Sonntag · Kapitel 1 von 7
Clara hörte sich selbst einen Mann töten.
Ihre Stimme kam aus dem Telefon, ruhig und deutlich, mit jener etwas dunkleren Färbung, die sie bekam, wenn sie wütend war.
„Julian, gib mir die Datei.“
Ein Mann atmete hastig. Irgendwo schepperte Metall.
„Du verstehst nicht, was sie damit machen.“
„Doch“, sagte Claras Stimme. „Deshalb bin ich hier.“
Dann fiel ein Schuss.
Kein Knall wie im Kino. Ein kurzer, harter Schlag. Danach etwas Schweres, das gegen eine Wand rutschte.
Für zwei Sekunden blieb es still.
Dann sagte ihre Stimme:
„Jetzt kennt er mich.“
Die Verbindung brach ab.
Clara stand bewegungslos in ihrer Küche. Auf dem Tisch lagen zwei Teller, die sie schon wieder in den Schrank räumen konnte. Jule und Ben waren bei ihrem Vater. Sie hatte den freien Abend mit Musik, zu viel Käse und der festen Absicht verbringen wollen, mit niemandem zu sprechen.
Auf dem Display ihres Telefons stand noch immer der Name des Anrufers:
Clara Vogt.
Ihre eigene Nummer.
Sie drückte auf Rückruf. Noch bevor sie das Telefon ans Ohr heben konnte, erschien eine Nachricht.
Heute. 18.30 Uhr. Inselhalle. Platz 214.
Kommen Sie allein.
Darunter wurde ein Bild geladen.
Ein Mann lag auf einem grauen Boden. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Neben seiner ausgestreckten Hand befand sich eine Zugangskarte mit dem Schriftzug ECHO SÜD.
Clara vergrößerte das Foto. Die Hand war schmal, die Finger ungewöhnlich lang. Am rechten Handgelenk verlief eine helle Narbe.
Sie kannte diese Narbe.
Julian Brenner hatte sie ihr vor drei Wochen gezeigt.
„Ein Andenken an die Wahrheit“, hatte er gesagt und dabei gelacht. Zu laut, zu kurz und ohne jede Freude.
Danach hatte er ihr versprochen, sich wieder zu melden. Das hatte er nicht getan.
Clara speicherte die Aufnahme und schickte sie an ihre eigene E-Mail-Adresse. Anschließend fotografierte sie das Display mit dem alten Telefon ihrer Tochter. Erst dann öffnete sie die Wohnungstür.
Andreas Seidel stand im Treppenhaus.
Er hielt einen Stoffbeutel mit Lebensmitteln in der einen und seinen Schlüssel in der anderen Hand. Sein Hemd war am Rücken zerknittert. Wahrscheinlich hatte er wieder den halben Sonntag vor irgendwelchen Plänen verbracht, die am Montagmorgen angeblich unbedingt fertig sein mussten.
Er sah zuerst Clara an, dann ihre Jacke und schließlich die beiden Telefone in ihren Händen.
„Du siehst aus, als würdest du entweder fliehen oder jemanden verfolgen.“
„Vielleicht gehe ich einfach aus.“
„Mit zwei Telefonen?“
„Moderne Frau.“
Andreas stellte den Beutel auf der Treppe ab.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
Er schwieg.
Das war eine seiner unangenehmsten Eigenschaften. Andere Menschen widersprachen, fragten nach oder gaben auf. Andreas sah einen einfach nur an, bis die eigene Antwort lächerlich klang.
Clara steckte beide Telefone ein.
„In der Inselhalle ist Kabarett.“
„Simone Solga.“
„Du bist erstaunlich gut informiert.“
„Das Plakat hängt seit Wochen an der Köchlin-Kreuzung.“
Draußen drückte warme Luft durch das geöffnete Treppenhausfenster. Der Himmel über Aeschach war vollständig mit Wolken überzogen. Kein Regen, kein Wind, nur diese schwere Wärme, die sich für Ende September falsch anfühlte.
Andreas bückte sich nach seinem Beutel.
„Viel Spaß.“
Clara ging zwei Stufen hinunter.
„Danke.“
„Clara?“
Sie blieb stehen.
„Wenn nichts passiert ist, warum hast du dann Angst?“
Sie drehte sich nicht um.
„Ich habe keine Angst.“
„Dann ist es schlimmer.“
Clara ging weiter.
• • •
Um 18.27 Uhr erreichte sie den Therese-von-Bayern-Platz.
Die Wolken hingen tief über der Insel, doch die Luft war noch immer warm. Vor der Inselhalle standen bereits die ersten Besucher. Einige hielten ihre Karten in der Hand, andere diskutierten darüber, ob politisches Kabarett überhaupt noch etwas verändern könne. Durch die Glasfront fiel gelbes Licht auf den Platz.
Alles wirkte normal.
Genau das machte Clara nervös.
Im Foyer roch es nach Steinboden, Kaffee und der feuchten Kleidung eines Tages, an dem es nicht geregnet hatte. Eine Mitarbeiterin kontrollierte ihre Karte. Clara hatte sie am Nachmittag gekauft, unmittelbar nachdem Julian sich zum ersten Mal gemeldet hatte.
Damals hatte er nur geschrieben:
Wenn ich mich bis Sonntag nicht melde, gehen Sie trotzdem hin.
Mehr nicht.
Der Saal war noch fast leer. Auf der Bühne stand ein einzelnes Mikrofon. Darüber hingen Traversen, Kabel und Scheinwerfer. Die kreisförmigen Deckenleuchten spiegelten sich stumpf im Parkett.
Aus den Lautsprechern kam ein leises Knacken.
„Test. Eins, zwei.“
Eine Männerstimme. Weit entfernt, vermutlich aus der Technik.
Dann ein kurzes Pfeifen.
„Test. Eins, zwei.“
Clara ging weiter.
Die Sitzreihen zogen sich dunkel bis zur Bühne. Kleine Nummern waren an den Stühlen befestigt. 196. 198. 200.
Ihr Telefon vibrierte.
Keine Nachricht. Nur eine Erinnerung ihres Kalenders:
18.30 Uhr – nichts eingetragen.
Clara löschte sie.
Platz 214 befand sich nahe am Mittelgang. Auf dem Sitz lag nichts. Auch darunter war zunächst nur Schatten.
Sie ging in die Hocke.
Mit zwei Fingern tastete sie über den Boden und berührte Papier.
Ein schwarzer Umschlag war mit Klebeband unter der Sitzfläche befestigt. Clara löste ihn ab und setzte sich auf den benachbarten Stuhl.
Im Umschlag befanden sich eine Zugangskarte von Echo Süd und ein gefalteter Zettel.
Auf der Karte war Julian Brenner abgebildet. Dasselbe schmale Gesicht, dieselben zu langen Haare wie bei ihrem Treffen. Unter dem Foto stand:
Zugang: Administration und Datenanalyse
Der Zettel enthielt nur einen Satz.
Sie kennen mich. Zumindest glauben Sie das.
Clara drehte die Karte um. Auf der Rückseite klebte etwas Dunkles.
Blut.
Noch feucht.
Ihr Telefon klingelte.
Mehrere Besucher betraten den Saal. Stimmen näherten sich, jemand lachte. Eine Frau suchte in ihrer Tasche nach der Eintrittskarte.
Clara betrachtete das Display.
Wieder ihre eigene Nummer.
Sie nahm den Anruf an, sagte aber nichts.
Zunächst hörte sie nur ein gleichmäßiges Atmen.
Dann ihre Stimme.
„Sie sind nicht allein gekommen.“
Clara blickte zum Eingang des Saals. Dort standen inzwischen etwa zwanzig Menschen. Keiner von ihnen sah zu ihr.
„Wer sind Sie?“
Aus dem Telefon kam ihr eigenes kurzes Lachen.
„Das ist die falsche Frage.“
„Wo ist Julian?“
„Auch falsch.“
„Lebt er?“
Diesmal dauerte die Pause länger.
„Noch.“
Clara presste das Telefon fester ans Ohr.
„Wenn Sie ihm etwas antun—“
„Was dann? Rufen Sie die Polizei? Erzählen Sie ihr, dass Ihre eigene Telefonnummer Sie angerufen hat? Spielen Sie ihr Ihre Stimme vor, wie sie einen Mann erschießt?“
Clara stand auf.
„Sie haben die Aufnahme hergestellt.“
„Natürlich.“
Die Antwort kam zu schnell.
„Ihre Stimme ist leicht“, fuhr die Stimme fort. „Sie sprechen deutlich. Sie verschlucken kaum Silben. Sie haben erstaunlich viel von sich ins Netz gestellt.“
Clara sah über die Reihen.
Ein Mann im dunklen Mantel ging am rechten Rand des Saals entlang. Er blieb kurz stehen, schien nach einer Platznummer zu suchen und verschwand hinter einem Vorhang.
„Was wollen Sie von mir?“
„Julian Brenner wollte Ihnen etwas geben.“
„Was?“
„Fragen Sie Ihren Nachbarn.“
Clara erstarrte.
„Andreas kennt Julian nicht.“
„Sind Sie sicher?“
Unter Platz 214 begann ein Telefon zu vibrieren.
Clara ging wieder in die Hocke. Hinter der Metallstrebe des Stuhls steckte ein zweites Gerät. Ein älteres Smartphone, Display nach unten.
„Nehmen Sie es.“
Clara zog es hervor.
Auf dem Bildschirm war ein Foto geöffnet.
Es zeigte sie selbst, wie sie vor wenigen Sekunden neben Platz 214 gestanden hatte. Aufgenommen von hinten, leicht erhöht. Deutlich waren ihre dunkle Jacke, der schwarze Umschlag und Julians Zugangskarte zu erkennen.
Hinter Clara stand eine Gestalt.
So dicht, dass deren Gesicht beinahe ihre Haare berührte.
Clara fuhr herum.
Der Gang war leer.
„Keine echten Geister“, sagte ihre Stimme am Telefon. „Nur Menschen, die gelernt haben, unsichtbar zu werden.“
Die Saalbeleuchtung erlosch.
Einige Besucher riefen erschrocken. Jemand lachte und sagte, das gehöre vermutlich zur Show.
Nur die kreisförmigen Leuchten unter der Decke brannten weiter. Eine nach der anderen gingen auch sie aus.
Von hinten nach vorn.
Ring für Ring.
Bis nur noch die Leuchte über Platz 214 brannte.
Das fremde Telefon in Claras Hand wechselte vom Foto zu einer Videoübertragung.
Zu sehen war das Treppenhaus ihres Wohnhauses in Aeschach.
Andreas stand vor ihrer Wohnungstür.
Er hatte seinen Stoffbeutel noch immer in der Hand. Mit der anderen drückte er die Klinke herunter.
Die Tür öffnete sich.
Clara hatte abgeschlossen.
„Was haben Sie getan?“
Ihre eigene Stimme flüsterte ihr ins Ohr:
„Wenn Sie Julian Brenner wiedersehen wollen, erzählen Sie niemandem von diesem Anruf.“
Auf dem Videobild betrat Andreas ihre dunkle Wohnung.
„Vor allem nicht Ihrem Nachbarn.“
Hinter Clara bewegte sich ein Stuhl.
Sie drehte sich um.
Andreas stand am Ende der Reihe.
Nicht in ihrer Wohnung.
Hier.
In der Inselhalle.
Auf dem fremden Telefon ging die Wohnungstür hinter dem anderen Andreas zu.
Dann begann auf dem Display ein Countdown.
06:59
06:58
06:57
Clara sah von dem Telefon zu Andreas.
„Nicht näher kommen.“
Er blieb stehen.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, gehorchte er sofort.
Über Platz 214 erlosch die letzte Leuchte.

