Donnerstag · Kapitel 5 von 7
Clara entschied sich gegen beide Wahrheiten.
Sie berührte weder Nachricht glauben noch Anruf glauben.
Der Countdown lief weiter.
00:07
00:06
00:05
Auf dem Videobild schlug Andreas noch immer gegen die schmale Scheibe der Brandschutztür. Hinter ihm wuchs der schwarze Spalt der zweiten Tür.
„Wenn du mich hören kannst, geh zur Seite“, sagte Clara.
Andreas reagierte nicht.
00:03
00:02
00:01
Das Bild fror ein.
Kein Schuss. Kein Schrei. Nur ein leises Klicken aus dem fremden Telefon. Die beiden Schaltflächen verschwanden. An ihrer Stelle erschien ein Eingabefeld.
ZUGANGSSCHLÜSSEL
Clara stand am Kleinen See, während hinter ihr die letzten Besucher des Abendmarkts ihre Gläser leerten. Auf Jules altem Telefon öffnete sie das Foto von Julians Zugangskarte. Neben dem dunklen Blutfleck war die Zeichenfolge zu erkennen, die sie im Cavazzen abgeschrieben hatte.
Sie tippte die Zeichen ein.
Für einen Moment geschah nichts.
Dann erschien ein einziges Wort.
NACHHALL
Darunter öffnete sich eine Karte von Lindau. Kleine Punkte lagen über der Insel, Aeschach, Reutin und Zech. Einige waren grau. Andere bewegten sich.
Clara vergrößerte die Karte. Über dem Kleinen See blinkte ein Punkt mit ihrem Namen.
Ein zweiter stand in Reutin.
ANDREAS SEIDEL
REAKTION LÄUFT
Clara drückte auf seinen Namen.
Das Telefon wurde schwarz.
• • •
Andreas hörte den Riegel zweimal schalten.
Die zweite Tür hinter ihm stand jetzt offen. Im Raum dahinter brannte ein kaltes Licht. Der Mann mit seinem Gesicht war verschwunden.
Auf einer halbtransparenten Scheibe liefen helle Punkte zusammen. Stirn, Augen, Mund. Für eine Sekunde entstand wieder sein Gesicht, diesmal ohne Körper. Dann zerfiel es in Linien.
Kein Doppelgänger. Eine Projektion.
Andreas kniete sich neben die Brandschutztür. Er erinnerte sich an den Streit von damals: Die Steuerung durfte bei einem Stromausfall nicht verriegelt bleiben. Hinter einer schmalen Metallabdeckung musste eine Notentriegelung liegen.
Die Schrauben saßen fest. Er schob das Metallband von Julians Uhr unter die Kante und drückte, bis die Abdeckung aufsprang. Zwei Kontakte, ein Kabel, ein kleiner Hebel.
Andreas zog den Hebel nach unten.
Der Riegel löste sich.
Im Flur blinkten sämtliche Kameras rot. Aus den Lautsprechern kam Claras Stimme.
„Bleib dort.“
Andreas öffnete die Tür.
„Du kennst mich besser“, sagte er.
Er folgte den Kabelkanälen bis zu einem Raum, der auf seinem alten Plan nicht existierte. Hinter der Tür standen drei Serverschränke. Lüfter rauschten, Kontrollleuchten flackerten. Auf einem Monitor lief eine Fortschrittsanzeige.
FERNLÖSCHUNG
18 PROZENT
Darunter waren Namen aufgelistet. Clara Vogt. Andreas Seidel. Julian Brenner. Dann Dutzende weitere.
Andreas zog das Netzwerkkabel aus dem ersten Schrank.
Die Anzeige sprang auf 26 Prozent.
Er kappte die Verbindung zum zweiten.
41 Prozent.
Im dritten Schrank steckte ein handtellergroßes Speichermodul in einem offenen Einschub. Darüber klebte ein weißes Etikett.
ARCHIV N
Andreas drückte die Entriegelung. Das Modul blieb hängen. Auf dem Monitor erschien ein Video.
Julian Brenner saß vor der grauen Tür. Keine Zeitung, keine Uhr. Sein Gesicht war bleich.
„Ich habe Nachhall entwickelt“, sagte Julian. „Ich habe Clara Vogt ausgewählt. Andreas Seidel hat mir den Zugang ermöglicht.“
Er sah kurz nach links, als wartete dort jemand auf das nächste Wort.
„Alles, was geschehen ist, war meine Entscheidung.“
Die Aufnahme begann von vorn.
Andreas riss das Speichermodul aus dem Schacht.
Die Lüfter verstummten.
Im selben Augenblick verriegelten sich im Gebäude alle Türen.
• • •
Am Donnerstagmorgen hing der Himmel grau über Aeschach.
Clara hatte nicht geschlafen. Das fremde Telefon lag ausgeschaltet in einer Blechdose auf dem Küchentisch. Daneben standen drei Tassen Kaffee, von denen sie nur eine getrunken hatte.
Um 6.43 Uhr klopfte es.
Nicht an der Wohnungstür. An der Wand zum Treppenhaus.
Dreimal kurz. Zweimal lang.
Andreas.
Clara öffnete. Sein Hemd war am Ärmel eingerissen, an der rechten Hand klebte getrocknetes Blut. Er hielt das Speichermodul unter der Jacke.
„Du hast gesagt, ich soll nicht kommen“, sagte sie.
„Und du bist nicht gekommen.“
„Enttäuscht?“
„Erleichtert.“
Sie ließ ihn eintreten.
Andreas legte das Modul auf den Tisch. „Im Gebäude waren Daten über uns. Und über andere.“
„Nachhall.“
Er hob den Blick. „Woher kennst du den Namen?“
Clara erzählte ihm von der Karte und dem Zugangsschlüssel. Als sie fertig war, betrachtete Andreas die Blechdose.
„Du hast genau das eingegeben, was sie dir gegeben haben.“
„Du bist genau in das Gebäude gegangen, das sie dir gezeigt haben.“
Keiner von beiden antwortete.
Andreas holte einen alten Laptop aus seiner Wohnung. Er entfernte das WLAN-Modul, bevor er das Archiv anschloss.
Auf dem Bildschirm erschienen Ordner. Stimmen. Bewegungen. Kontakte. Entscheidungen. Unter jedem Namen standen Wahrscheinlichkeiten.
CLARA VOGT
Sichert Beweise vor Kontaktaufnahme: 94 %
Reagiert auf Gefährdung von Vertrauenspersonen: 97 %
Andreas öffnete seinen eigenen Eintrag.
ANDREAS SEIDEL
Greift technisch ein: 91 %
Handelt allein: 88 %
Verschweigt eigene Gefährdung: 96 %
„Sie sagen nicht voraus, was wir tun“, sagte Clara.
„Sie stellen uns Situationen hin, in denen wir wahrscheinlich genau das tun.“
Andreas öffnete Julians Ordner. Hotelbuchungen in St. Gallen. Ein Konto in Liechtenstein. Eine Fahrkarte nach Zürich für den kommenden Samstag. Dazu Rechnungen von Echo Süd und Überweisungen an eine Firma, die nicht mehr existierte.
„Das sieht nach vorbereiteter Flucht aus“, sagte Clara.
„Es soll danach aussehen.“
„Vielleicht ist ein Teil davon echt.“
Andreas sah sie an. „Vielleicht.“
Im Unterordner Gebäude lagen seine alten Pläne. Seine Initialen standen auf jedem Blatt. Daneben fanden sich neuere Zugangsprotokolle.
SEIDEL, ANDREAS
ZUGRIFF BESTÄTIGT
Clara rückte vom Tisch ab.
„Ich war seit sieben Jahren nicht dort“, sagte Andreas.
„Gestern warst du dort.“
„Du weißt, was ich meine.“
„Ich weiß im Moment überhaupt nichts.“
Das fremde Telefon klingelte in der Blechdose.
• • •
Die Frau auf dem Display war ungefähr sechzig. Kurzes graues Haar, helles Hemd, kein Schmuck. Hinter ihr befand sich eine weiße Wand.
„Mein Name ist Karla Ebert“, sagte sie. „Ich habe Echo Süd geleitet.“
Clara stellte das Telefon so auf den Tisch, dass Andreas nicht im Bild war.
„Wo ist Julian?“
„Herr Brenner hat unser System gestohlen.“
„Das war nicht meine Frage.“
Karla lächelte müde. „Er hat Sie ausgewählt, Frau Vogt. Nicht ich. Ihre Stimme, Ihre Gewohnheiten, Ihre Kinder. Er wusste, dass Sie einer Geschichte folgen würden, wenn sie persönlich genug wird.“
„Und Andreas?“
„Herr Seidel hat die bauliche Grundlage geliefert.“
Neben Clara spannte sich Andreas’ Hand zur Faust.
„Sie haben Julian zu dem Geständnis gezwungen“, sagte Clara.
„Sie glauben, alles sei gefälscht, sobald es Ihnen nicht gefällt.“ Karlas Blick wanderte kurz aus dem Bild. „Das ist verständlich. Nachhall zerstört nicht die Wahrheit. Es vermehrt sie, bis niemand mehr weiß, welche Version zuerst da war.“
„Was wollen Sie?“
„Das Archiv.“
Clara sagte nichts.
„Sie haben bis heute Abend Zeit“, fuhr Karla fort. „Danach erhält die Polizei Julians vollständiges Geständnis. Mit den Zugangsdaten von Herrn Seidel und Ihrer Stimme.“
Die Verbindung brach ab.
Auf dem Laptop startete Julians Aufnahme erneut.
„Ich habe Clara Vogt ausgewählt.“
Andreas klappte den Bildschirm zu.
„Glaubst du ihr?“, fragte er.
Clara sah auf seine verletzte Hand. „Ich glaube, dass sie echte Dinge benutzt.“
„Das war keine Antwort.“
„Doch.“
• • •
Am Abend lösten sich die Wolken über Lindau auf.
Clara ging über die Zwanzigerstraße. Vor dem Parktheater warteten die ersten Besucher auf das Filmforum. Auf dem Plakat stand der Titel Amargo navidad. Darunter las Clara einen Satz über eine Kopie, die so inszeniert wurde, dass sie zum Original wurde.
Sie blieb nicht stehen.
Ihr Redakteur hatte den Text über den Abendmarkt noch immer nicht erhalten. Kommissarin Lorenz hatte zweimal angerufen. Andreas wartete in ihrer Wohnung bei einem Archiv, das vielleicht Beweise enthielt und vielleicht nur die nächste sorgfältig gebaute Geschichte war.
Das fremde Telefon vibrierte.
Obwohl Clara es in der Blechdose zurückgelassen hatte, hörte sie den Ton aus ihrer Jackentasche.
Sie griff hinein.
Dort lag ein zweites, identisches Gerät.
Auf dem Bildschirm waren Hunderte Namen geöffnet. Graue Punkte bewegten sich über eine Karte von Lindau. Ihr eigener Eintrag stand ganz oben.
PROFIL CLARA VOGT
PHASE 2 FREIGEGEBEN
Darunter erschien eine neue Zeile.
NÄCHSTER AUFENTHALTSORT:
REUTIN · HAUPTZUGANG
WAHRSCHEINLICHKEIT: 96 %
Clara blieb stehen.
Auf der Karte bewegte sich ihr Punkt bereits nach Osten.

