Platz 214 – Die falsche Wahrheit

Freitag · Kapitel 6 von 7

Clara ging nach Reutin, weil jemand berechnet hatte, dass sie es tun würde.

Sie nahm nicht den direkten Weg.

Am Berliner Platz stieg sie aus dem Bus, überquerte die Straße und blieb vor einem Schaufenster stehen. In der Scheibe sah sie die Fahrzeuge hinter sich, die Menschen an der Haltestelle und einen Mann, der zu lange auf sein Telefon blickte.

Die Sonne stand noch über den Dächern. Für Ende September war die Luft warm, doch in den Schatten lag bereits die Kühle des Abends.

In Claras Jackentasche vibrierte das zweite Telefon.

ROUTE ABWEICHEND
PROFILANPASSUNG LÄUFT

Clara lächelte.

Zum ersten Mal gefiel ihr eine Nachricht von Nachhall.

• • •

Eine Stunde zuvor hatte Andreas das Speichermodul auf ihren Küchentisch gelegt.

„Wenn wir das Archiv einfach übergeben, löscht Karla alles“, hatte er gesagt.

„Wenn wir es nicht übergeben, veröffentlicht sie Julians Geständnis.“

„Das wird sie sowieso.“

Clara stand am Fenster. Unten fuhr ein Lieferwagen langsam durch die Straße und verschwand hinter den Bäumen.

„Sie erwartet, dass ich Julian retten will.“

„Willst du das nicht?“

„Doch. Aber sie soll glauben, dass ich dafür auch dir misstraue.“

Andreas sah sie lange an. „Das dürfte uns nicht schwerfallen.“

Clara wusste, dass er den Satz als Scherz gemeint hatte. Dafür klang er zu wahr.

Sie stellte das fremde Telefon auf den Tisch, so dass die Kamera beide erfassen konnte.

„Du hast mir verschwiegen, dass du für Echo Süd gearbeitet hast“, sagte sie laut.

Andreas verstand sofort.

„Ich habe Gebäude geplant. Keine Menschen.“

„Deine Initialen stehen auf den Plänen. Deine Zugangsdaten in den Protokollen.“

„Und deine Stimme ist auf einer Aufnahme, in der jemand erschossen wird.“

Clara schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Verschwinde.“

Andreas nahm das Speichermodul.

Im Vorbeigehen berührten seine Finger für einen Moment ihre Hand. Eine Entschuldigung oder ein Versprechen. Clara wusste nicht, was von beidem.

Dann fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Das fremde Telefon vibrierte.

VERTRAUENSPERSON VERLÄSST SZENE
WAHRSCHEINLICHKEIT: 89 %

Clara hatte beinahe gelacht.

Nachhall hatte ihren Streit erwartet. Es hatte nur nicht verstanden, dass sie ihn gemeinsam führten.

Andreas würde durch den Keller in seine Wohnung zurückkehren, den Mantel wechseln und das Haus über den Hof verlassen. Clara hatte ihm ihr altes Telefon gegeben. Keine SIM-Karte, kein WLAN, nur eine einzige gespeicherte Nummer.

„Wenn du dich meldest, weiß ich, dass du etwas gefunden hast“, hatte sie gesagt.

„Und wenn ich nichts finde?“

„Dann meldest du dich auch.“

„Das ist technisch dieselbe Anweisung.“

„Aber nicht dieselbe Nachricht.“

Da hatte er kurz gelächelt. Es war der letzte Moment gewesen, in dem sich der Tag noch wie etwas anfühlte, das sie kontrollieren konnten.

• • •

Jetzt ging sie weiter in Richtung Bahnhof Reutin.

Vor dem Eingang warteten Menschen auf die Ersatzbusse nach Enzisweiler und Wasserburg. Motoren liefen, Türen klappten, Koffer rollten über den Asphalt. Eine Lautsprecherdurchsage brach mitten im Satz ab und begann von vorn.

In dem Durcheinander konnte jeder Clara beobachten.

Oder niemand.

Das Telefon klingelte.

Karla Ebert erschien auf dem Display. Hinter ihr wieder dieselbe weiße Wand.

„Sie sind gekommen“, sagte Karla.

„Sie wussten, dass ich komme.“

„Nein. Das System wusste es.“

„Wo ist Julian?“

Das Bild wechselte.

Julian saß auf einem Stuhl. Hinter ihm verlief ein graues Rohr an einer Betonwand. An seiner Schläfe klebte getrocknetes Blut. Er hob den Kopf.

„Clara, gib ihr nichts.“

Eine Hand trat ins Bild und legte sich auf seine Schulter.

„Das Video ist live“, sagte Karla. „Sie können ihm eine Frage stellen.“

Clara dachte an die Aufnahme aus ihrer Wohnung. An den zweiten Andreas. An Gesichter, die auf Glas entstanden.

„Was ist ein Andenken an die Wahrheit?“

Julian sah auf sein rechtes Handgelenk.

„Eine Narbe, die man bekommt, wenn man zu spät merkt, für wen man arbeitet.“

Das Bild sprang zurück zu Karla.

„Er ist also echt“, sagte sie.

„Für den Moment.“

Karla schob mehrere Dokumente ins Bild. Hotelbuchungen, Kontobewegungen, Julians Fahrkarte nach Zürich. Daneben lagen Ausdrucke von Andreas’ Plänen und eine Liste mit Zeitstempeln.

„Herr Brenner wollte morgen verschwinden“, sagte Karla. „Das Konto ist echt. Das Hotel ist echt. Die Überweisungen sind echt.“

„Und der Rest?“

„Sie suchen immer noch nach einer einzigen Wahrheit. Die gibt es nicht mehr.“

„Wer hat meine Stimme benutzt?“

„Julian hat Sie ausgewählt.“

„Das war nicht meine Frage.“

Karla lächelte. „Oder, wie Ihre Stimme sagte: Jetzt kennt er mich.“

Clara blieb stehen.

Die Worte waren am Sonntag nur aus dem Telefon gekommen. Sie hatte sie weder Andreas noch der Polizei vorgespielt. In keiner ihrer Notizen standen sie.

„Woher kennen Sie diesen Satz?“

Für den Bruchteil einer Sekunde verlor Karla ihr Lächeln.

Dann wurde die Verbindung beendet.

• • •

Andreas saß in einem abgestellten Wagen am Rand des Bahnhofsparkplatzes.

Das Speichermodul war nicht mit dem Internet verbunden. Trotzdem veränderten sich Dateien.

Eine nach der anderen bekam ein neues Datum.

Er öffnete das Systemprotokoll und verglich die Kennungen. Julians Benutzername stand in fast jeder Zeile. Dahinter erschien ein zweiter Schlüssel, nur für Sekunden, bevor er wieder überschrieben wurde.

KE-01 · DIREKTIVE BESTÄTIGT

Andreas suchte in den ältesten Dateien. Der Schlüssel war bereits dort vorhanden, Monate bevor Julian angeblich Nachhall gestohlen hatte.

KE.

Karla Ebert.

Kein Beweis, der vor Gericht reichen würde. Aber ein Fehler, den jemand gemacht hatte, weil er sich für unsichtbar hielt.

Andreas fotografierte die Anzeige mit einem alten Gerät. Dann bemerkte er eine weitere Datei.

P214_JB_MASTER

Sie war verschlüsselt.

Auf dem Beifahrersitz lagen der schwarze Umschlag und Julians Zugangskarte. Clara hatte beides vor ihrem Aufbruch unter seiner Fußmatte versteckt.

Draußen hielt ein Ersatzbus. Für einen Augenblick spiegelten sich die Wartenden in der Seitenscheibe: eine Frau mit Kinderwagen, zwei Schüler, ein Mann mit Fahrrad. Jeder von ihnen konnte einen grauen Punkt im Archiv besitzen. Jeder konnte bereits Teil einer vorbereiteten Situation sein.

Andreas dachte an die Dutzenden Namen im Serverraum. Wenn Karla das Archiv zurückbekam, würde Platz 214 nicht enden. Es würde nur jemand anderen treffen.

Andreas drehte den Umschlag ins Sonnenlicht. Unter dem schwarzen Papier erschien eine Reihe matter Zeichen. Kein Aufdruck, sondern die Spur eines entfernten Etiketts.

Er gab zuerst die Nummer der Zugangskarte ein.

Falsch.

Er ergänzte 214.

Falsch.

Dann fügte er die Zeichen vom Umschlag hinzu.

Die Datei öffnete sich.

Auf dem Bildschirm erschien kein Video von Julian.

Es war ein Gesprächsplan.

ZIELPERSON: CLARA VOGT
SZENARIO: INSELHALLE
STEUERUNG: KE-01

Darunter standen Sätze aus den Anrufen. Fragen, Pausen, berechnete Antworten. Auch Karlas heutige Formulierung war darin enthalten.

Andreas griff nach seinem Telefon.

Auf dem Display lag noch Claras letzte Nachricht. Drei Wörter, die sie vor ihrem Aufbruch geschickt hatte.

GLAUB MIR NICHT.

Darunter hatte Andreas geantwortet.

NUR UNS.

• • •

Clara stand unter dem Vordach des Reutiner Bahnhofs, als seine Nachricht ankam.

KARLA HAT DIE GESPRÄCHE GESTEUERT.
ICH KANN ES BELEGEN.

Clara löschte die Nachricht.

Dann rief sie Karla an.

„Ich habe das Archiv“, sagte sie.

„Herr Seidel hat es mitgenommen.“

„Andreas hat eine Kopie. Das Original ist bei mir.“

Sie hielt einen leeren schwarzen Datenträger in die Kamera.

Am anderen Ende entstand eine Pause.

„Was wollen Sie?“

„Julian. Lebend.“

„Sie vertrauen ihm?“

„Nein.“

Das war die erste vollständig wahre Antwort dieses Abends.

„Haupteingang“, sagte Karla. „In zwanzig Minuten. Allein.“

Die Verbindung brach ab.

Clara sah ihr eigenes Gesicht im schwarzen Display. Hinter ihr strömten die Menschen aus einem gerade angekommenen Ersatzbus. Niemand achtete auf sie. Trotzdem wusste sie, dass Karla jede Abweichung messen ließ: die Länge ihrer Schritte, die Richtung ihres Blicks, die Sekunden vor einer Antwort.

Also tat Clara das Einzige, was in ihrem Profil nicht vorgesehen war.

Sie rief Kommissarin Lorenz an.

Nach dem ersten Freizeichen legte sie wieder auf.

Nicht lang genug für ein Gespräch. Aber lang genug für einen Eintrag in der Anrufliste. Falls sie den Abend nicht überlebte, würde jemand wissen, wann sie Hilfe gewollt hatte.

Clara ging vom Bahnhof nach Süden. Hinter den Häusern sank die Sonne. Vom Industriegebiet her trug der Wind dumpfe Bässe über die Straße; irgendwo begann ein Konzert mit dem Soundcheck.

Das fremde Telefon zeigte ihren Punkt. Er bewegte sich genau auf das Ziel zu.

PROFILBESTÄTIGUNG
96 %

Ein zweiter Punkt erschien.

ANDREAS SEIDEL
STATUS: ENTFERNT

Clara blieb nicht stehen.

Vor ihr lag der Hauptzugang des ehemaligen Echo-Süd-Gebäudes. Hinter den dunklen Scheiben brannte nur eine Lampe.

Ihr privates Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von Julians Nummer.

WENN KARLA MERKT, DASS ANDREAS NOCH LEBT,
BRINGT SIE UNS BEIDE UM.

Hinter Clara fiel eine Autotür zu.