Donnerstag · Kapitel 5 von 7
Die Narbe lag auf der falschen Seite.
Andreas hatte das Foto vom Lindenhofpark auf den großen Bildschirm gezogen. Links das Original, rechts die Spiegelung aus der gläsernen Informationstafel. Dazwischen das Passbild aus der Dose, so gut er es aus der Erinnerung nachzeichnen konnte.
Auf dem Passbild verlief die Narbe über der linken Augenbraue.
Im Glas ebenfalls.
Das war unmöglich.
„Eine Spiegelung vertauscht die Seiten“, sagte Clara.
Sie stand hinter seinem Stuhl und hielt den Kaffee, den sie eigentlich für ihn mitgebracht hatte.
„Ich weiß.“
„Du klingst nicht so.“
Andreas spiegelte den Ausschnitt. Die Narbe sprang nach rechts.
„Dann ist es nicht derselbe Mann“, sagte Clara.
„Oder das Passbild war seitenverkehrt.“
„Oder du willst, dass es derselbe Mann ist.“
Er vergrößerte das halbe Gesicht, bis es in grobe Pixel zerfiel. Die Schulter des Mannes stand auf einer Seite etwas höher. Das linke Ohr lag enger am Kopf als das rechte.
Andreas schob seine Skizze daneben.
„Die Schulter“, sagte er.
Clara beugte sich vor. Ihre Haare streiften seinen Ärmel.
„Vielleicht.“
„Und das Ohr.“
„Vielleicht.“
„Du sagst das absichtlich.“
„Es hilft dir.“
Sein Telefon klingelte. Lorenz.
• • •
„Sie haben sich bei der Narbe geirrt“, sagte die Kommissarin ohne Begrüßung.
„Bei der Seite.“
„Das ist bei einer Narbe nicht ganz unwichtig.“
„Das alte Passbild könnte gespiegelt sein.“
„Unsere Fototechnik sagt dasselbe. Eines der beiden Bilder ist kein normaler Passbildabzug. Es wurde vermutlich aus einem größeren Negativ herauskopiert. Die Orientierung ist nicht sicher.“
Andreas sah Clara an. Sie hob ihren Becher, als würde sie auf das Wort vielleicht anstoßen.
„Es gibt noch etwas“, sagte Lorenz. „Martin Rehfeld ist am dreißigsten September 1990 gestorben.“
„Welcher von beiden?“
„Das ist die Frage.“
Lorenz schickte ihm eine Seite aus einer alten Meldeakte. Oben stand der Name. Darunter Geburtsdatum, letzte Anschrift und in einer anderen Schreibmaschinenschrift ein Vermerk.
VERSTORBEN 30.09.1990
„Die Dias sind vom dritten Oktober“, sagte Andreas.
„Das Datum auf dem Magazin lautet so. Ob es stimmt, wissen wir nicht.“
„Helena hat gesagt, einer von beiden sei da schon tot gewesen.“
„Sie kann den Akteneintrag gemeint haben.“
„Ein Mann läuft weiter herum. Nur sein Name ist tot.“
Lorenz schwieg kurz. „Das ist eine Deutung, Herr Seidel.“
„Aber diesmal eine gute.“
„Das entscheiden wir später.“
Ein Signalton unterbrach das Gespräch. Auf Andreas’ Display erschien eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
19 UHR. STIFTSPLATZ.
FRAGEN SIE MICH NICHT NACH MEINEM NAMEN.
Andreas las sie Lorenz vor.
„Sie antworten nicht“, sagte sie.
„Ich wollte nur schreiben, dass ich nicht allein komme.“
„Sie antworten nicht.“
Clara stellte ihren Becher ab. „Ich komme trotzdem mit.“
Lorenz hörte es. „Mit Abstand. Und Sie tun beide exakt, was wir besprechen.“
„Einverstanden“, sagte Andreas.
„Schon wieder zu schnell.“
• • •
Am Nachmittag lag trockene Wärme über Reutin. Vor dem Bahnhof warteten Reisende zwischen Ersatzbussen und Absperrgittern. Umgeleitete Stadtbusse kamen aus Richtungen, aus denen Andreas sie nicht erwartete, und jede Anzeige schien eine andere Verzögerung zu meinen.
Er hätte die Insel zu Fuß fast schneller erreicht.
Lorenz hatte den Ablauf dreimal wiederholt. Andreas sollte auf dem Stiftsplatz warten. Clara blieb in Sichtweite. Zwei Beamte standen so, dass er sie nicht erkennen sollte. Der Mann durfte reden und gehen, solange kein Grund bestand, ihn festzuhalten.
„Das gefällt dir nicht“, sagte Clara.
„Ich weiß nicht, woran ich ihn erkenne.“
„An der falschen Narbe.“
„Sehr hilfreich.“
„Dafür bin ich da.“
Am Inselbahnhof trennten sie sich. Clara ging voraus in Richtung Altstadt. Andreas wartete eine Minute und folgte ihr mit Abstand.
Die Sonne stand bereits tief. In den schmalen Gassen war es deutlich kühler als auf dem Festland.
• • •
Kurz vor sieben füllte sich der Stiftsplatz.
Vor dem Hotel Stift begrüßten sich Gäste. Durch eine geöffnete Tür drangen Stimmen und der Geruch nach warmem Essen. Dann setzte für einige Takte ein Dudelsack ein, rau und durchdringend, bevor die Tür wieder zufiel.
Clara stand am Rand des Platzes und betrachtete ein Schaufenster. Sie wirkte, als wäre sie zufällig dort. Nur ihre rechte Hand hielt das Telefon zu fest.
Andreas stellte sich unter eine Laterne.
Um sieben Uhr zwei trat ein älterer Mann neben ihn.
Keine Kappe. Graues Haar. Dunkler Mantel. Das linke Ohr lag enger am Kopf als das rechte.
„Sie haben das Bild vergrößert“, sagte der Mann.
„Sie wollten darauf erkannt werden.“
„Nicht von der Polizei.“
Im Seitenlicht wurde über seiner Augenbraue eine schmale Narbe sichtbar.
„Martin Rehfeld?“, fragte Andreas.
Der Mann lächelte nicht. „Sie sollten nicht nach meinem Namen fragen.“
„Dann sagen Sie mir, wer auf den beiden Passbildern zu sehen ist.“
„Zwei Männer, die denselben Fehler gemacht haben.“
„Welchen?“
„Sie glaubten, ein Name gehöre dem, der ihn trägt.“
Hinter ihnen öffnete sich wieder die Hoteltür. Stimmen, Gläser, ein kurzer Dudelsackton. Der Mann wartete, bis es leiser wurde.
„Martin Rehfeld ist der Name, unter dem einer von uns verschwinden musste“, sagte er. „Nicht der Name, mit dem wir geboren wurden.“
„Helena hat Ihnen geholfen.“
Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht.
„Helena hat verhindert, dass der falsche Mann mit dem richtigen Namen weiterlebt.“
„Auf den Bildern an der Villa sind zwei Männer.“
„Vor Bild siebzehn.“
„Und danach nur einer.“
Der Mann sah zu Clara, dann über den Platz. „Bild siebzehn zeigt keinen Mord. Es zeigt, wer die Jacken tauscht.“
„Warum?“
„Weil auf der Straße nicht Gesichter kontrolliert wurden. Papiere wurden kontrolliert. Kleidung. Ein Fahrrad. Eine Geschichte, die zu allem passte.“
Andreas dachte an Bild 18. Ein Mann mit dem Fahrrad, in der hellen Jacke des anderen.
„Wer ist der Mann mit der grauen Kappe?“
„Nicht meiner.“
„Das ist keine Antwort.“
„Mehr habe ich nicht.“
Der Mann griff in die Manteltasche. Andreas spannte sich an, doch er zog nur einen alten Schlüssel hervor. Am Ring hing ein schmaler roter Faden.
„Wo ist Helena?“
Der Mann hielt den Schlüssel zwischen zwei Fingern.
„Am Sonntag? Dort, wo sie sein wollte.“
Andreas sagte nichts.
„Der Schal, das Telefon, der Schuh“, fuhr der Mann fort. „Die Polizei sollte suchen. Nicht nach ihr. Nach dem, was 1990 übersehen wurde.“
„Sie hat ihr Verschwinden inszeniert.“
„Am Sonntag ist sie freiwillig gegangen.“
„Und jetzt?“
Der Mann sah wieder zu Clara.
„Seit Montag habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
• • •
Andreas streckte die Hand aus. Der Mann legte den Schlüssel hinein und schloss Andreas’ Finger darum, bevor er die eingeprägte Zahl lesen konnte.
„Wenn die Polizei erfährt, wozu er gehört, findet sie nur den falschen Raum.“
„Wo sind die Originale?“
„Helena nannte es den Raum ohne Fenster.“
„Das ist kein Ort.“
„Für Sie schon.“
Der Blick des Mannes sprang über Andreas’ Schulter. Seine Hand löste sich.
„Gehen Sie zu Clara.“
„Warum?“
Doch der Mann ging bereits. Nicht hastig. Er verschwand zwischen den Menschen, bevor einer der Beamten ihm folgen konnte, ohne sich zu erkennen zu geben.
Andreas drehte sich um.
Clara stand allein am Rand des Platzes. Auf ihrem Gesicht lag derselbe Ausdruck wie am Abend zuvor, als Helenas Nummer angerufen hatte.
Er ging zu ihr.
„Eine Nachricht“, sagte sie.
Auf ihrem Display stand Helenas Nummer.
ER HAT IHNEN DIE FALSCHE VERSION ERZÄHLT.
Andreas öffnete die Hand.
Auf dem Schlüssel stand die Zahl 17.
Zum ersten Mal wusste er nicht, welcher der beiden Männer wollte, dass Helena gefunden wurde.

