Zwischen uns – Bleib bei meiner Stimme

Freitag · Kapitel 6 von 7 · 16. Oktober 2026

Der Mann wartete nicht, bis Andreas den Hörer aufgelegt hatte. Die Tür öffnete sich eine Handbreit, blieb an einer Kette hängen und wurde wieder zugezogen. Es klirrte. Dann stand der Besucher im Raum.

Andreas kannte ihn nicht. Grauer Pullover, schmale Lippen. Der Mann hielt einen Umschlag zwischen zwei Fingern.

„Auf den Tisch.“

Andreas legte das Telefon hin. Aus dem Hörer kam noch ein leises Rauschen. Der Besucher schob das Blatt aus dem Umschlag und drehte es zu ihm.

Er sollte bestätigen, die Prüfunterlagen nach dem Brand verändert zu haben. Auf eigene Initiative. Ohne Wissen der damals Verantwortlichen.

Unter dem letzten Satz war Platz für seine Unterschrift.

„Sie haben Ihre Zeugin gehört.“

Andreas sah den Mann an. „Ich habe gehört, wie sie einen Text vorliest.“

Der Mann tippte auf die freie Zeile.

Andreas ließ seine Hände neben dem Blatt liegen. „Wo ist die ursprüngliche Anlage B?“

„Sie wissen, was drinsteht.“

„Ich habe sie angefordert. Bekommen habe ich eine spätere Fassung.“

Der Besucher schwieg. Andreas spürte, wie dicht seine Antwort an etwas herankam, das der andere nicht entscheiden durfte.

„Sie wollen eine fachliche Erklärung von mir. Dann legen Sie mir die Unterlagen hin.“

Der Mann nahm das Blatt zurück. Beim Umdrehen blieb sein Blick an der Skizze auf dem Boden hängen.

„Was ist das?“

„Ich habe versucht herauszufinden, wo ich bin.“

Der Besucher schob das Papier mit der Schuhspitze zur Seite. Die Abdeckung neben dem Bad beachtete er nicht.

„Morgen bringen wir Ihnen die Unterlagen“, sagte er. „Dann hören die Fragen auf.“

Als der Riegel wieder vorgeschoben war, kniete Andreas bereits an der Wand.

Drei Schläge, eine Pause, zwei.

„Clara?“

Sie antwortete verschlafen. Er erzählte ihr vom Besucher, von der Erklärung und davon, dass der Mann ihre Zeichnung gesehen hatte.

„Hat er sie mitgenommen?“

„Nein.“

„Und du hast nichts unterschrieben?“

„Nein.“

Sie schwiegen kurz. Dann sagte Clara: „Morgen holen sie dich vielleicht raus.“

Andreas sah zur niedrigen Verkleidung.

„Dann müssen wir vorher fertig werden.“

• • •

Am Freitagmorgen lag der Löffel neben Claras Knie. Sie hatte ihn in der Nacht zweimal in die Hand genommen und wieder hingelegt. Jetzt hörte sie auf Andreas’ Atem.

„Ich halte“, sagte er.

Sie zog an der Kante. Die Platte kam ein Stück aus der Führung und blieb stehen.

„Es klemmt unten.“

Andreas veränderte seinen Griff. Auf seiner Seite stieß Metall gegen Metall.

„Jetzt?“

Clara drückte die Platte zunächst zurück. Dann hob sie sie leicht an. Der Widerstand verschwand so plötzlich, dass sie mit der Schulter gegen die Wand schlug.

Beide hielten still.

Aus dem Gang kam kein Geräusch.

Die niedrige Sockelblende hatte den unteren Rand einer größeren Verkleidung verdeckt. Clara konnte sie jetzt schräg in den Raum ziehen. Dahinter lag ein schmaler Streifen Boden. Kabel liefen über ihren Kopf hinweg. Ein Metallständer begrenzte die Öffnung; daneben blieb gerade genug Platz, um sich seitlich hindurchzuschieben.

Sie beschrieb Andreas, was sie sah.

„Ich muss die Sperre noch halten“, sagte er. „Wenn du durch bist, schau nach, ob du die Platte von hinten abstützen kannst.“

„Und wenn nicht?“

Er antwortete nicht sofort.

„Dann kommst du zurück.“

Clara nahm den Löffel und schob ihn in die Manteltasche. Sie wusste nicht, wozu sie ihn noch brauchen konnte. Ihn zurückzulassen fühlte sich trotzdem falsch an.

Dann setzte sie einen Fuß hinter die Wand.

• • •

Zuerst war es nur eng. Clara schob die Schulter an einem Ständer vorbei, zog den zweiten Fuß nach und blieb mit dem Mantel hängen. Sie tastete zurück. Ein kleiner Metallwinkel hatte den Saum gefasst.

„Warte.“

„Ich warte.“

Sie löste den Stoff. Hinter ihr bewegte sich die Platte. Der Lichtstreifen wurde schmaler.

Clara drehte sich zu schnell. Ihre Stirn traf eine quer laufende Strebe. Sie hielt die Hand vor den Mund.

„Was war das?“

„Ich habe mich gestoßen.“

Sie sah die Öffnung nicht mehr. Vor ihren Augen standen helle Flecken. Ihr Atem wurde laut in dem Hohlraum.

„Clara?“

„Ich sehe dich nicht.“

„Ich bin noch hier.“

Sie streckte die Hand aus. Glatte Platte, eine Schraube, dahinter Leere. Sie wusste nicht mehr, in welche Richtung sie sich gedreht hatte.

„Rede weiter.“

„Meine Hand ist noch an der Sperre. Ich lasse nicht los. Geh mit deiner rechten Hand zurück an die Strebe, an der dein Mantel hing.“

Clara fand den Winkel.

„Da.“

„Gut. Bleib bei meiner Stimme.“

Sie wartete, bis er weitersprach. Seine Worte kamen von links, näher am Boden, als sie erwartet hatte. Sie ging in die Hocke und sah wieder den Lichtstreifen.

Am Fuß der Verkleidung befand sich ein flacher Halter. Die Platte war beim Herausziehen daran vorbeigerutscht. Clara hob sie mit beiden Händen ein wenig an und setzte die untere Kante darauf ab.

„Lass langsam nach.“

Das Metall in Andreas’ Raum schabte. Die Platte senkte sich, hielt aber.

„Noch?“

„Sie steht.“

Clara blieb daneben knien, bis Andreas sich durch die Öffnung schob. Erst sah sie seine Hand. Dann seinen Kopf, das graue Haar am Ansatz, den Staub auf seiner Schulter.

Er richtete sich halb auf und blieb an einem Kabel hängen.

Clara fasste seinen Ärmel. „Tiefer.“

Er duckte sich. Dann saßen sie einander gegenüber.

• • •

Andreas hatte sich oft vorgestellt, wie sie aussehen würde, wenn die Wand endlich weg war. Wütend vielleicht. Oder so erleichtert, dass er selbst nichts mehr würde sagen müssen.

Jetzt sah er die Druckstelle an ihrer Stirn.

„Blutest du?“

Clara fuhr mit den Fingern darüber und betrachtete sie. „Nein.“

Er wollte näher hinsehen. Sie legte die Hand auf seinen Unterarm.

„Lass.“

Andreas blieb sitzen.

Clara sah ihn an, als müsse sie einzelne Dinge miteinander verbinden: die Stimme, die sie durch die Öffnung gehört hatte, seine Hände, das Gesicht, an das sie sich erinnerte.

„Du bist wirklich hier.“

„Ja.“

Sie strich mit dem Daumen über den staubigen Stoff seines Ärmels. Dann nahm sie die Hand zurück, langsam.

Hinter Andreas stand die bewegte Platte noch schräg in der Öffnung. Clara blickte daran vorbei.

„Die Karten liegen immer noch auf deinem Tisch.“

Er brauchte einen Augenblick, um zu verstehen.

„Ja.“

„Wir suchen uns ein anderes Konzert.“

Andreas nickte. Diesmal fragte er nicht nach der Reihe.

• • •

Sie gingen seitlich hinter den Räumen entlang. An manchen Stellen mussten sie sich unter Leitungen ducken. Andere waren breit genug, um nebeneinander zu stehen.

Die Rückseiten der Wände bestanden aus hellen Platten. Auf einem Ständer stand W3–B. Andreas blieb davor stehen. Clara hatte ihm diese Zeichenfolge auf einen Zettel geschrieben. Jetzt konnte er sie selbst berühren.

An einem Verteiler liefen dünne Kabel zusammen. Eines führte zu der Stelle, hinter der sein Telefon stehen musste. Ein zweites verschwand in Claras Raum.

Daneben hing eine Papierliste mit Durchwahlen.

Andreas hob sie nicht ab. Er las die Nummern, dann die mit Bleistift ergänzten Namen.

„Unsere Telefone“, sagte Clara.

Er nickte.

Sie standen eine Weile vor der Liste. Jemand hatte aufgeschrieben, welcher Anschluss zu welchem Menschen gehörte. Hinter der Wand hatten sie auf ein Freizeichen gewartet.

Clara ging weiter.

An einer schmalen Seitentür blieb sie stehen. Durch den Spalt unter dem Blatt fiel Licht. Dahinter scharrte ein Stuhl.

Sie hob die Hand.

Andreas hielt sofort an.

„Er bringt den Ordner“, sagte eine Stimme. Der Mann im grauen Pullover. „Nein. Den alten auch. Sonst unterschreibt er nicht.“

Clara sah zu Andreas.

„Dann soll Falk ihm das selbst erklären.“

Der Stuhl rückte zurück. Beide zogen sich hinter einen vorspringenden Plattenstoß. Schritte kamen näher, entfernten sich aber wieder. Eine andere Tür wurde geöffnet.

Dann war es still.

• • •

Lorenz hatte inzwischen drei Adressen auf ihrer Liste. Keine lag auf der Insel.

Über dem Lindauer Festland hatten sich Wolken vor die Sonne geschoben. Lorenz stand vor dem Büro eines früheren Geschäftspartners von Falk. Durch die Scheibe sah sie eine Frau zwei Ordner aus einem Regal nehmen. Auf dem Gehweg schob ein Mann sein Fahrrad an ihr vorbei. Er fragte, ob sie zur Tür wolle. Lorenz trat zur Seite und bedankte sich.

Die Frau kam heraus und reichte ihr eine Kopie.

„Das ist die letzte Übergabeliste, die wir noch haben. Ob er die Räume weiter nutzt, weiß ich nicht.“

Lorenz las die Angaben. Zwei Lagerflächen, ein früherer Montagebereich. Ein Teil war später untervermietet worden.

„Wer kann mir sagen, an wen?“

Die Frau nannte einen Namen.

Lorenz schrieb ihn auf. Erst dann rief sie ihren Kollegen an.

„Wir prüfen die Belegung für alle drei Adressen. Und ob es spätere Umbauten im Inneren gab.“

„Du glaubst, sie sind dort?“

„Ich glaube, dass er Zugang hatte.“

Sie sah noch einmal auf den Montagebereich. Strom, sanitäre Anschlüsse, eine hohe Halle. Genug Platz, um etwas hineinzubauen.

Sie setzte einen Strich neben die Adresse.

• • •

Clara drückte die Seitentür nur so weit auf, dass sie in den Raum sehen konnte.

Der Tisch stand links. An seinem hinteren Ende lag ein geschlossener Ordner neben einer Mappe. Der Stuhl war leer. Von rechts, hinter der nächsten Tür, kamen gedämpfte Stimmen.

„Das ist der Tisch“, flüsterte sie.

Andreas ging in die Hocke. „Und die Öffnung?“

Clara zeigte auf einen kleinen Hebel neben dem Türrahmen. Daneben führte eine Leitung durch die Wand, in Richtung der gesperrten Gangtür.

Gestern hatte der Mann hier hineingegriffen. Von der anderen Seite hatte sie nur seine Hand gesehen.

Andreas streckte die Finger aus, hielt aber vor dem Hebel an.

„Erst schauen.“

Clara öffnete die Seitentür etwas weiter. Ihr Blick ging zur Gangtür, dann zum Tisch. Niemand.

Der Ordner lag kaum zwei Schritte entfernt.

Andreas sah, wohin sie blickte.

„Ich möchte ihn ansehen“, flüsterte er.

Clara schluckte. Sie wollte Nein sagen. Sie wollte durch die nächste Tür und an irgendeinen Ort, an dem niemand wusste, wie sie hieß.

„Wie lange?“

„Eine Seite. Wenn ich sie finde.“

Sie blickte erneut zur Tür, hinter der gesprochen wurde.

„Ich bleibe hier.“

Andreas ging zum Tisch.

Der Rücken des Ordners war an einer Ecke aufgerissen. Obenauf lag ein Blatt mit dem Vermerk Anlage B. Keine saubere neue Kopie: ein schiefer Abdruck, dunkle Lochränder, eine handschriftliche Ergänzung.

Er überflog die Liste bis zur Position des rückwärtigen Ausgangs.

Tür klemmt unter Last. Instandsetzung ausstehend.

Andreas las die Zeile ein zweites Mal.

In der Fassung, die seiner Anfrage angehangen hatte, stand an dieser Stelle: Funktion geprüft. Ohne Mangel.

Gleiche Positionsnummer. Gleiches Prüfdatum.

Er zog das Blatt nicht heraus. Es war mit weiteren Seiten durch einen Heftstreifen verbunden. Stattdessen klappte er die Mappe daneben auf.

Die neue Erklärung war bereits eingelegt.

Clara machte ein leises Geräusch.

Andreas sah auf.

Die Stimmen hinter der Tür waren verstummt.

Er schloss die Mappe, nahm den ganzen alten Ordner und ging zurück.

Clara ließ ihn durch, zog die Seitentür vorsichtig an und blieb mit der Hand an der Kante stehen.

Auf der anderen Seite wurde die Gangtür geöffnet.

• • •

Der Mann im grauen Pullover sagte zunächst nichts.

Clara hörte seine Schritte bis zum Tisch. Dann das Aufschlagen einer Mappe.

„Wo ist der andere?“

Eine zweite Stimme antwortete zu leise.

Clara nahm die Hand von der Tür und wich zurück. Andreas hielt den Ordner fest gegen seine Brust.

„Wir müssen weiter“, hauchte sie.

Hinter ihnen knackte etwas. Die Platte an ihrem Einstieg war vom Halter gerutscht. Sie schlug gegen den Metallständer.

Der Helfer hörte es.

Sein Stuhl kippte um. Clara zog Andreas am Ärmel mit sich. Sie mussten sich an einer Leitung vorbeidrängen, dann endete der schmale Gang an einer schweren Tür.

Andreas drückte die Klinke.

Abgeschlossen.

Hinter ihnen öffnete sich die Seitentür. Licht fiel zwischen die Platten.

„Hier!“

Clara zog Andreas in eine Nische hinter einem breiten Leitungsgehäuse. Sein Rücken stieß gegen ihres. Der Ordner schabte über den Boden.

Der Mann kam nicht sofort hinterher. Sie hörten, wie er etwas über den Boden zog. Metall schlug in eine Führung. Dann drückte er die Seitentür zu.

Andreas drehte sich zur verschlossenen Tür vor ihnen. Clara tastete nach seiner Hand.

Von der anderen Seite kam die Stimme des Helfers, jetzt dicht an der Verkleidung.

„Falk.“

Eine Pause.

„Sie sind nicht mehr in den Zimmern.“

Andreas’ Finger schlossen sich um ihre.

„Und sie haben den Ordner.“

Fortsetzung am Samstag: Kapitel 7 – „Was wir mitnehmen“.

Fiktionshinweis: Lindau und sein Umkreis sind reale Schauplätze. Sämtliche Figuren, Betriebe, Gebäude des Entführungsfalls, Dokumente, der erwähnte Brand und die Straftaten sind frei erfunden. Reale Einrichtungen und Personen stehen in keinem Zusammenhang mit dem Verbrechen.