Sonntag · Kapitel 1 von 7
Der Tote lehnte an Claras Wohnungstür.
Sein Kopf war zur Seite gesunken. Die Augen geschlossen, der Mund halb geöffnet. Eine Frau hielt ihn unter den Armen, als könne sie noch verhindern, was längst geschehen war. Hinter ihr hob ein Engel dunkle Flügel in einen Himmel, der einmal heller gewesen sein musste.
Clara blieb auf der letzten Treppenstufe stehen.
Kein Mensch. Ein Bild.
Eine schmale Holztafel in einem dunklen Rahmen, kaum größer als ein aufgeklapptes Fenster. Sie stand leicht schräg an der Wand, genau dort, wo Clara am Abend die Schuhe der Kinder zur Seite gestellt hatte. Das matte Morgenlicht aus dem Treppenhausfenster lag auf den Gesichtern wie Staub.
Sie kannte das Bild.
Am Vortag hatte sie davor im Cavazzen gestanden.
DIE LINDAUER BEWEINUNG.
Clara griff nach ihrem Telefon, berührte die Tafel aber nicht. Es war kurz nach sieben. Im Haus war es still. Von draußen drang das Anfahren eines Busses herauf, dann wieder nichts.
Sie fotografierte das Bild. Erst von vorn, dann seitlich. Auf dem Boden lag kein Verpackungsmaterial. Keine Decke, kein Karton, keine Spur von einem Transport. Nur ein dünner roter Faden, der zwischen Rahmen und Wand hervorsah.
Clara beugte sich näher.
Der Faden war um einen kleinen Messingschlüssel geknotet.
Sie wählte Andreas.
Er ging nach dem ersten Klingeln heran.
„Was ist passiert?“
Nicht guten Morgen. Nicht warum rufst du so früh an.
Was ist passiert.
„Vor meiner Tür steht ein Bild.“
Am anderen Ende entstand eine Pause. Zu kurz, um zufällig zu sein.
„Fass die Rückseite nicht an“, sagte Andreas.
Clara sah den roten Faden an.
„Woher weißt du, dass die Rückseite wichtig ist?“
„Weil niemand ein Bild vor eine Wohnungstür stellt, damit man nur die Vorderseite anschaut.“
Er klang ruhig. Fast zu ruhig.
„Ich rufe Lorenz an“, sagte Clara.
„Bin unterwegs.“
„Andreas—“
Die Verbindung war beendet.
• • •
Kommissarin Lorenz traf drei Minuten vor Andreas ein. Sie trug eine dunkle Übergangsjacke und den Gesichtsausdruck eines Menschen, der schon vor dem ersten Kaffee wusste, dass der Tag zu lang werden würde.
„Niemand hat es angefasst?“
Clara schüttelte den Kopf.
Lorenz betrachtete die Tafel, ohne sich über sie zu beugen. „Sie sind sicher, dass das dieses Bild aus dem Museum ist?“
„Ich bin sicher, dass es so aussieht.“
Schritte kamen die Treppe herauf. Andreas erschien im Stockwerk, außer Atem, die dunkle Jacke offen. Sein Blick fiel zuerst auf Clara, dann auf die Tafel.
Für einen Moment veränderte sich sein Gesicht.
Nicht Überraschung. Wiedererkennen.
„Die Beweinung“, sagte er.
„Das sehe ich auch“, erwiderte Lorenz.
Andreas ging in die Hocke, hielt jedoch Abstand. „Der Rahmen ist nicht mittelalterlich.“
„Das Original wurde mehrfach restauriert“, sagte Clara. „Das stand gestern im Museum.“
„Ich weiß.“
Sie sah ihn an. „Du hast kaum hingesehen.“
„Offenbar länger, als du dachtest.“
Lorenz zog Handschuhe an und ließ die Spurensicherung kommen. Erst als die Tafel auf einer gepolsterten Unterlage lag, durfte sie gewendet werden.
Die Rückseite bestand aus dunklem Holz. Quer darüber verliefen zwei jüngere Leisten. Wachsreste, alte Schraubenlöcher und kleine Beschriftungen lagen übereinander wie Spuren verschiedener Leben.
Der rote Faden führte zu dem Messingschlüssel. Unter ihm steckte ein gefaltetes Blatt.
Lorenz öffnete es mit einer Pinzette.
Darauf stand nur ein Satz.
FRAG ANDREAS, WARUM ER WUSSTE, DASS ES FEHLT.
Niemand sprach.
Andreas las den Satz zweimal. Dann sah er Clara an.
„Ich wusste es nicht.“
„Das hat auch niemand behauptet“, sagte sie.
„Du denkst es aber.“
Lorenz faltete das Blatt nicht wieder zusammen. „Ab jetzt denkt hier niemand laut. Herr Seidel, Sie kommen mit aufs Präsidium. Frau Vogt ebenfalls.“
„Und das Bild?“ fragte Clara.
„Das fährt nicht ins Museum zurück, bevor wir wissen, welches von beiden zurückmüsste.“
• • •
Gegen halb elf füllte sich der Marktplatz. Eine Stadtführung blieb vor dem Cavazzen stehen, Köpfe legten sich in den Nacken, Hände zeigten auf die bemalte Fassade und das geschwungene Dach. Niemand in der Gruppe bemerkte den neutralen Transportwagen am Seiteneingang.
Clara stand mit Andreas und Lorenz in einem kleinen Raum hinter der Ausstellung. Die Restauratorin, die Lorenz hinzugezogen hatte, hieß Dr. Eva Riedle. Sie sprach leise und vermied jedes Wort, das nicht durch eine Untersuchung gedeckt war.
„Die Tafel aus dem Treppenhaus ist alt“, sagte sie. „Der Rahmen passt zu den dokumentierten Veränderungen des Museumsbildes. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.“
„Und das Bild, das hier hängt?“ fragte Andreas.
„Ist ebenfalls alt.“
„Also zwei Originale?“
„Oder zwei alte Tafeln, von denen höchstens eine das Original ist.“
Auf einem Monitor waren vergrößerte Aufnahmen der beiden Gemälde zu sehen. Dieselben Gesichter. Dieselben dunklen Flügel. Dieselben Beschädigungen. Selbst die feinen Risse in der Malschicht schienen sich zu wiederholen.
Nur unterhalb der linken Hand des Engels gab es eine Abweichung: einen kaum sichtbaren hellen Punkt.
„Auf dem Bild aus dem Museum fehlt er“, sagte Clara.
Riedle nickte. „Gestern war er noch da.“
Andreas wandte sich ihr zu. „Sie haben eine Aufnahme von gestern?“
„Die Dokumentation vor dem Rundgang.“
„Dann wurde das Bild in der Nacht ausgetauscht.“
„Oder der Punkt wurde entfernt“, sagte Clara.
Andreas sah sie an. „Warum sollte jemand das tun?“
„Damit wir genau diesen Schluss ziehen.“
Etwas Kaltes trat zwischen sie. Keine offene Anschuldigung. Noch nicht.
Lorenz’ Telefon vibrierte. Sie las eine Nachricht, steckte es wieder ein und bat Andreas hinaus. Nur für ein paar Fragen, sagte sie.
Clara blieb bei den beiden Bildern zurück.
Ihr eigenes Telefon zeigte eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Ein Video. Acht Sekunden.
Die Aufnahme stammte aus dem Treppenhaus ihres Wohnhauses. Eine Person kam von unten, trug die Tafel mit beiden Händen und stellte sie vor Claras Tür. Dunkle Hose. Dunkle Jacke. Kurzes Haar.
Beim Aufstehen wandte der Mann das Gesicht zur Kamera.
Clara stoppte das Bild.
Es war unscharf. Von grauen Blöcken durchzogen. Doch die schmale Kontur, der Bartschatten und die Bewegung, mit der er die linke Schulter zurücknahm, kannte sie.
Andreas.
Unter dem Video stand:
ER WAR VOR DIR DA.
Clara löschte die Nachricht nicht.
Sie zeigte sie auch Lorenz nicht.
• • •
Am Abend strömten die Besucher zur Inselhalle. Vor dem Eingang standen kleine Gruppen, lachten, suchten ihre Karten und verschwanden durch die beleuchteten Türen. Von der Inselzufahrt her zog kühle Luft über den Therese-von-Bayern-Platz.
Andreas wartete am Rand des Platzes. Er hatte Clara gebeten zu kommen. Keine Erklärung, nur den Ort.
„Was wollte Lorenz von dir?“ fragte sie.
„Wissen, wo ich zwischen sechs und sieben war.“
„Und?“
„Zu Hause.“
„Allein?“
Er musterte sie. „Seit wann verhörst du mich?“
„Seit dein Name auf der Rückseite eines gestohlenen Gemäldes steht.“
„Es ist noch nicht einmal sicher, dass es gestohlen wurde.“
„Du weichst aus.“
„Du auch.“
Andreas zog sein Telefon hervor. Auf dem Display war ein Foto des Cavazzen zu sehen. Nacht. Der Seiteneingang. Der Zeitstempel zeigte 23:48 Uhr am Samstag.
Vor der Tür stand Clara.
In ihren Armen lag ein flacher, in grauen Stoff gewickelter Gegenstand.
Sie sah von dem Foto zu Andreas.
„Woher hast du das?“
„Das ist nicht die Antwort.“
„Du weißt, wo ich gestern Nacht war.“
„Bis 23:31 Uhr.“
Hinter ihm öffneten sich die Türen der Inselhalle. Für einen Augenblick wurde das Lachen im Foyer lauter.
Clara dachte an das Video auf ihrem Telefon. An die Art, wie der Mann vor ihrer Tür die Schulter bewegt hatte.
„Zeig mir die Nachricht dazu“, sagte sie.
Andreas sperrte das Display.
„Zeig du mir zuerst deine.“
Sie hatten einander noch nicht erzählt, dass es überhaupt zwei Nachrichten gab.
Und plötzlich war genau das der stärkste Beweis.
Fiktionshinweis: Die „Lindauer Beweinung“ und das Cavazzen Museum sind real. Die dargestellte Rückgabe, der Austausch des Gemäldes, die beteiligten Personen und sämtliche Straftaten sind frei erfunden.

