Nicht Teil des Spiels – Der falsche Hinweis

7 Tage im Schatten · Folge 5: Nicht Teil des Spiels

Kapitel 2 · Montag,

Am Montagmorgen stand unter Claras letzter Nachricht noch immer nur ein Haken.

Sie hatte das Telefon neben die Kaffeemaschine gelegt, mit dem Display nach oben. Jedes Mal, wenn sie daran vorbeikam, berührte sie den Bildschirm. Als könnte es helfen, oft genug nachzusehen. Draußen hing Nebel zwischen den Häusern. Von der Straße waren Motorengeräusche zu hören, eine zuschlagende Autotür, das kurze Rattern eines Rollladens. Der Montag hatte längst begonnen. Nur Clara wartete noch auf das Ende des Sonntagabends. Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, setzte sie sich an den Küchentisch. Der Kaffee war inzwischen kalt.

Bitte melde dich. Ich mache mir Sorgen.

Die Worte kamen ihr aufdringlich vor. Sie kannte Mara Voss kaum. Eine Frau mit einer Kameratasche, ein Gruppenfoto, eine Telefonnummer. Sie wusste nicht einmal, ob Mara in Lindau wohnte. Trotzdem hatte sie beim Einschlafen immer wieder ihr Gesicht gesehen. Nicht das vom Profilbild. Das Gesicht auf der zweiten Aufnahme, kurz bevor die sechs Menschen auseinandergegangen waren. Clara tippte eine neue Nachricht.

Mara? Bitte nur ein kurzes Zeichen.

Auch darunter erschien ein einzelner Haken. Sie legte das Telefon weg. Gleich darauf nahm sie es wieder in die Hand und rief Andreas an.

„Nichts?“, fragte er.

„Nichts.“

Im Hintergrund klirrte Geschirr.

„Ich komme vorbei.“

Clara wollte sagen, dass er das nicht müsse. Stattdessen fragte sie: „Bringst du Kaffee mit?“

„Du hast doch welchen.“

„Frischen.“

Er verstand, was sie meinte. Als er kam, hatte er zwei Pappbecher dabei. Clara räumte die unbenutzte Zuckerdose vom Tisch, um Platz zu machen. Andreas setzte sich ihr gegenüber und zog den Stuhl näher heran.

„Hast du noch einmal bei der Polizei angerufen?“

Sie schüttelte den Kopf. Am späten Abend hatten sie die Nachrichten und die beiden Aufnahmen vorgezeigt. Clara hatte ihre Begegnung mit Mara geschildert, Andreas den Mann im Hintergrund. Namen der anderen Teilnehmer konnten sie nicht nennen. Eine Adresse ebenso wenig. Der Beamte hatte sich alles notiert und Clara gebeten, sich bei jeder neuen Nachricht wieder zu melden. Beim Verlassen der Wache hatte sie zum ersten Mal seit Stunden das Gefühl gehabt, etwas getan zu haben. Es hatte bis zur Haustür gehalten. Andreas stellte seinen Becher ab.

„Lass uns bei dem anfangen, was wir überprüfen können. Dieses Spiel.“

Er öffnete auf seinem Telefon die Beschreibung. Fotoliste. Stadtplan. Gruppenbilder an die Spielleitung. Anschließend ein neuer Hinweis. Clara las über seine Hand hinweg.

„Also genau das, was sie gesagt hat.“

„Ja.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen ließ der Druck in ihrer Brust etwas nach. Vielleicht war Mara nach Hause gegangen und hatte ihr Telefon ausgeschaltet. Vielleicht saß sie gerade beim Frühstück und ahnte nicht, was sie angerichtet hatte. Clara suchte nach einer Kontaktmöglichkeit. Als sie die Spielleitung erreichte, stellte sie den Lautsprecher an. Sie erklärte, dass sie am Vortag eine Gruppe fotografiert hatte. Dann las sie die beiden Nachrichten vor. Am anderen Ende blieb es kurz still.

„Sie waren selbst nicht als Teilnehmerin angemeldet?“

„Nein. Ich habe nur das Foto gemacht.“

„Und die Nachrichten kamen von der Frau aus der Gruppe?“

„Von der Nummer, die sie mir gegeben hat.“

Clara hörte ein leises Tippen.

„Diese Texte gehören nicht zu unseren Hinweisen“, sagte die Frau schließlich. „Wir schicken auch keine unbeteiligten Passanten zu weiteren Stationen.“

Andreas nahm seinen Becher in beide Hände. Er trank nicht.

„Können Sie nachsehen, ob die Gruppe gestern fertig geworden ist?“, fragte Clara.

„Geben Sie bitte meine Kontaktdaten an die Polizei weiter. Die kann sich direkt bei uns melden.“

Clara bedankte sich. Als das Gespräch beendet war, lag das Telefon zwischen ihnen auf dem Tisch.

„Vielleicht hat sie sich trotzdem einen Scherz erlaubt“, sagte sie.

Andreas antwortete nicht sofort.

„Vielleicht.“

Sie hätten beide gern daran geglaubt. Clara rief erneut bei der Polizei an und gab die Auskunft der Spielleitung weiter. Diesmal hatte sie die Nummer der zuständigen Stelle schon griffbereit. Als sie auflegte, war ihr Kaffee wieder kalt. Andreas hatte inzwischen die Gruppenaufnahmen geöffnet.

„Kannst du mir die Originale schicken?“

„Du hast sie doch.“

„Die aus dem Chat. Ich möchte die Dateien aus deiner Galerie.“

Sie reichte ihm ihr Telefon. Der Mann am Rand der Gasse wurde auch dadurch nicht deutlicher. Sein Gesicht blieb halb verdeckt, die Augen lagen im Schatten. Je weiter Andreas das Bild vergrößerte, desto weniger war zu erkennen.

„Das bringt nichts“, sagte Clara.

„Warte. Ich bin gerade woanders.“

Er schob das Foto zurück. Mara stand in der Mitte der Gruppe, leicht zur Seite gedreht. Ihr linker Arm verschwand hinter ihrem Rücken. Neben der dunklen Mantelkante war ein Stück ihrer Hand zu sehen. Andreas vergrößerte diesen Ausschnitt.

Zwei helle Finger.

„Was ist damit?“

Er wechselte zum zweiten Foto. Auf den ersten Blick war es dasselbe Bild. Die Frau neben Mara lachte noch immer, einer der Männer hatte den Mund geöffnet. Aber Maras Hand lag ein wenig anders.

Jetzt waren drei Finger zu erkennen.

Clara beugte sich vor.

„Sie hat die Hand bewegt.“

„Ja.“

„Zwischen zwei Fotos bewegt man sich.“

„Natürlich.“

Sie hörte die Vorsicht in seiner Stimme. Er wollte ihr nichts einreden. Das machte es schlimmer. Clara wechselte selbst zwischen den Aufnahmen hin und her. Zwei Finger. Drei. Vielleicht hatte Mara bloß nach dem Gurt ihrer Tasche gegriffen. Vielleicht war das, was sie für einen ausgestreckten Finger hielten, nur eine helle Stelle im Bild. Aber dann sah sie wieder den Mann. Auf der zweiten Aufnahme stand er näher an der Gruppe.

„Wenn das Absicht war“, sagte sie langsam, „dann hat das nicht erst gestern Abend angefangen.“

Andreas blickte auf.

„Dann hatte sie schon Angst, als ich vor ihr stand.“

Clara erinnerte sich an das Lachen. An die Bemerkung über das Verlaufen. An ihre Kinder, die ungeduldig neben ihr gewartet hatten. Sie hatte zwei Fotos gemacht und Mara zurück in die Gruppe gehen lassen. Andreas schob ihr das Telefon hin.

„Du konntest nichts wissen.“

Clara strich mit dem Daumen über den Rand der Hülle.

„Ich weiß.“

Sie hörte selbst, dass es nicht stimmte.

***

Um halb vier waren sie wieder auf der Insel. Clara hatte den Beamten auch auf die Handhaltung hingewiesen. Er hatte nachgefragt, was sie tatsächlich erkennen könne. Danach hatte sie ihre Entdeckung vorsichtiger beschrieben. Jetzt gingen sie durch die Gasse, in der sie die Gruppe fotografiert hatte. Der Nebel war verschwunden. Auf den Fenstern der oberen Stockwerke lag blasses Sonnenlicht, zwischen den Häusern blieb die Luft kühl. Clara blieb ungefähr dort stehen, wo sie am Vortag das Telefon gehalten hatte. Andreas ging ein Stück weiter und drehte sich zu ihr um.

„Hier?“

Sie verglich seinen Standort mit dem Gruppenfoto.

„Etwas weiter links.“

Er machte einen Schritt. An der Stelle, an der der fremde Mann gestanden hatte, war nichts Auffälliges. Eine Hauswand, eine Tür, ein Fallrohr. Menschen kamen vorbei, ohne hinzusehen. Clara versuchte, sich Maras Blick über ihre Schulter vorzustellen. Das verwackelte Foto vom Abend zeigte eine andere Mauer. Sie hatten es auf dem Weg hierher mehrfach mit Hauseingängen verglichen. Bisher hatte jeder gepasst, bis sie genauer hingesehen hatten.

„Wir können nicht jede Wand der Insel absuchen“, sagte Andreas.

„Ich weiß.“

Zum zweiten Mal an diesem Tag. Ihr Telefon vibrierte.

15:40 Uhr.

Clara blieb so abrupt stehen, dass eine Frau hinter ihr ausweichen musste. Sie entschuldigte sich, ohne aufzusehen.

Mara Voss.

Über der neuen Nachricht standen Claras unbeantwortete Sätze. Darunter waren jetzt jeweils zwei Haken.

Nächste Station.

Dann lud ein Foto. Hafenwasser. Ein Stück Kaimauer. Im Hintergrund die Hafeneinfahrt. Clara erkannte den Leuchtturm, bevor das Bild vollständig scharf war. Unter dem Foto stand:

16:00

Andreas war zu ihr zurückgekommen.

„Sie ist wieder da“, sagte Clara.

Er las die Nachricht.

„Ihr Telefon ist wieder da.“

Clara tippte eine Frage, löschte sie und rief an. Keine Verbindung. Sie versuchte es erneut, dann gab sie auf. Die Worte der Spielleitung kamen ihr in den Sinn. Keine unbeteiligten Passanten. Keine weiteren Stationen. Sie leitete Andreas das Hafenbild weiter und rief bei der Polizei an. Clara gab durch, dass sie auf der Insel waren und zum Hafen gehen würden. Dort seien Menschen. Sie würden versuchen, Mara zu finden.

„Wenn Sie sie sehen, bleiben Sie bitte am Telefon“, sagte der Beamte.

Clara versprach es. Auf dem Weg zum Hafen hielt Andreas ihr sein Display hin. Er hatte die Abfahrtszeit der Bregenzer-Bucht-Rundfahrt aufgerufen. 16 Uhr. Ab Hafen Lindau.

„Das kann sie meinen“, sagte er.

„Oder jemand will, dass wir das denken.“

Sie wunderte sich über ihren eigenen Satz. Noch am Morgen hatte sie sich gewünscht, dass Andreas ihr erklärte, warum alles harmlos war. Jetzt lief er neben ihr schneller.

Am Hafen standen Leute vor einem Ausflugsschiff. Ein Mann half einer Frau beim Zusammenklappen eines Kinderwagens. Zwei ältere Paare verglichen ihre Fahrkarten. Auf dem Wasser schlug eine lose Leine gegen einen Schiffsrumpf, immer im selben Abstand. Clara suchte zwischen den Wartenden nach einem dunkelblauen Mantel.

Keiner.

„Mara?“

Sie hatte den Namen nur leise gesagt. Eine Frau neben ihr drehte sich um. Clara schüttelte den Kopf und ging weiter. Andreas blieb an der Kaimauer stehen und hielt das empfangene Foto vor sich. Er drehte sich langsam, bis die Hafeneinfahrt auf seinem Display mit der vor ihnen übereinstimmte.

„Von ungefähr hier.“

Clara trat zu ihm. Im Vordergrund des Bildes war die Ecke einer Bank angeschnitten. Sie hatte sie zunächst für einen Teil des Kais gehalten.

Die Bank stand wenige Schritte entfernt.

An ihrem äußeren Ende lag eine schwarze Tasche.

Der schmale Gurt hing über die Sitzfläche. Clara dachte an den Nachmittag zuvor, an die Tasche vor Maras Hüfte. Sie öffnete das Gruppenfoto und hielt es neben das neue Bild. Der gleiche breite Verschluss. Die gleiche helle Scheuerstelle an einer Ecke.

„Andreas.“

Er folgte ihrem Blick. Clara sah sich um. Niemand kam auf die Bank zu. Niemand schien darauf zu achten, dass sie vor ihr stehen geblieben waren. Der Verschluss war offen. Unter der angehobenen Klappe ragte weißes Papier hervor. Sie griff danach, hielt aber inne.

„Das lassen wir besser“, sagte Andreas leise.

Clara zog die Hand zurück. Ihr Herz schlug bis in den Hals.

„Wenn ihre Kamera drin ist, könnte …“

Sie beendete den Satz nicht. Vom Rand der Bank aus konnte sie in die Tasche sehen. Zwischen den nach oben geklappten Polstern lag keine Kamera. Nur ein gefaltetes Blatt.

Es war ein Foto.

Ihr Foto.

Clara erkannte den ausgestreckten Arm des Mannes aus der Gruppe, das helle Papier des Stadtplans und Maras Mantel. Jemand hatte die Aufnahme ausgedruckt. Um die Gestalt im Hintergrund war mit blauem Kugelschreiber ein Kreis gezogen. Einen Augenblick lang hörte sie die Leine nicht mehr. Auch die Stimmen der Fahrgäste waren weg. Sie sah nur das Blatt, auf dem festgehalten war, was sie gestern übersehen hatte. Auf dem nach außen gefalteten Stück der Rückseite standen fünf Wörter.

Er war schon vorher da.

Clara nahm ihr Telefon und fotografierte die Tasche, ohne näher heranzugehen. Dann rief sie wieder bei der Polizei an. Sie nannte ihren Standort. Die Bank. Die Kameratasche. Das ausgedruckte Bild. Während sie sprach, sah Andreas sich um.

„Wir bleiben hier“, sagte Clara in den Hörer.

Vom Schiff kam eine Durchsage. Die letzten Fahrgäste gingen an Bord. Eine Möwe ließ sich hinter der Bank auf dem Pflaster nieder und suchte zwischen den Steinen nach etwas Essbarem. Clara wiederholte den Satz auf dem Papier.

„Was heißt vorher?“, fragte Andreas, als sie aufgelegt hatte.

Sie sah auf die Aufnahme in der Tasche. Dann auf die dunklen Fenster oberhalb der Promenade.

„Vor dem Foto? Vor dem Spiel?“

Ein tiefer Signalton ging über das Hafenbecken. An Bord wurde die Verbindung zum Kai gelöst. Das Wasser zwischen Schiff und Mauer begann zu wirbeln. Clara trat unwillkürlich einen Schritt nach vorn, blieb dann aber neben der Bank stehen.

„Da hinten“, sagte Andreas.

Auf dem hinteren Teil des Decks stand eine einzelne Person an der Reling. Dunkle Jacke. Der Kopf war abgewandt. Zwischen Clara und dem Schiff liefen noch immer Menschen über die Promenade. Sie hob das Telefon und vergrößerte den Bildausschnitt. Für einen Moment verschwand die Gestalt hinter dem Schulterriemen eines vorbeigehenden Mannes. Als Clara sie wiederfand, hatte das Schiff sich weiter vom Kai entfernt.

War es der Mann aus der Gasse?

Sie drückte auf den Auslöser. Im selben Moment erschien oben auf dem Display eine neue Nachricht von Mara.

Steigt nicht auf das Schiff.

Clara ließ das Telefon sinken. Andreas las über ihre Schulter. Dann sahen beide zu dem breiter werdenden Streifen Wasser zwischen Schiff und Kai.

Der Satz war zu spät gekommen.

Oder genau rechtzeitig.

Fortsetzung folgt.