wir waren vor zwanzig Minuten schon hier.“

Die anderen lachten ebenfalls.

Es war Sonntagnachmittag auf der Lindauer Insel. Über den Gassen lag das milde Licht eines Oktobertages, der sich noch nicht entscheiden konnte, ob er freundlich oder kühl sein wollte. Die Luft roch nach feuchtem Stein und irgendwo nach frisch gebackenen Waffeln.

Clara war mit ihren beiden Kindern unterwegs gewesen. Sie hatten das Figurentheater im Stadttheater besucht, und jetzt diskutierten die beiden darüber, ob der Fuchs in der Geschichte tatsächlich mutig gewesen war oder nur so getan hatte.

„Entschuldigung?“

Die Frau mit dem Papier stand plötzlich vor ihr. Sie war vielleicht Mitte dreißig, trug einen dunkelblauen Mantel und hatte eine kleine schwarze Kameratasche quer über der Schulter hängen. Ihr braunes Haar war zu einem unordentlichen Knoten gebunden.

„Könnten Sie uns kurz fotografieren? Wir brauchen ein Gruppenbild.“

Clara sah an ihr vorbei. Fünf weitere Erwachsene standen ein paar Schritte entfernt und winkten.

„Natürlich.“

Clara zog ihr Smartphone aus der Manteltasche.

„Wir machen bei diesem Mordspiel mit. Kennen Sie das?“

Clara schüttelte den Kopf.

„Eine Art Stadtrallye“, erklärte die Frau. „Man bekommt Fotos und Hinweise und muss Orte finden. Eigentlich ganz lustig.“

„Eigentlich?“

Die Frau grinste.

„Wir haben uns schon zweimal verlaufen.“

Clara stellte sich so, dass alle sechs Personen auf das Bild passten. Die Gruppe rückte zusammen. Einer der Männer hob zwei Finger hinter dem Kopf seiner Nachbarin.

„Nicht albern werden“, rief jemand.

Clara machte zwei Aufnahmen. Auf der zweiten stand die Frau mit der Kameratasche ein wenig seitlich. Ihre linke Hand hatte sie hinter den Rücken genommen.

„Perfekt“, sagte die Frau, als Clara ihr die Aufnahmen zeigte.

„Würden Sie mir die beiden Fotos schicken?“

Clara öffnete WhatsApp. Die Frau diktierte eine Nummer.

„Mara. Mara Voss.“

„Clara.“

Clara verschickte beide Aufnahmen. Sie tauschten ein kurzes Lächeln aus.

Dreißig Sekunden später gingen sie in entgegengesetzte Richtungen weiter. Clara dachte nicht mehr an sie. Nicht, als sie mit den Kindern nach Hause fuhr. Nicht beim Abendessen. Und auch nicht, als Andreas sie später vor dem Zeughaus begrüßte.

***

„Du siehst müde aus“, sagte er.

„Danke. Du auch.“

„Dann passen wir ja zusammen.“

Sie lächelte.

Es war eines dieser vorsichtigen Lächeln, die zwischen ihnen wieder möglich geworden waren. Nach allem, was in den vergangenen Wochen geschehen war, hatte Clara beinahe vergessen, wie sich ein normaler Abend anfühlte. Keine verschlossenen Türen. Keine unerklärlichen Nachrichten. Keine Angst. Nur Musik.

Im Zeughaus spielte SOLAIRE, ein Trio mit Keyboards, Bass und Schlagzeug. Die Musik wechselte zwischen ruhigen, fast schwebenden Passagen und rhythmischen Ausbrüchen, bei denen Clara unwillkürlich mit dem Fuß den Takt aufnahm. Andreas saß neben ihr. Ihre Schultern berührten sich gelegentlich. Keiner rückte weg.

Während eines längeren Keyboard-Solos vibrierte Claras Telefon. Sie wollte es ignorieren. Dann sah sie den Namen auf dem Display. Mara Voss. Sie brauchte einen Moment, um ihn zuzuordnen. Die Frau vom Nachmittag. Eine WhatsApp-Nachricht. Ein Foto. Clara öffnete es.

Zunächst erkannte sie nichts Besonderes. Dunkle Pflastersteine, ein Stück Mauer, darüber der unscharfe Umriss eines Fensters. Das Bild war schief aufgenommen worden, als hätte jemand das Telefon im Gehen oder Laufen ausgelöst. Darunter stand ein einziger Satz.

Das gehört nicht zum Spiel.

Clara runzelte die Stirn.

„Was ist?“, flüsterte Andreas.

Sie zeigte ihm das Display.

„Eine Frau, die ich heute Nachmittag kennengelernt habe. Sie macht bei so einem Mordspiel auf der Insel mit.“

Andreas betrachtete das Foto.

„Vielleicht ein Hinweis.“

„Warum schickt sie ihn mir?“

„Vielleicht gehörst du jetzt unfreiwillig zur Mannschaft.“

Clara wollte antworten. Da erschien eine zweite Nachricht.

Wenn ich mich bis 21 Uhr nicht melde, schau dir euer Foto an.

Clara sah auf die Uhr.

20:47.

Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Sie tippte.

Ist alles in Ordnung?

Die Nachricht wurde zugestellt. Keine Antwort.

„Das ist nicht lustig“, sagte sie.

Andreas blickte erneut auf das Foto.

„Vielleicht soll es das auch nicht sein.“

Auf der Bühne setzte der Bass ein. Ein schneller Lauf, präzise und kraftvoll. Das Publikum reagierte mit einem kurzen, begeisterten Applaus.

Clara hörte kaum noch hin. Sie öffnete den Chat mit Mara. Clara öffnete das Profilbild. Es zeigte dieselbe Frau wie am Nachmittag. Sie stand an einem Seeufer, die Haare offen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Clara schloss das Bild wieder. Im Chat stand unter Maras Namen:

Zuletzt online heute um 20:47.

20:52.

„Ruf sie an“, sagte Andreas.

Clara tat es. Sie hörte das Freizeichen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann brach der Anruf ab. Clara hatte nicht aufgelegt.

***

Um 20:58 Uhr verließen sie den Saal. Draußen war es kühl geworden. Durch die Gassen zog ein schwacher Wind. Von irgendwoher drangen Stimmen herüber, ein Fahrrad rollte klappernd über das Pflaster. Andreas stellte sich unter eine Straßenlaterne.

„Zeig mir die Nachrichten noch einmal.“

Clara reichte ihm das Telefon. Er las schweigend.

„Sie schreibt euer Foto“, sagte er schließlich.

„Ja.“

„Nicht mein Foto. Nicht das Foto von heute Nachmittag.“

Clara sah ihn an.

„Was soll das bedeuten?“

„Vielleicht nichts. Aber sie will, dass du dir etwas Bestimmtes ansiehst.“

Clara öffnete ihre Galerie. Sie scrollte durch die Bilder des Tages. Ein Foto ihrer Kinder vor dem Theater. Ein verwackeltes Bild von einem Schaufenster. Dann die beiden Gruppenaufnahmen. Sechs Menschen. Ein Stadtplan. Lächelnde Gesichter. Sie vergrößerte das erste Foto.

„Was soll ich denn da sehen?“

Andreas beugte sich näher. Sein Ärmel berührte ihren.

„Warte.“

Er nahm das Telefon und zoomte weiter hinein.

Hinter der Gruppe, am Rand der Gasse, stand ein Mann. Dunkle Jacke. Helle Schuhe. Das Gesicht teilweise im Schatten.

„Der gehört nicht dazu“, sagte Clara.

„Bist du sicher?“

„Ja. Es waren sechs Leute. Genau sechs.“

Andreas schob den Bildausschnitt ein wenig nach links. Zumindest wirkte es plötzlich nicht mehr zufällig, dass der Mann dort stand. Er hatte den Kopf leicht gedreht. Sein Blick galt weder Clara noch der Kamera. Er sah die Frau mit der schwarzen Kameratasche an. Mara.

„Vielleicht ein Passant“, sagte Andreas.

Aber seine Stimme klang nicht überzeugt.

Clara öffnete das zweite Foto. Der Mann war noch immer da. Nur stand er jetzt näher. Sie hatte ihn beim Fotografieren nicht bemerkt.

Und plötzlich erinnerte sie sich an etwas. An den Augenblick, als sie Mara die Aufnahmen gezeigt hatte. Die Frau hatte gelächelt. Aber kurz bevor sie sich verabschiedeten, hatte sie über Claras Schulter hinweggeblickt. Nur einen Augenblick. Danach war ihr Lächeln verschwunden. Clara hatte es für Müdigkeit gehalten. Jetzt war sie sich nicht mehr sicher.

21:00 Uhr.

Die Glocken einer nahen Kirche schlugen. Clara starrte auf das Display. Keine Nachricht. Sie schrieb erneut.

Bitte melde dich. Ich mache mir Sorgen.

Ein Haken. Sie wartete. Der zweite Haken erschien nicht.

„Wir sollten zur Polizei gehen“, sagte sie.

Andreas nickte langsam.

„Ja.“

Clara öffnete noch einmal Maras Kontakt. Das Profilbild war verschwunden. Dort, wo eben noch das Gesicht der Frau am See zu sehen gewesen war, stand nur noch ein grauer Kreis mit einem Buchstaben. Clara spürte, wie ihre Finger kalt wurden.

„Andreas?“

Er sah auf ihr Telefon.

„Was?“

„Ihr Bild ist weg.“

Er sagte nichts. Sie kehrte in den Chat zurück. Unter dem Namen stand:

Zuletzt online heute um 20:47.

Clara sah wieder auf das Gruppenfoto. Auf die sechs lachenden Menschen. Auf Mara. Auf den Mann im Hintergrund.

Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht, was auf diesem Foto zu sehen war. Sondern was darauf fehlte.

Fortsetzung: Kapitel 2 – „Der falsche Hinweis“ (Montag, 19. Oktober 2026).