Folge 5 · Kapitel 7
Der Mann auf dem Foto hatte die ganze Woche über im Hintergrund gestanden.
Jetzt wusste Clara, dass er dort nicht zufällig gewesen war.
Es war kurz nach neun, als Andreas den zweiten Ausdruck neben den ersten legte. Auf dem Küchentisch standen zwei Tassen Kaffee, die längst kalt geworden waren. Draußen trieb der Wind den Regen gegen die Fensterscheibe.
Clara betrachtete die beiden Aufnahmen vom vergangenen Sonntag. Sechs lachende Menschen, eine Lindauer Gasse, ein Nachmittag, der einmal völlig gewöhnlich gewesen war.
„Wir haben die ganze Zeit auf ihn geschaut“, sagte Andreas.
„Weil Mara wollte, dass wir ihn sehen.“
„Nein.“ Andreas schob das zweite Foto ein Stück nach vorn. „Weil wir dachten, dass sie das wollte.“
Clara sah genauer hin.
Auf dem ersten Bild hielt Mara zwei Finger hinter ihrem Rücken ausgestreckt. Auf dem zweiten waren es drei.
Die Bewegung war klein, beinahe unsichtbar. Aber jetzt fiel Clara etwas anderes auf.
Mara hatte den Oberkörper zwischen den beiden Aufnahmen leicht gedreht. Ihre linke Hand zeigte nicht auf den Mann im Hintergrund.
Sie zeigte auf ihre eigene Kameratasche.
Clara griff nach ihrem Telefon.
Mara lag noch im Krankenhaus.
Ihre Stimme klang rau, aber sie war wach und konnte zusammenhängend sprechen. Die Polizei hatte bereits am Vorabend mit ihr geredet. Nun durfte auch Clara sie kurz anrufen.
„Die Tasche“, sagte Clara, kaum dass Mara sich gemeldet hatte. „Was war darin?“
Am anderen Ende blieb es still.
„Mara?“
„Habt ihr sie gefunden?“
„Die Polizei hat sie. Warum?“
Ein hörbares Ausatmen.
„Im Innenfutter. Unter der Naht.“
„Was ist dort?“
„Eine Speicherkarte.“
Clara schloss die Augen.
„Warum hast du uns das nicht gesagt?“
„Weil ich gestern nicht wusste, ob er noch zuhört.“
Andreas, der neben ihr stand, beugte sich zum Telefon.
„Wer?“
Mara schwieg so lange, dass Clara glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann sagte sie einen Namen.
„Martin Kern.“
Zwei Jahre zuvor war Jonas Weber auf einer Landstraße außerhalb Lindaus ums Leben gekommen.
Die Polizei hatte damals einen Verkehrsunfall aufgenommen. Sein Wagen war von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Keine Zeugen. Keine eindeutigen Spuren eines zweiten Fahrzeugs.
Jonas hatte eine kleine Werkstatt betrieben und gelegentlich Aufträge für Martin Kern übernommen, einen Geschäftsmann, dessen Firmen mit Fahrzeugen, Ersatzteilen und technischen Dienstleistungen handelten.
Auf den ersten Blick hatte es keinen Zusammenhang zwischen seinem Tod und den Geschäften gegeben.
Mara hatte Jonas gekannt. Nicht besonders gut, aber gut genug, um zu wissen, dass er vor seinem Tod Angst gehabt hatte.
„Er hat mir einmal gesagt, dass Rechnungen nicht stimmen“, erklärte sie am Telefon. „Dass Teile bezahlt wurden, die nie geliefert worden waren. Und dass jemand mit Fahrzeugpapieren Geschäfte machte.“
„Warum ist er nicht zur Polizei gegangen?“, fragte Andreas.
„Vielleicht wollte er. Vielleicht hat er es auch getan. Ich weiß es nicht.“
Nach Jonas' Tod hatte Mara die Sache ruhen lassen.
Bis zu einem Fotoauftrag vor einigen Wochen.
Sie sollte ein ehemaliges Werkstattgelände dokumentieren, bevor dort Umbauarbeiten begannen. Auf einer ihrer Aufnahmen war Martin Kern zu sehen, obwohl er behauptet hatte, seit Jahren nichts mehr mit dem Gelände zu tun zu haben.
Neben ihm stand ein Fahrzeug.
Mara erkannte es.
Nicht wegen der Farbe oder des Modells.
Wegen einer ungewöhnlichen Beschädigung an der hinteren Stoßstange, die Jonas ihr einmal auf einem Foto gezeigt hatte.
Damals hatte er gesagt, jemand habe versucht, ihn von der Straße zu drängen.
Mara hatte die alte Aufnahme noch besessen.
Sie legte beide Bilder übereinander.
Die Beschädigung stimmte überein.
Es war kein Beweis für einen Mord. Noch nicht.
Aber es war genug, um Fragen zu stellen.
Und genau das hatte Mara getan.
Gegen Mittag meldete sich die Polizei.
Die Speicherkarte war tatsächlich im Innenfutter der Kameratasche gefunden worden. Darauf lagen die Originaldateien des Fotoauftrags, darunter mehrere Aufnahmen, die Mara auf ihrem Telefon nicht mehr gespeichert hatte.
Eine zeigte Kern und das Fahrzeug.
Eine zweite zeigte einen Mann, der einen Karton aus dem Wagen hob.
Und eine dritte zeigte, was auf den ersten beiden beinahe übersehen worden war.
Ein Aktenordner.
Auf seinem Rücken stand eine handschriftliche Nummer.
Dieselbe Nummer, die in einer alten E-Mail von Jonas auftauchte.
Andreas hatte die Nachricht am Donnerstag gefunden.
Damals hatten sie geglaubt, es handele sich um eine Rechnungsnummer.
Jetzt sah es nach etwas anderem aus.
Ein Vorgang.
Ein Vorgang, den Jonas vor seinem Tod dokumentiert hatte.
Clara hörte zu, während Andreas die Einzelheiten am Telefon wiederholte.
„Und Kern?“, fragte sie.
„Er wird vernommen“, sagte der Beamte. „Mehr können wir Ihnen im Augenblick nicht sagen.“
„Glauben Sie, dass er Jonas getötet hat?“
Eine Pause.
„Wir prüfen, ob der damalige Unfall neu bewertet werden muss.“
Clara bedankte sich und legte auf.
Andreas sah sie an.
„Das war keine Antwort.“
„Nein.“
„Aber es war auch kein Nein.“
Am Nachmittag kam Lea.
Sie brachte keine Neuigkeiten, sondern einen Ausdruck.
„Ich habe noch einmal die alten Unterlagen durchgesehen“, sagte sie.
Lea hatte Mara bei der Suche nach dem ehemaligen Werkstattgelände geholfen. Sie kannte das Gebäude, seine früheren Zugänge und einige der Menschen, die dort gearbeitet hatten.
Jetzt legte sie eine Liste auf den Tisch.
Namen. Telefonnummern. Ehemalige Beschäftigte.
Ein Name war mit Bleistift unterstrichen.
Tobias Renz.
„Er hat früher mit Jonas zusammengearbeitet“, erklärte Lea. „Und später für Kern.“
Andreas nahm das Blatt.
„Warum hast du ihn markiert?“
„Weil er derjenige war, der damals die Fahrzeuge überführt hat.“
Clara sah auf.
„Auch das beschädigte?“
„Möglicherweise.“
Lea zog ihr Telefon hervor.
„Ich habe gestern mit ihm gesprochen. Er wollte nichts sagen. Aber als ich die Nachrichten vom Hafen erwähnte, wurde er plötzlich nervös.“
Clara spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Welche Nachrichten?“
„Die mit dem Schiff.“
Mara hatte am Freitag behauptet, davon nichts zu wissen.
Sie hatte die Warnung nicht verschickt.
Clara hatte seither angenommen, dass Kern oder einer seiner Helfer dahintersteckte.
Aber warum sollte ein Entführer seine Verfolger warnen, nicht auf ein Schiff zu steigen?
„Was hat Renz gesagt?“, fragte Andreas.
Lea sah ihn an.
„Dass er niemanden in Gefahr bringen wollte.“
Die Polizei erreichte Tobias Renz am späten Nachmittag.
Er versuchte nicht zu fliehen.
Später erfuhren Clara und Andreas, was er ausgesagt hatte.
Renz hatte zwei Jahre zuvor für Kern gearbeitet. Er hatte von den manipulierten Rechnungen gewusst und Fahrzeuge transportiert, deren Herkunft in den Papieren verschleiert worden war.
Jonas Weber hatte Beweise gesammelt.
Als Jonas sich weigerte, weiter mitzumachen, war es zum Streit gekommen.
Am Abend seines Todes war Kern ihm mit einem zweiten Fahrzeug gefolgt.
Renz war ebenfalls unterwegs gewesen.
Er hatte gesehen, wie Kern Jonas auf der Landstraße bedrängte.
Wie beide Fahrzeuge nebeneinandergerieten.
Wie Jonas auswich.
Und wie dessen Wagen von der Fahrbahn abkam.
Renz hatte nicht angehalten.
Er war weitergefahren.
Zwei Jahre lang hatte er geschwiegen.
Als Mara plötzlich wieder Fragen stellte, wusste er, dass Kern sie zum Schweigen bringen wollte.
Am Sonntag hatte er sie auf der Insel beobachtet.
Er war der Mann auf dem Gruppenfoto gewesen.
Und als Mara am Montag verschwunden war, hatte er versucht, Clara und Andreas mit Nachrichten von einer Nummer zu erreichen, auf die er über einen alten Zugang zu Maras Nachrichtenkonto zugreifen konnte.
Die Warnung am Hafen stammte von ihm.
Er hatte gesehen, dass Kern dort auf sie wartete.
Er hatte gewusst, dass das Schiff eine Falle sein sollte.
Aber er hatte nicht den Mut gehabt, seinen Namen zu nennen.
Nicht einmal, als Mara bereits gefangen gehalten wurde.
„Er hätte zur Polizei gehen können“, sagte Clara.
Es war später Nachmittag.
Der Regen hatte nachgelassen, aber über dem See lagen noch schwere Wolken.
Andreas stand am Fenster.
„Ja.“
„Zwei Jahre lang.“
„Ja.“
„Jonas könnte noch leben, wenn er damals etwas gesagt hätte.“
Andreas antwortete nicht sofort.
„Vielleicht“, sagte er schließlich. „Wir wissen nicht, ob seine Aussage Jonas noch hätte retten können. Aber sie hätte verhindern können, dass Kern so lange weitermacht.“
Clara setzte sich.
Auf dem Tisch lag noch immer das Gruppenfoto.
Sie betrachtete Mara.
Das Lächeln.
Die Kameratasche.
Die ausgestreckten Finger.
„Sie hat gewusst, dass sie beobachtet wird.“
„Wahrscheinlich.“
„Und trotzdem hat sie mich angesprochen.“
Andreas drehte sich zu ihr um.
„Vielleicht gerade deshalb.“
Clara sah ihn fragend an.
„Du warst eine Fremde. Jemand, den Kern nicht kannte. Sie hat dir das Foto geschickt, damit es außerhalb seiner Reichweite war.“
Clara blickte wieder auf die Aufnahme.
„Sie hat mich hineingezogen.“
„Sie hat versucht, eine Spur zu hinterlassen.“
„Ohne mich zu fragen.“
Andreas nickte.
„Ja.“
Clara schwieg.
Dann sagte sie leise:
„Und ich hätte sie beinahe gelöscht.“
Am frühen Abend rief Mara noch einmal an.
Diesmal klang ihre Stimme fester.
„Clara?“
„Ja.“
„Ich wollte mich bedanken.“
„Dafür, dass du mich in ein Mordspiel verwickelt hast?“
Mara lachte kurz.
Es war ein erschöpftes Lachen, aber Clara erkannte es sofort.
Dasselbe Lachen wie am Sonntag.
„Das war nicht geplant.“
„Ich weiß.“
„Ich dachte, wenn irgendetwas passiert, dann hat wenigstens jemand das Foto. Jemand, der nichts mit Kern zu tun hat.“
„Warum die Finger hinter deinem Rücken?“
„Damit du auf die Tasche achtest.“
„Das habe ich erst heute verstanden.“
„Aber du hast es verstanden.“
Clara schloss die Augen.
Eine Weile sagte keine von beiden etwas.
Dann fragte Mara:
„Ist er festgenommen worden?“
„Ich weiß es nicht. Die Polizei sagt, dass er vernommen wird.“
„Und Jonas?“
Clara schluckte.
„Sie rollen den Fall neu auf.“
Am anderen Ende war ein leises Geräusch zu hören.
Vielleicht ein Atemzug.
Vielleicht weinte Mara.
„Gut“, sagte sie schließlich.
Nur dieses eine Wort.
Gut.
Um kurz vor acht standen Clara und Andreas wieder auf der Lindauer Insel.
Eine Woche zuvor hatten sie vor dem Zeughaus gestanden, nachdem eine Nachricht auf Claras Telefon alles verändert hatte.
Heute war dort erneut ein Konzert angekündigt.
Almost Twins.
Andreas hatte die Karten bereits vor Tagen besorgt.
„Wir müssen nicht hineingehen“, sagte er.
Clara sah zum Eingang.
Menschen kamen aus den Gassen, schüttelten ihre Regenschirme aus und verschwanden im Gebäude.
„Doch“, sagte sie. „Ich glaube, genau das müssen wir.“
Er lächelte.
„Du bist sicher?“
„Nein.“
„Auch gut.“
Sie gingen ein paar Schritte.
Dann blieb Clara stehen.
Sie zog ihr Telefon aus der Tasche.
Andreas wartete.
Clara öffnete den Chat mit Mara.
Die letzten Nachrichten standen noch dort.
Das gehört nicht zum Spiel.
Wenn ich mich bis 21 Uhr nicht melde, schau dir euer Foto an.
Nächste Station.
Steigt nicht auf das Schiff.
Eine ganze Woche, zusammengepresst auf wenige Zeilen.
Sie dachte an Jonas, den sie nie kennengelernt hatte.
An Mara, die beinahe nicht zurückgekommen wäre.
An Renz, der zu spät gesprochen hatte.
Und an Kern, der geglaubt hatte, Menschen ließen sich ebenso leicht verschieben wie Zahlen in einer Rechnung.
„Weißt du, was mich am meisten ärgert?“, fragte sie.
Andreas schüttelte den Kopf.
„Dass ich jedes Mal reagiert habe. Auf jede Nachricht. Auf jeden Hinweis. Ich habe mich von jemandem durch diese Stadt schicken lassen, als wäre ich eine Spielfigur.“
Andreas betrachtete sie.
„Du hast eine Frau gefunden, die sonst vielleicht nicht rechtzeitig gefunden worden wäre.“
„Trotzdem.“
Er nickte.
„Trotzdem.“
Clara schaltete das Telefon aus.
Nicht auf lautlos.
Ganz aus.
Dann steckte sie es weg.
„Heute Abend“, sagte sie, „entscheidet niemand außer uns, wohin wir gehen.“
Andreas hielt ihr die Tür auf.
„Dann würde ich vorschlagen, wir hören Musik.“
Sie sah ihn an.
Und diesmal lächelte sie, ohne nachzudenken.
Erst später, als das Konzert längst begonnen hatte, öffnete eine Kriminaltechnikerin in einem Büro der Polizei die letzte Datei auf Maras Speicherkarte.
Es war kein Foto vom Werkstattgelände.
Keines von Kern.
Keines von Jonas.
Die Aufnahme war am vergangenen Sonntag entstanden, wenige Minuten bevor Mara die fremde Frau um ein Gruppenfoto gebeten hatte.
Eine Lindauer Gasse.
Ein paar Passanten.
Im Vordergrund Clara.
Sie stand neben ihren beiden Kindern und betrachtete etwas außerhalb des Bildes.
Neben ihr befand sich ein Mann.
Die Kriminaltechnikerin vergrößerte die Aufnahme.
Sie kannte sein Gesicht.
Nicht aus den Ermittlungsakten.
Sondern von einem anderen Foto, das sie an diesem Nachmittag auf dem Tisch gehabt hatte.
Sie griff nach dem Telefon.
Doch bevor sie wählen konnte, bemerkte sie noch etwas.
Der Mann stand nicht einfach neben Clara.
Er hielt ein Telefon in der Hand.
Auf dessen Display war eine Nachricht zu erkennen.
Nur drei Wörter.
Sie ist hier.
Die Kriminaltechnikerin sah auf die Uhr.
Dann wählte sie.

