Das fehlende Bild – Das Geräusch dahinter

Mittwoch · Kapitel 4 von 7

Um sieben Uhr vierzehn hatte Andreas die Tür dreiundvierzig Mal geschlossen.

Nicht die wirkliche Tür. Nur das Geräusch.

Er hatte die letzten Sekunden von Helenas Anruf ausgeschnitten und in eine Audiodatei gelegt. Ein Glockenschlag. Ein zweiter. Rauschen. Dann dieses kurze metallische Klacken, gefolgt von einem tiefen Summen.

Andreas schob die Wiedergabemarke zurück.

Klack. Summen. Stille.

Draußen fuhr ein früher Bus durch die Straße. Durch das offene Fenster kam warme Luft, obwohl der Morgen kaum begonnen hatte.

Clara stand in der Wohnungstür. „Wenn du es noch oft genug abspielst, wird es vielleicht zu Musik.“

„Es ist eine Verriegelung.“

„Guten Morgen wäre auch möglich gewesen.“

Andreas drückte erneut auf Start.

„Hör auf das Summen nach dem Klacken.“

Clara trat hinter ihn. Sie roch nach Kaffee und dem Shampoo, das er inzwischen erkannte, bevor er darüber nachdenken konnte.

Klack. Summen.

„Eine automatische Tür“, sagte sie.

„Wahrscheinlich eine Schiebetür. Erst löst die Verriegelung, dann läuft der Motor.“

„Und die Glocke?“

„Zu weit weg für denselben Raum. Aber nah genug, dass das Mikrofon sie sauber aufnimmt.“

Clara stellte ihm einen Becher hin. „Das Telefon war dort.“

Andreas sah zu ihr.

„Nicht Helena“, sagte sie. „Das Telefon.“

Er nickte. Genau deshalb hatte er sie gebraucht, bevor er die erste Vermutung zu einer Gewissheit machte.

• • •

Kommissarin Lorenz rief zwölf Minuten später zurück.

„Die Nummer auf Ihrem Display beweist nichts“, sagte sie. „Rufnummern lassen sich manipulieren. Die Aufnahme kann live sein, vorbereitet oder über ein anderes Gerät abgespielt.“

„Das weiß ich.“

„Dann sagen Sie nicht wieder, Sie wüssten, wo Frau Berg ist.“

„Ich weiß, wonach ich suche.“

„Das ist ein anderer Satz.“

Andreas öffnete eine Karte von Lindau. „Öffentliche Gebäude mit automatischen Türen. Dazu eine Glocke in Hörweite.“

„Das sind sehr viele Gebäude.“

„Nicht mit diesem Türantrieb.“

Lorenz schwieg einen Moment. „Schicken Sie mir die Datei und Ihre Liste. Sie betreten keine abgesperrten Bereiche. Sie verfolgen niemanden. Und wenn die Nummer noch einmal anruft, halten Sie die Verbindung offen.“

„Einverstanden.“

„Das war zu schnell.“

„Ich kann es langsamer sagen.“

Clara nahm ihm das Telefon aus der Hand. „Ich bin dabei, Frau Lorenz.“

„Das beruhigt mich nur begrenzt, Frau Vogt.“

„Mich auch.“

Nach dem Gespräch schrieb Andreas drei Orte auf. Clara strich zwei weitere hinzu.

Beim dritten hörten sie auf zu diskutieren und fuhren los.

• • •

Am Nachmittag lag die Wärme über der Stadt wie an einem späten Sommertag.

Sie standen vor Eingängen, warteten auf fremde Menschen und nahmen Türen auf, die sich öffneten und schlossen. Eine glitt fast lautlos. Eine piepte vor jedem Schließen. Eine schlug mit einem dumpfen Stoß in die Führung.

Keine klang wie Helenas Anruf.

Am Bahnhof Reutin stiegen Reisende aus einem Ersatzbus und suchten mit Taschen und Rollkoffern nach dem richtigen Bahnsteig. Für einige Minuten verschwand jedes einzelne Geräusch unter Motoren, Stimmen und rollenden Rädern.

Andreas wartete, bis es ruhiger wurde. Dann ließ er eine Glastür noch einmal öffnen.

Klack.

Ein Motor setzte ein.

Er hielt das Telefon näher an die Führung.

Clara schüttelte den Kopf. „Zu hell.“

„Geräusche haben keine Farbe.“

„Dieses schon. Auf der Aufnahme ist ein Raum dahinter.“

Andreas spielte beide Dateien nacheinander ab. Sie hatte recht. Beim Anruf lag unter dem Motorgeräusch ein kurzer, hohler Nachklang. Die Tür öffnete nicht ins Freie, sondern in eine Halle oder einen Windfang.

Er löschte den Ort von seiner Liste.

„Noch fünf“, sagte er.

„Vier“, sagte Clara. „Du hast den Eingang am Krankenhaus doppelt eingetragen.“

„Haupteingang und Notaufnahme.“

„Natürlich.“

Am Ende blieben drei Türen, die ähnlich klangen, und keine Spur von Helena.

• • •

Kurz vor sieben gingen sie über den Therese-von-Bayern-Platz.

Am Kleinen See waren die Stände des Abendmarkts geöffnet. Menschen hielten Gläser in der Hand, Kinder liefen zwischen den Tischen hindurch, und vor den Musikern standen bereits die ersten Zuhörer. Hinter allem lag das ruhige Wasser in dem letzten hellen Streifen des Tages.

„Wir suchen hier keine Tür“, sagte Clara.

„Wir hören uns einen Ort an.“

„Das klingt verdächtig nach einer Tür.“

Die Musikkapelle Unterreitnau begann zu spielen. Blechbläser setzten ein, warm und kräftig, dann zog sich eine helle Trompetenfolge über den Platz.

Andreas’ Telefon klingelte.

Auf dem Display stand Helenas Nummer.

Er nahm an und schaltete den Lautsprecher ein.

Keine Stimme.

Nur Musik.

Dieselbe Trompetenfolge kam aus dem Telefon, einen Augenblick später als von den Musikern.

Clara sah zur Bühne, dann auf das Display. „Das ist hier.“

Andreas drehte sich langsam. Im Telefon rauschte die Menge. Eine Frau lachte dicht am Mikrofon. Ein Glas fiel um, ohne zu zerbrechen.

Dann kam das Klacken.

Der tiefe Motor setzte ein.

Andreas ging los.

„Lorenz“, sagte Clara hinter ihm.

„Ruf sie an.“

Er hielt sein Telefon vor sich, als wäre es ein Kompass. Je näher er zu den Gebäuden am Platz kam, desto deutlicher unterschied sich der Klang im Lautsprecher von dem Konzert hinter ihm. Die Musik auf dem Telefon war gedämpft. Dazwischen lag Glas.

Eine Tür öffnete sich. Menschen traten heraus.

Klack. Summen.

Nicht dieselbe.

Weiter rechts führte eine zweite Glastür in einen tiefen Windfang. Niemand benutzte sie. Hinter den Scheiben war nur die Spiegelung des Platzes zu sehen.

Im Telefon klatschte jemand im Takt.

Andreas trat vor die Tür.

Der Sensor reagierte.

Klack.

Das tiefe Summen begann.

Gleichzeitig hörte er es aus dem Lautsprecher.

„Hier“, sagte er.

• • •

Der Windfang war leer.

Rechts stand ein großer Pflanzkübel. Dahinter fiel ein schwaches Licht auf den Boden, kaum sichtbar im letzten Tageslicht.

Ein Telefon.

Andreas blieb stehen. Clara erreichte ihn und hielt bereits Lorenz in der Leitung.

„Nicht anfassen“, sagte sie.

„Hatte ich nicht vor.“

Das Display des fremden Telefons zeigte einen laufenden Anruf. Keine gespeicherte Nummer, keinen Namen. Nur die verstrichene Zeit.

Vierundvierzig Sekunden.

Fünfundvierzig.

Dann endete die Verbindung.

Im selben Augenblick vibrierte Andreas’ eigenes Telefon.

Eine Bilddatei.

Sie zeigte ihn im Lindenhofpark. In der Hocke vor der niedrigen Mauer, die Hand wenige Zentimeter von der versteckten Dose entfernt. Clara stand hinter ihm.

Das Foto war am Dienstag aufgenommen worden.

Aus höchstens zehn Metern Entfernung.

„Er war dort“, sagte Clara.

Andreas vergrößerte den linken Bildrand. Zwischen zwei Baumstämmen stand eine dunkle Gestalt. Graue Kappe, schmale Schultern, das Gesicht abgewandt.

„Das ist zu deutlich“, sagte er.

„Was?“

„Er sollte gefunden werden.“

Blaulicht spiegelte sich auf der Scheibe. Lorenz kam über den Platz, begleitet von zwei Beamten. Sie ließ den Windfang räumen und das fremde Telefon sichern.

„Sie bleiben hier“, sagte sie zu Andreas.

„Ich stehe hier.“

„Dann machen Sie damit weiter.“

Clara blickte auf sein Display. „Auf dem Foto spiegelt sich die Mauer.“

„Nein“, sagte Andreas.

Er zog den Ausschnitt größer.

Hinter ihm war im Glas einer Informationstafel eine zweite Person zu sehen. Näher als der Mann mit der Kappe. Das Gesicht nur halb, aber scharf genug für die linke Augenbraue.

Dort verlief eine kleine Narbe.

Andreas kannte sie von einem der beiden Passbilder.

Einer der Männer, die 1990 Martin Rehfeld geheißen hatten, war nicht verschwunden.

Er hatte gestern hinter Andreas gestanden.