Dienstag · Kapitel 3 von 7
Jemand hatte Claras Geständnis verschickt, bevor sie überhaupt wusste, dass es existierte.
Sie saß Kommissarin Lorenz gegenüber und betrachtete das Telefon zwischen ihnen. Auf dem Bildschirm lag die Audiodatei wie ein Gegenstand, den keine von beiden anfassen wollte.
„Um 1.11 Uhr?“, fragte Clara.
„Das sagte ich.“
„An wen wurde sie geschickt?“
Lorenz schloss die Akte. „Dazu kann ich Ihnen nichts sagen.“
„Sie haben sie mir vorgespielt.“
„Weil ich wissen wollte, ob Sie die Stimme erkennen.“
Clara sah sie an. „Meine eigene? Natürlich erkenne ich die.“
„Ich fragte nicht, wessen Stimme es ist.“
Der Satz blieb im Raum stehen. Clara dachte an das fremde Smartphone zwischen ihren Kochbüchern, an Julians Zugangskarte in ihrer Tasche und daran, wie viele Antworten sie Lorenz seit der vergangenen Nacht schuldig geblieben war.
„Ich habe Julian nicht erschossen“, sagte sie.
„Wir wissen bisher nicht, ob auf jemanden geschossen wurde.“ Lorenz legte das Telefon zurück in die Akte. „Wenn Herr Brenner sich bei Ihnen meldet, rufen Sie uns an. Unmittelbar.“
Clara versprach es nicht. Sie stand auf, und Lorenz ließ sie gehen.
Draußen traf sie ein Licht, das nicht zu den letzten beiden Tagen passte. Die Wolken waren verschwunden. In den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser spiegelte sich die Sonne, klar und unbeteiligt.
Clara wählte Andreas. Er nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Die Polizei hatte die Aufnahme vor mir“, sagte sie.
„Bist du draußen?“
„Ja.“
„Dann treffen wir uns bei dir.“
„Du weichst aus.“
Eine kurze Pause. „Ich versuche, nicht am Telefon zu reden.“
Clara blickte auf ihr eigenes Gerät. Zum ersten Mal fragte sie sich nicht, wer mithörte. Sie fragte sich, ob das Gespräch überhaupt zu Andreas führte.
• • •
Zu Hause holte Clara das fremde Smartphone aus dem Bücherregal. Der Bildschirm leuchtete auf, noch ehe sie ihn berührte.
PROFIL CLARA VOGT AKTIVIERT
Darunter waren mehrere Felder erschienen. Stimme. Kontakte. Aufenthaltsorte. Reaktion.
Sie tippte auf Kontakte.
Jule Vogt und Ben Vogt standen ganz oben. Neben den Namen waren die Tage vermerkt, an denen die Kinder bei ihrem Vater waren. Der Wechsel am kommenden Wochenende war richtig eingetragen.
Clara spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Den Rhythmus hatten sie und ihr Exmann irgendwann zwischen Tür und Angel geändert. Er stand in keinem öffentlichen Kalender.
Als Nächstes kam Andreas Seidel.
Vertrauensperson. Räumliche Nähe: unmittelbar.
Verhalten unter Bedrohung: eingreifend.
Sie scrollte weiter. Unter ihrem eigenen Namen folgte ein Abschnitt mit kurzen Sätzen.
Wird Belege sichern, bevor sie Hilfe sucht.
Wird Kinder zunächst aus der Situation heraushalten.
Wird Seidel misstrauen, sobald seine Vorgeschichte sichtbar wird.
Das Telefon lag schwer in ihrer Hand. Sie hatte die Aufnahme an sich selbst gemailt. Jules altes Telefon benutzt. Der Polizei nicht alles erzählt. Jeder ihrer Schritte stand hier, als habe sie einen bereits geschriebenen Text nur noch vorgetragen.
Es klingelte.
Clara drehte das Gerät um und ging zur Tür. Andreas wartete mit einem Pappbecher Kaffee. Er hielt ihn ihr hin.
„Ohne Zucker.“
„Das wissen sie auch“, sagte Clara.
„Wer?“
Sie ließ ihn eintreten und zeigte ihm das Profil. Andreas las schweigend. Bei seinem eigenen Namen blieb er länger stehen.
„Woher haben die Informationen über die Kinder?“
„Vielleicht aus meinen Nachrichten. Vielleicht aus denen ihres Vaters.“ Clara nahm ihm das Telefon ab. „Oder sie hören zu.“
Andreas sah auf das Gerät. „Mach das Funknetz aus.“
Sie schaltete es in den Flugmodus. Die Einträge blieben sichtbar.
„Es ist gespeichert“, sagte er. „Das Telefon braucht gerade keine Verbindung, um dir etwas zu zeigen.“
Clara öffnete den nächsten Abschnitt. Eine Zeitleiste erschien: ihr Weg zur Inselhalle, die Rückfahrt nach Aeschach, der Besuch der Polizei. Einzelne Einträge waren mit einem kleinen Punkt versehen. Sie tippte auf den Eintrag vom Montagabend.
Stadtrat on Tour, Reutin.
Rückzug in öffentliche Umgebung: erfolgt.
Andreas hob den Blick. „Das konnten sie erst hinterher eintragen.“
„Sie haben es vorher vorausgesagt.“
„Das steht dort nicht.“
Er hatte recht. Trotzdem klang seine Antwort, als müsse er sie auch sich selbst geben.
Clara öffnete die letzten E-Mails von Julian auf ihrem eigenen Telefon. Drei Wochen zuvor hatte er um ein Treffen gebeten. Die Adresse, die er ihr genannt hatte, existierte seit Montag nicht mehr. Seine berufliche Seite führte ins Leere. Echo Süd besaß eine nüchterne Internetpräsenz: Datenanalyse, Kommunikation, Forschungsprojekte. Kein Mitarbeiterverzeichnis. Kein Wort über Stimmen.
„Was machen sie wirklich?“, fragte Clara.
„Ich weiß es nicht.“
Sie drehte das Fremdgerät zu ihm. Auf dem Bildschirm stand sein Name. „Hier steht, du hättest eine Vorgeschichte mit ihnen.“
„Da steht, dass du mir misstrauen wirst.“
„Beantworte die Frage.“
Andreas stellte den unberührten Kaffee auf den Tisch. „Ich kenne den Namen Echo Süd nicht. Ich habe aber vor Jahren für einen Auftraggeber in Reutin ein Schulungsgebäude aufgenommen. Technischer Bestand, Türen, Leitungen, Räume. Später hat eine andere Firma dort etwas umbauen lassen. Vielleicht hängt das zusammen.“
„Welche Firma?“
„Ich suche die Unterlagen.“
„Warum hast du gestern nichts davon gesagt?“
„Weil ein Firmenname auf einer blutigen Karte kein Beweis dafür ist, wer in einem Gebäude sitzt.“
„Und weil dein Profil dir gesagt hat, dass ich dir misstrauen würde?“
Andreas lächelte nicht. „Mein Profil sagt mir gar nichts.“
Er nahm seine Jacke vom Stuhl. Clara ließ ihn gehen. Erst als seine Wohnungstür nebenan ins Schloss fiel, bemerkte sie, dass er den Kaffee nicht mitgenommen hatte.
• • •
Am Nachmittag ging Clara auf die Insel. Die Sonne wärmte den Alten Marktplatz, doch im Schatten der Häuser war der September wieder zu spüren.
Im Erdgeschoss des Cavazzen wurde die Ausstellung „Lindauer Jubiläen – Wie die Zeit vergeht“ gezeigt. Clara hatte ihrem Redakteur am Morgen einen kurzen Text darüber zugesagt. Jetzt betrachtete sie Fotografien einer Stadt, die sich immer wieder verändert hatte, während die Beschriftungen vorgaben, man könne diese Veränderungen in wenige sichere Sätze fassen.
Sie zog ihr Notizbuch hervor und schrieb den Ausstellungstitel auf. Danach blieb der Stift stehen.
Ihr eigenes Profil hatte ihr einen Besuch in einer öffentlichen Umgebung zugetraut. Wenn sie jetzt einfach nach Hause ging, wäre auch das eine Reaktion auf den Eintrag. Sie konnte nicht mehr erkennen, welche Entscheidung noch unberührt war.
In der Glasscheibe vor ihr spiegelte sich der Eingang. Ein Besucher trat ein, blieb kurz stehen und ging weiter. Clara wartete, bis er verschwunden war. Dann prüfte sie auf Jules altem Telefon den Speicherort der Fotos vom Sonntag.
Das Bild von Julians Hand war dort. Auch der Umschlag unter Platz 214. Sie vergrößerte die Rückseite seiner Zugangskarte. Neben dem dunklen Fleck war eine winzige Prägung zu erkennen: eine Folge aus Buchstaben und Zahlen. Sie hatte sie bisher für eine Kartennummer gehalten.
Clara schrieb die Zeichen in ihr Notizbuch. Das allein war noch kein Schlüssel. Aber es war das erste Detail, das sie selbst entdeckt hatte.
Ihr eigenes Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von Andreas.
Ich habe den alten Plan. Nicht zurückrufen. Komm nach Hause.
Clara las die Nachricht zweimal. Dann rief sie ihn an.
Er nahm nicht ab.
Sie blieb vor der Vitrine stehen und sah wieder zum Eingang. Der Satz auf ihrem Profil schien noch immer vor ihren Augen zu liegen: Wird Seidel misstrauen.
Sie steckte das Telefon weg und ging.
• • •
Als Clara Aeschach erreichte, war die Sonne bereits tiefer gesunken. Andreas saß auf der Treppe vor ihren Wohnungen. Neben ihm lag ein zusammengerollter Plan.
„Du hast geschrieben, ich soll nicht anrufen“, sagte Clara.
„Ich weiß.“
„Dann hättest du auch rangehen können.“
Er zeigte auf ihren Türgriff. Ein dünner Papierstreifen steckte zwischen Tür und Rahmen. Er war noch unversehrt.
„Ich wollte wissen, ob jemand vor uns hier war“, sagte er.
Clara betrachtete den Streifen. „War jemand da?“
„Nicht seit ich ihn angebracht habe.“
„Das beruhigt mich kein bisschen.“
Andreas rollte den Plan aus. Ein rechteckiges Gebäude, Flure, kleinere Seminarräume. Am Ende des Hauptflurs lag ein abgetrennter Technikbereich.
„Das ist die Bestandsaufnahme aus Reutin. Zwei Jahre später wurde ein neuer Zugang zu den hinteren Räumen beantragt. Den Auftrag hatte eine Firma, die inzwischen nicht mehr erreichbar ist.“
„Du glaubst, Echo Süd steckt dahinter.“
„Ich glaube, Julian könnte uns diese Tür zeigen wollen.“ Andreas deutete auf ein Zeichen im Plan. „Sie ist ungewöhnlich. Versetzt angeschlagen, mit einer schmalen Verglasung neben dem Rahmen. Ich musste sie damals dreimal nachmessen.“
Clara nahm ihr Telefon heraus. Eine neue Bilddatei war eingetroffen, ohne Nachricht und ohne erkennbaren Absender.
„Hast du sie geöffnet?“, fragte Andreas.
„Noch nicht.“
Das Foto zeigte Julian Brenner. Seine Haare klebten an der Stirn, seine rechte Hand umklammerte eine aufgeschlagene Tageszeitung mit dem heutigen Datum. Die Narbe am Handgelenk war deutlich zu sehen.
Er saß vor einer grauen Tür.
Clara spürte Hoffnung, obwohl sie wusste, wie leicht auch dieses Bild verändert sein konnte.
„Er lebt“, sagte sie.
Andreas antwortete nicht. Er nahm das Telefon und zog das Bild größer. Nicht Julians Gesicht interessierte ihn. Es war der schmale Glasstreifen rechts hinter dessen Schulter.
Er legte den Bauplan neben das Display.
„Clara.“
„Was?“
„Das ist die Tür.“
Sie sah vom Plan zum Foto. In beiden verlief der Rahmen an derselben Stelle schräg aus dem Bild.
Claras eigenes Telefon vibrierte erneut. Unter dem Foto stand jetzt eine neue Zeile.
PROFIL ANDREAS SEIDEL AKTIVIERT

