Samstag · Kapitel 7 von 7
Karla Ebert stieg aus dem Wagen und richtete eine Pistole auf Clara.
Kein Bildschirm. Keine fremde Stimme. Kein berechnetes Gesicht.
Eine Frau mit kurzem grauem Haar, hellem Hemd und einer Waffe, die in ihrer schmalen Hand beinahe zu schwer wirkte.
„Das private Telefon auf den Boden“, sagte Karla.
Clara ließ es fallen.
„Und das andere.“
„Sie wissen doch, wo es ist.“
„Ich möchte sehen, ob Sie noch gehorchen können.“
Clara zog das fremde Gerät aus der Jacke und legte es neben ihr eigenes. Auf beiden Displays bewegte sich derselbe graue Punkt zum Haupteingang.
Ihr Punkt.
Karla trat auf die Telefone. Das Glas brach.
„Gehen Sie.“
Hinter der Glastür des ehemaligen Echo-Süd-Gebäudes lag ein schmaler, nur von Notleuchten erhellter Flur. Die Tür schloss sich hinter ihnen mit einem leisen Klicken.
An der Wand hingen keine Firmenschilder mehr. Nur helle Rechtecke zeigten, wo sie einmal gewesen waren. In einer offenen Tür standen drei Stühle vor einer Kamera. Auf dem mittleren lag Claras dunkle Jacke.
Nicht ihre Jacke. Eine Kopie.
Auf einem Tisch daneben lagen zwei Telefone und eine Perücke mit schulterlangem dunklem Haar.
Karla bemerkte ihren Blick.
„Menschen erkennen, was sie erwarten“, sagte sie. „Der Rest ist Beleuchtung.“
Clara hörte keine Schritte außer ihren eigenen.
Sie hörte auch Andreas nicht.
• • •
Andreas wartete, bis Karlas Wagen verriegelt war.
Dann stieg er aus dem Lieferwagen am Rand des Parkplatzes und lief zur Nordseite des Gebäudes.
Unter seinem Hemd steckte das Speichermodul. In seiner Hosentasche lag Jules altes Telefon. Drei Minuten zuvor hatte es zum ersten Mal eine Verbindung bekommen.
Er hatte Kommissarin Lorenz vier Dateien geschickt: den Schlüssel KE-01, den Gesprächsplan der Inselhalle, Julians Video und seinen Standort.
Darunter nur einen Satz.
WENN SIE MIR NICHT GLAUBEN, GLAUBEN SIE DEM BRANDALARM.
An der Betonwand fand er den grauen Schaltkasten aus seinem alten Plan. Jemand hatte das Schloss ersetzt.
Andreas zog Julians Metallband aus der Tasche.
Diesmal brauchte er drei Versuche.
Beim dritten brach das Schloss.
• • •
Julian saß in dem Raum, den Clara bereits aus den Videos kannte.
Das graue Rohr. Die nackte Betonwand. Der Stuhl.
Seine linke Hand war mit einem Kabelbinder an die Armlehne gezogen. Die rechte lag frei auf seinem Oberschenkel. Unter der hellen Narbe am Handgelenk war die Haut dunkel verfärbt.
„Clara“, sagte er.
Sie ging einen Schritt auf ihn zu.
Die Pistole berührte ihren Rücken.
„Nicht“, sagte Karla.
Auf einem Tisch stand ein Laptop. Daneben lag ein Adapter für das Speichermodul.
„Das Archiv.“
Clara legte den schwarzen Datenträger hin, den sie Karla am Bahnhof gezeigt hatte.
Karla schob ihn in den Adapter.
„Schlüssel eingeben.“
„Was passiert danach?“
„Die vollständigen Daten werden übertragen. Anschließend erhalten Sie Julian.“
Julian lachte heiser. „Sie meint, was von mir übrig ist.“
Karla schlug ihm mit dem Lauf gegen die Schläfe.
Clara setzte sich an den Laptop.
Auf dem Bildschirm erschien eine einzige Eingabezeile. Darüber stand eine Zahl.
PROFIL 214
Clara betrachtete sie.
„Der Platz in der Inselhalle.“
„Der Platz war nur für Sie reserviert“, sagte Karla. „Die Nummer hatten Sie schon vorher.“
„Ich war Profil 214.“
„Sie sind es noch.“
Julian schloss die Augen.
„Du hast mich ausgewählt“, sagte Clara.
Er antwortete erst, als Karla die Waffe wieder hob.
„Ich brauchte jemanden, der Beweise sichert, bevor er Hilfe holt. Jemanden, der einer Geschichte folgt, wenn sie persönlich wird.“
„Meine Kinder standen in deinem Profil.“
„Ja.“
Das Wort traf härter als jede Erklärung.
„Der Umschlag? Die Karte?“
„Von mir. Ich wollte, dass du das Archiv findest.“
„Die Nachricht über die Inselhalle?“
„Meine“, sagte Julian. „Wenn ich mich bis Sonntag nicht melde, gehen Sie trotzdem hin. Mehr konnte ich noch senden.“
„Und danach?“
„Danach hatte Karla mein Telefon.“
„Und der Schuss?“
„Synthetisch“, sagte Karla. „Ein wenig Stimme, ein wenig Raumklang und ein sehr überzeugender Körper, der gegen eine Wand fällt.“
„Das Blut war echt“, sagte Julian. „Meins.“
Karla beugte sich zu Clara.
„Julian wollte das Projekt veröffentlichen. Ich wollte beweisen, dass es funktioniert. Sie waren beides: seine Enthüllung und mein Test.“
„Für wen?“
„Für Menschen, die nicht mehr darauf warten wollen, dass eine Mehrheit zufällig die richtige Entscheidung trifft.“
„Firmen?“
„Auch.“
„Parteien?“
Karla lächelte nicht. „Sie denken zu klein. Jeder, der Aufmerksamkeit kaufen kann, kann auch Möglichkeiten begrenzen. Nachhall macht nur sichtbar, wie wenig Auswahl dann noch übrig bleibt.“
Clara dachte an die grauen Punkte über Lindau. Nicht Kunden. Nicht Wähler. Menschen, deren Angst, Gewohnheiten und Vertrauen in Spalten zerlegt worden waren.
„Andreas?“
„Ein brauchbarer Schuldiger. Alte Pläne, echte Initialen, die passende Neigung, allein zu handeln.“
Clara legte die Finger auf die Tastatur.
„Und wenn ich den Schlüssel nicht eingebe?“
Karla richtete die Pistole auf Julian.
„Dann endet seine Geschichte hier.“
„Archiv oder Julian.“
„Sie lernen schnell.“
Clara tippte die Nummer der Zugangskarte ein. Danach 214. Zuletzt die Zeichen vom schwarzen Umschlag.
Sie ließ das letzte Zeichen weg.
Auf dem Bildschirm erschien ein Fortschrittsbalken.
SCHLÜSSEL WIRD GEPRÜFT
Karla trat näher.
„Sie machen denselben Fehler wie Ihr System“, sagte Clara.
„Welchen?“
„Sie glauben, es gäbe immer nur zwei Möglichkeiten.“
Im selben Moment heulte der Brandalarm los.
• • •
Andreas drückte den roten Handtaster mit dem Ellenbogen ein.
Über ihm sprang die Entrauchung an. Lüfter rissen Luft durch die Schächte. Im ganzen Gebäude lösten sich die Fluchttüren aus ihren Verriegelungen.
Die erste öffnete sich.
Die zweite nicht.
Andreas zog zwei Kabel aus dem alten Steuerkreis und verband sie mit dem Metallband.
Ein Funke.
Die Notbeleuchtung erlosch.
Dann sprang auch die zweite Tür auf.
Im Flur hörte er Karla schreien.
Er rannte los.
• • •
Die Luft im Raum bewegte sich schlagartig.
Papiere flogen vom Tisch. Der Laptop kippte zur Seite. Auf dem Bildschirm sprang der Fortschrittsbalken zurück.
SCHLÜSSEL UNVOLLSTÄNDIG
Karla sah Clara an.
„Wo ist das Archiv?“
„Nicht hier.“
„Bei Seidel?“
Clara sagte nichts.
Im Flur schlug eine Tür gegen die Wand.
Karlas Gesicht veränderte sich. Nicht digital. Ganz menschlich.
Angst.
„Er lebt.“
Sie riss die Waffe herum, als Andreas im Türrahmen erschien.
Der Schuss war diesmal echt.
Ein harter Schlag. Beton splitterte neben Andreas’ Kopf.
Julian warf sich mit dem ganzen Körper gegen Karla. Der Stuhl kippte. Karla stürzte, hielt die Pistole aber fest.
Clara trat auf ihr Handgelenk.
Die Waffe rutschte über den Boden.
Karla griff nach Claras Bein. Clara verlor das Gleichgewicht und schlug mit der Schulter gegen den Tisch.
Andreas erreichte die Pistole zuerst. Er nahm sie nicht auf. Er trat sie durch die offene Tür in den Flur.
„Du handelst nicht allein“, keuchte Clara.
„Heute nicht.“
Karla stieß Julian von sich und sprang auf. Aus dem Flur drang kaltes weißes Licht. Überall standen Türen offen.
Sie lief.
Clara folgte ihr.
Hinter ihr riss Andreas den Kabelbinder von Julians Hand. Julian sackte auf den Boden.
„Bleib bei ihm“, rief Clara.
„Clara!“
Sie war bereits im Flur.
Durch den Alarm waren aus den Lautsprechern nur Wortfetzen zu hören. Claras Stimme. Karlas Stimme. Julians Stimme.
Aus einem Nebenraum fiel eine halbtransparente Scheibe und zerbrach. Für einen Augenblick entstand darauf noch einmal Andreas’ Gesicht, verzerrt vom Notlicht. Dann erlosch die Projektion endgültig.
„Links“, rief Andreas.
Clara bog ab.
Karla erreichte den Hauptausgang. Die Glastür öffnete sich nicht. Andreas hatte nicht das Gebäude entriegelt, sondern nur die vorgeschriebenen Fluchtwege.
Karla schlug gegen das Glas.
Draußen spiegelte sich blaues Licht.
Die Seitentür flog auf. Zwei Feuerwehrleute kamen herein, hinter ihnen Kommissarin Lorenz und ein uniformierter Beamter.
Karla hob langsam die Hände.
„Sie verstehen nicht, was hier passiert ist“, sagte sie.
Lorenz sah an ihr vorbei zu Clara.
„Doch“, sagte Clara. „Zum ersten Mal schon.“
• • •
Am Samstagmittag war der Raum leer.
Julian lag im Krankenhaus. Sobald die Ärzte ihn entließen, würde er vernommen werden. Seine Aussagen änderten nichts daran, dass er Nachhall entwickelt, Menschen ohne ihr Wissen vermessen und Clara ausgewählt hatte.
Karla schwieg.
Andreas’ Pläne waren echt gewesen. Die späteren Zugriffe nicht. KE-01 hatte jede Manipulation freigegeben.
Kommissarin Lorenz hatte Clara um kurz nach drei Uhr morgens gegenübergesessen. Zwischen ihnen stand ein Pappbecher mit kaltem Kaffee.
„Warum haben Sie mich erst angerufen und dann aufgelegt?“
„Weil ich nicht wusste, ob meine Stimme bei Ihnen oder bei Karla landet.“
„Und warum sind Sie trotzdem hineingegangen?“
Clara hatte durch die Scheibe des Vernehmungsraums zu Andreas gesehen. Er saß auf der anderen Seite des Flurs und beantwortete dieselbe Frage.
„Weil Julian sonst gestorben wäre.“
Lorenz hatte nichts dazu gesagt. Sie hatte nur den kalten Kaffee weggeschoben.
Nur das Archiv fehlte.
Andreas hatte das Modul im Technikraum abgelegt, bevor er zu Clara gelaufen war. Als Lorenz den Raum sichern ließ, war es verschwunden.
Keine Kamera zeigte, wer es genommen hatte.
Keine Kamera zeigte in dieser Nacht überhaupt noch etwas.
• • •
Am späten Nachmittag stand die Sonne über dem See.
Bei Thiersch 0 tanzten Menschen unter freiem Himmel. Elektronische Bässe liefen über das Wasser, Kinder saßen auf den Mauern, und für ein paar Stunden schien niemand einen Grund zu brauchen, irgendwohin zu gehen.
Clara und Andreas standen abseits der Musik.
Seine Stirn war mit einem schmalen Pflaster bedeckt. Ihre Schulter schmerzte bei jeder Bewegung.
„Dein Profil lag falsch“, sagte Clara.
„Welcher Teil?“
„Du handelst allein.“
Andreas sah auf den See. „Vielleicht war die Datenlage schlecht.“
„Oder Menschen ändern sich.“
„Das wäre für die Software natürlich ärgerlich.“
Clara lächelte. Morgen würden Jule und Ben zurückkommen. Am Montag würde sie ihrem Redakteur erklären müssen, warum aus einem Kabarettabend eine Geschichte geworden war, die er ihr nicht glauben durfte.
Für einen Moment hörte sie nur die Musik.
Dann vibrierte ihr Telefon.
Andreas blickte zu ihr.
„Neue Nummer?“
Clara betrachtete das Display.
Als Absender stand dort ihr eigener Name.
Clara Vogt.
Darunter wurde ein Foto geladen.
Es zeigte Clara und Andreas am Wasser. Aufgenommen in diesem Augenblick, leicht erhöht, aus Richtung der tanzenden Menge.
Unter dem Bild stand nur ein Satz.
DANKE FÜR DIE TESTWOCHE.
Diesmal lief kein Countdown.
Das war schlimmer.

