Das fehlende Bild – Die Frau im roten Schal

Sonntag · Kapitel 1 von 7

Die alte Frau zählte nicht die Menschen, die in die Kirche kamen. Sie zählte nur die, die wieder hinausgingen.

Andreas bemerkte es beim siebten Mal.

Immer wenn sich die Tür von St. Verena öffnete und ein später Besucher hereinkam, hob die Frau in der dritten Reihe den Kopf. Kam jemand herein, senkte sie ihn wieder. Ging jemand hinaus, bewegten sich ihre Lippen.

Kein Gebet.

Zahlen.

Sie trug einen roten Schal, obwohl der Sonntag so warm werden sollte, dass Clara auf dem Weg zur Kirche schon die Jacke ausgezogen hatte.

„Du starrst“, flüsterte Clara.

„Ich beobachte.“

„Das sagen Menschen immer, wenn sie starren.“

Jule saß zwischen ihnen und verdrehte die Augen. Ben hatte den Kopf an Claras Schulter gelegt. Hinten begann die Orgel, und für einen Moment wurde Andreas ruhig.

Clara hatte ihm am Morgen nur eine Nachricht geschickt.

10.15 UHR, ST. VERENA. DANACH HINTERE INSEL. EIN TAG OHNE RÄTSEL.

Er hatte zugesagt, obwohl sie beide wussten, dass das mit dem Tag ohne Rätsel gelogen war. Nach der vergangenen Woche fühlte sich jede unbekannte Nummer, jede spiegelnde Fensterscheibe und jedes zu lange Schweigen wie der Anfang von etwas an.

Der Gottesdienst stand unter dem Thema „Demenz – (k)eine Frage des Alters“. Es ging um Erinnerungen, die sich veränderten, und um Menschen, die trotzdem dieselben blieben. Andreas hörte zu. Aber sein Blick kehrte immer wieder zu der Frau mit dem roten Schal zurück.

Bei der Predigt drehte sie sich zum ersten Mal um.

Sie sah nicht Clara an.

Sie sah ihn an.

• • •

Nach dem Gottesdienst blieb Clara bei einer Bekannten stehen. Jule und Ben waren schon draußen. Andreas wartete neben der letzten Bank, bis sich der Mittelgang leerte.

Die alte Frau saß noch immer auf ihrem Platz.

„Es sind zwei mehr hinausgegangen als hereingekommen“, sagte sie.

Andreas trat näher. „Vielleicht waren sie schon vor Ihnen da.“

„Einer ja.“

„Und der andere?“

Sie griff in ihre Handtasche. Ihre Bewegungen waren langsam, aber nicht unsicher. Sie zog eine flache Metalldose heraus, kaum größer als eine Streichholzschachtel.

„Sind Sie Andreas Seidel?“

Er antwortete nicht sofort.

„Woher kennen Sie meinen Namen?“

„Clara hat von Ihnen erzählt.“

Andreas blickte über die Schulter. Clara stand noch immer am Ausgang und sprach mit der Frau neben ihr.

„Was hat sie erzählt?“

„Dass Sie Fehler in Plänen finden.“

Die alte Frau hielt ihm die Dose hin.

„Das hier ist kein Plan.“

„Was ist es?“

„Ein Fehler in der Reihenfolge.“

Er nahm die Dose nicht.

„Dann gehen Sie zur Polizei.“

„Das habe ich 1990 getan.“

„Und?“

„Man hat mir geglaubt.“

Sie lächelte. Es war kein freundliches Lächeln.

„Das war das Problem.“

Vom Ausgang rief Clara: „Andreas?“

Die Frau zuckte zusammen. Die Metalldose rutschte ihr aus der Hand und fiel auf die Bank. Ein hartes, helles Geräusch.

„Heute Nachmittag“, sagte sie. „Hintere Insel. Wenn ich den roten Schal trage, kommen Sie nicht zu mir.“

„Warum?“

„Weil dann jemand zusieht.“

Sie ging an ihm vorbei. Andreas roch Lavendel und etwas Chemisches, das ihn an eine Dunkelkammer erinnerte.

Auf der Bank lag die Dose.

Als er sie aufhob, sah er, dass mit schwarzem Filzstift ein Name daraufgeschrieben war.

ANDREAS SEIDEL

• • •

„Helena Berg“, sagte Clara draußen.

Die Sonne stand über dem Kirchturm. Auf dem Parkplatz war es bereits wärmer als an manchen Sommertagen.

„Du kennst sie?“

„Ein bisschen. Sie kommt manchmal zu Veranstaltungen. Früher hat sie in der Klinik gearbeitet, glaube ich.“

„Und du hast ihr von mir erzählt?“

Clara sah auf die Dose in seiner Hand. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Sie wusste meinen Nachnamen.“

„Der ist kein Staatsgeheimnis.“

„Sie hat ihn auf die Dose geschrieben, bevor sie wusste, dass ich heute hier bin.“

Clara strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Was ist drin?“

„Ich soll sie erst heute Nachmittag öffnen.“

„Hat sie das gesagt?“

„Nein.“

„Dann hast du dir die Regel gerade selbst gegeben.“

Jule und Ben warteten am Gehweg. Ben hielt zwei Kastanien in der Hand, als wären sie ein Beweisstück.

Clara sah Andreas an. „Wir wollten einen normalen Sonntag.“

„Wir fahren zur Hinteren Insel.“

„Das hatten wir ohnehin vor.“

„Eben.“

„Und bis dahin?“

Andreas steckte die Dose in die Innentasche seiner Jacke.

„Bis dahin bleibt sie zu.“

Clara hob eine Augenbraue.

„Mindestens zehn Minuten“, ergänzte er.

• • •

Er öffnete die Dose nach acht.

Sie standen neben Claras Wagen. Jule und Ben diskutierten darüber, wer vorne sitzen durfte. In der Dose lag ein Streifen mit sechs Schwarzweißnegativen, eingeschlagen in dünnes Papier.

Andreas hielt ihn gegen den hellen Himmel.

Auf den ersten Bildern erkannte er Wasser. Eine Balustrade. Die dunklen Umrisse eines Hauses. Zwei Männer, die sich gegenüberstanden.

Auf dem letzten Bild war nur noch einer von ihnen zu sehen.

„Villa Lindenhof“, sagte Clara.

„Sicher?“

„Die Seeseite. Diese Fenster verwechselst du nicht.“

Andreas drehte den Streifen um. Zwischen dem vierten und fünften Negativ war die Perforation beschädigt. Dort hatte jemand ein Bild herausgeschnitten.

„Eins fehlt“, sagte er.

Clara blickte zur Kirchentür. Helena war verschwunden.

• • •

Am Nachmittag lag die Hintere Insel im warmen Licht. Menschen standen in kleinen Gruppen zusammen, Kinder liefen über die freien Flächen, Musik mischte sich mit Stimmen und dem Schlagen der Wellen gegen die Mauer.

Andreas nahm kaum etwas davon wahr.

Er hatte die Negative fotografiert, vergrößert und gespiegelt. Das Ergebnis auf seinem Telefon war unscharf, aber ausreichend. Die beiden Männer trugen leichte Jacken. Hinter ihnen stand ein Fahrrad. Auf einem Bild war am Rand ein Stück Zeitung zu erkennen.

Ein Datum ließ sich nicht lesen.

Helena hatte gesagt, er solle nicht zu ihr kommen, wenn sie den roten Schal trug.

Sie trug ihn.

Sie stand etwa fünfzig Meter entfernt am Wasser, den Rücken zu ihm. Neben ihr ein Mann mit grauer Kappe. Zu weit weg, um sein Gesicht zu erkennen.

„Da ist sie“, sagte Clara.

„Nicht hinsehen.“

„Du siehst doch selbst hin.“

„Unauffällig.“

„Du hältst dein Telefon wie ein Fernglas.“

Andreas ließ die Hand sinken.

Ben zog Clara zu einem Stand. Jule blieb bei Andreas.

„Kennst du die Frau?“

„Nein.“

„Warum beobachtest du sie dann?“

„Weil sie nicht beobachtet werden möchte.“

Jule dachte kurz darüber nach. „Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“

Als Andreas wieder zum Wasser blickte, war der Mann mit der Kappe fort.

Helena ebenfalls.

Nur der rote Schal lag noch auf der niedrigen Mauer.

Andreas ging los.

Hinter ihm rief Clara seinen Namen. Diesmal blieb er nicht stehen.

Er erreichte die Mauer und nahm den Schal hoch. Der Stoff war warm von der Sonne. Darunter lag Helenas Mobiltelefon.

Das Display war gesprungen.

Am Rand, zwischen zwei Steinen, entdeckte Andreas einen einzelnen dunkelbraunen Schuh.

Er blickte über die Mauer. Das Wasser darunter war klar. Zwischen den Steinen bewegten sich helle Linien.

Keine Frau.

Kein zweiter Schuh.

Clara kam neben ihm zum Stehen. „Wir rufen die Polizei.“

Das Telefon in Andreas’ Hand vibrierte.

Auf dem gesprungenen Display erschien keine Nummer. Nur ein Bild.

Es zeigte ihn, Clara und Jule.

Aufgenommen vor wenigen Sekunden von einem erhöhten Standort hinter ihnen.

Unter dem Foto stand:

JETZT IST DIE REIHENFOLGE FALSCH.

Andreas drehte sich um.

Überall waren Menschen.

Niemand sah zu ihnen.

• • •

Erst als die Polizei den Bereich am Wasser absperrte, fand Andreas das gefaltete Papier in der Metalldose.

Es hatte unter den Negativen gelegen. Auf der Vorderseite standen sechs Bildnummern. Die fünfte war rot eingekreist.

Auf der Rückseite hatte Helena einen einzigen Satz geschrieben.

3. OKTOBER 1990. EINER VON BEIDEN WAR DA SCHON TOT.