Das fehlende Bild – Ins Licht

Samstag · Kapitel 7 von 7

Um 19.52 Uhr wusste Andreas, wo Helena das fehlende Bild versteckt hatte.

Er stand im provisorischen Einsatzraum der Polizei und sah zum dritten Mal auf das Foto aus der Dunkelkammer.

Nicht auf Helena. Nicht auf den Mann mit der grauen Kappe.

Auf den leeren Umschlag in Fach 17.

In der oberen Ecke befand sich ein blasser Abdruck. Zwei geschwungene Linien, dazwischen ein C.

„Das ist kein Fleck“, sagte Andreas.

Kommissarin Lorenz trat neben ihn. „Sondern?“

Clara hatte Helenas Unterlagen auf dem Tisch ausgebreitet. Zwischen Rechnungen und Notizen lag der Entwurf einer E-Mail, den die Polizei am Nachmittag auf ihrem Rechner gefunden hatte.

Übergabe Privatarchiv Berg · 3. Oktober · Cavazzen

„Ein Siegel“, sagte Andreas. „Der Umschlag lag in der Kiste für die Schenkung.“

Lorenz griff bereits zum Telefon.

„Die Lange Nacht läuft seit sechs“, sagte Clara. „Wenn Kessler das Bild dort sucht, geht er zwischen allen Besuchern unter.“

Andreas sah sie an. „Kessler?“

„Die Gesichtssuche hatte vor vier Minuten einen Treffer“, sagte Lorenz. „Walter Kessler. 1990 Fotograf und freier Mitarbeiter mehrerer Archive. Danach untergetaucht.“

Auf einem zweiten Bildschirm erschien ein altes Pressefoto. Der Mann war jünger, aber die breite Stirn und die tiefe Falte neben dem Mund waren dieselben.

„Er hat Bild 17 aufgenommen“, sagte Andreas.

„Und Helena zwingt ihn jetzt, es für ihn zu holen“, sagte Clara.

Lorenz gab den Einsatzbefehl.

• • •

Die Insel war voller Menschen.

Vor dem Cavazzen standen Besucher der Langen Nacht der Museen. Türen öffneten und schlossen sich, Stimmen lagen über dem Marktplatz. Aus Richtung des Münsters drangen die letzten Takte der Tango-Messe: Streicher, Klavier, ein Rhythmus, der über das noch feuchte Pflaster lief.

Der Regen vom Vortag war vorbei. Zwischen den Wolken lagen helle Streifen, doch die Luft war kühl und schwer.

Lorenz zog Andreas am Ärmel zurück.

„Sie bleiben hinter mir.“

„Helena kennt mich.“

„Kessler auch.“

Clara deutete auf die Rückseite des Museums. „Die Übergabe sollte nicht im Ausstellungsraum stattfinden. In der Mail steht Seiteneingang, Magazin.“

Der Zugang lag in einem schmalen, für den Publikumsverkehr gesperrten Hof. Eine Metalltür stand einen Spalt offen.

Lorenz sprach leise in ihr Funkgerät. Zwei Beamte gingen durch die Nachbargasse. Andreas hörte seinen Atem zu laut.

Dann kam aus dem Hof eine Stimme.

„Sie ist nicht hier.“

Helena.

Andreas ging an Lorenz vorbei.

„Andreas!“

Er stieß die Tür auf.

• • •

Der Raum dahinter war klein und fensterlos, aber kein zweiter Fotoraum. Transportkisten standen an den Wänden. Auf einem Tisch lag eine geöffnete Archivbox.

Helena stand davor. Blass, erschöpft, ohne roten Schal.

Walter Kessler hielt ihren Arm. In der anderen Hand lag ein schmaler schwarzer Umschlag.

Der ältere Mann vom Stiftsplatz stand an der Tür zum Hof. Er hob beide Hände, als Andreas eintrat.

„Ich wollte Zeit gewinnen“, sagte er.

„Sie haben den Wagen gefahren.“

„Weil er sie sonst nicht lebend hergebracht hätte.“

Kessler lachte leise. „Johannes war schon immer gut darin, sich seine Feigheit als Hilfe zu erklären.“

Der ältere Mann zuckte bei dem Namen zusammen.

„Johannes Kern“, sagte Andreas.

„Den Namen gibt es nicht mehr“, antwortete er.

„Doch“, sagte Helena. „Genau deshalb sind wir hier.“

Lorenz erschien hinter Andreas. „Herr Kessler, lassen Sie Frau Berg los und legen Sie den Umschlag auf den Tisch.“

Kesslers Finger schlossen sich fester um Helenas Arm.

„Sie verstehen das Bild nicht“, sagte er.

„Dann zeigen Sie es uns“, sagte Andreas.

Kessler sah ihn an. Nur für einen Moment. Doch Andreas erkannte, dass er auf diesen Satz gewartet hatte. Nicht auf die Polizei. Auf jemanden, der das Bild sehen wollte.

Er zog den Negativstreifen aus dem Umschlag und hielt ihn gegen die Deckenlampe.

Vier kleine dunkle Rechtecke.

Im dritten standen zwei Männer vor der Villa Lindenhof.

Der eine trug die helle Jacke, die später auf Bild 18 am Fahrrad zu sehen war. Der andere hielt dessen Papiere in der Hand. Hinter ihnen spiegelte das Fensterglas einen dritten Mann mit Kamera.

Walter Kessler.

„Bild siebzehn“, sagte Helena.

Andreas trat einen halben Schritt näher.

„Der Mann in der hellen Jacke war Martin Rehfeld.“

Johannes schloss die Augen.

„Noch“, sagte Helena.

• • •

Die Worte kamen langsam, aber sie passten zu jedem Bild.

Martin Rehfeld hatte 1990 entdeckt, dass Kessler über seine Fotoarbeiten gefälschte Ausweise und Lebensläufe herstellte. Martin wollte zur Polizei. Kessler wusste davon.

Johannes Kern half Martin bei einem geplanten Verschwinden für wenige Tage. Die Männer tauschten Jacken, Fahrrad und Papiere, damit Martin unbeobachtet die Villa verlassen konnte. Helena fotografierte die Vorbereitung – bis Kessler ihr die Kamera abnahm.

Er machte Bild 17 selbst.

Danach tötete er Martin außerhalb des Bildes und zwang Johannes, in dessen Kleidung weiterzugehen. Bild 18 zeigte deshalb Johannes auf Martins Fahrrad.

„Und der amtliche Tod vor jener Nacht?“, fragte Andreas.

Lorenz antwortete. „Der Eintrag wurde am vierten Oktober angelegt und auf den dreißigsten September zurückdatiert. Mit einer gefälschten Meldung.“

„Von ihm“, sagte Johannes und sah Kessler an. „Martin war tot. Auf dem Papier war er es schon vorher. Und ich lebte unter seinem Namen weiter.“

„Damit niemand nach einem Mord suchte“, sagte Clara.

Johannes nickte.

„Helena hat Ihnen geholfen.“

„Sie hat mich versteckt. Sie glaubte, Kessler würde auch mich töten.“

Andreas sah zu Helena. „Warum sind Sie damals nicht zur Polizei gegangen?“

„Ich war dort.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Mit einer Kopie und ohne Bild siebzehn. Kessler hatte bereits Unterlagen, nach denen Martin vor jener Nacht tot war. Ein Beamter sagte, ich hätte zwei Männer verwechselt. Am nächsten Morgen lag ein Foto meiner Wohnung unter der Tür.“

„Also haben Sie geschwiegen.“

„Ich habe das Original versteckt. Das war nicht mutig. Es war nur das Einzige, was ich noch konnte.“

Kessler hob den Negativstreifen etwas höher. „Sechsunddreißig Jahre Angst – und jetzt nennt sie es Beweissicherung.“

„Nein“, sagte Andreas. „Jetzt nennt man es Beweis.“

„Das hätte ich“, sagte Kessler.

Lorenz machte einen Schritt vor.

Kessler stieß Helena gegen den Tisch.

Andreas fing sie auf. Der schwarze Umschlag fiel zu Boden, aber Kessler behielt den Negativstreifen und rannte durch den Hof.

Johannes stellte sich ihm in den Weg.

Kessler schlug ihn mit der Schulter beiseite und verschwand in der Gasse.

Andreas übergab Helena an Clara.

Dann lief er.

• • •

Kessler stieß zwischen Besuchergruppen hindurch zur Cramergasse. Andreas blieb zehn Meter hinter ihm.

„Polizei! Stehen bleiben!“

Menschen wichen zurück. Kessler bog in die Maximilianstraße ein, rannte unter den Arkaden weiter und schlug einen Stuhl um, ohne sich umzusehen.

Andreas sprang darüber.

Seine Lunge brannte. Das Pflaster war noch feucht. Einmal rutschte sein Fuß weg, doch er fing sich an einer Hauswand ab.

Hinter ihm hörte er Lorenz’ Rufe. Vor ihm wurde die Gasse heller.

Der Hafen.

Kessler erreichte die Promenade und drängte sich am Mangturm vorbei. Auf dem Wasser lagen gebrochene Lichter. Er lief bis zu den Stufen am See und blieb stehen.

Andreas verlangsamte.

„Sie kommen nicht weg.“

Kessler hielt den Negativstreifen zwischen Daumen und Zeigefinger über das Wasser.

„Es ist nur ein Stück Film.“

„Dann hätten Sie Helena nicht dafür entführt.“

„Helena wollte aus Schuld Wahrheit machen.“

„Und Sie wollen aus Wahrheit Wasser machen.“

Kesslers Mund verzog sich.

„Ein Bild beweist gar nichts.“

„Dieses schon.“

Andreas sah nicht auf seine Hand. Er sah in Kesslers Gesicht. Auf die Augen, die immer wieder nach links sprangen.

Dort führte ein schmaler Weg zurück in die Menge.

„Sie wollen es gar nicht ins Wasser werfen“, sagte Andreas. „Sie wollen, dass ich auf den Film sehe, damit Sie an mir vorbeikommen.“

Kessler bewegte sich.

Andreas war schneller.

Er packte Kesslers Handgelenk. Beide prallten gegen das Geländer. Der Negativstreifen löste sich und stieg für einen Augenblick in die Luft.

Kessler riss sich los.

Andreas griff nicht nach ihm.

Er griff nach dem Bild.

Seine Finger schlossen sich um den Film, bevor der Wind ihn über das Wasser tragen konnte.

Kessler machte zwei Schritte in Richtung Mangturm.

Dort stand Clara.

Neben ihr Kommissarin Lorenz.

„Sie sehen immer nur den nächsten Ausgang“, sagte Clara.

Kessler blieb stehen.

Lorenz legte ihm Handschellen an.

• • •

Später hielt Lorenz den Negativstreifen unter die mobile Leuchte eines Polizeifahrzeugs.

Helena saß in eine Decke gehüllt auf der offenen Ladekante eines Rettungswagens. Johannes stand einige Meter entfernt bei einem Beamten. Zum ersten Mal wirkte er nicht namenlos, sondern nur alt.

„Warum jetzt?“, fragte Andreas.

Helena sah zum erleuchteten Film.

„Weil ich mein Archiv abgeben wollte. Kessler erfuhr von der Schenkung. Am Sonntag wollte ich die Polizei zwingen, die alten Akten zu öffnen, bevor er begriff, wo das Original lag.“

„Der Schal, der Schuh, das Telefon.“

„Mein Plan.“

„Und seit Montag?“

„Seiner.“

Sie blickte zu Johannes.

„Er hat mir geholfen, solange er konnte. Am Ende hat die Angst wieder gewonnen.“

Johannes hob den Kopf. „Ich werde aussagen. Unter meinem richtigen Namen.“

Helena nickte, ohne zu lächeln.

Über dem Hafen rissen die Wolken weiter auf. Auf dem Wasser wurden die Lichter ruhiger.

Clara stellte sich neben Andreas. Ihre Hand streifte seine.

„Du hast sie gefunden“, sagte sie.

„Wir.“

„Das kannst du ruhig noch einmal sagen.“

Er drehte die Hand und hielt ihre Finger fest.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann rief Helena seinen Namen.

Sie hielt einen zweiten Umschlag in der Hand. Er war zwischen den alten Negativen gelegen und trug kein Datum.

Nur einen Satz.

DAS ERSTE BILD FEHLT NOCH.

Andreas sah zu Clara.

Sie ließ seine Hand nicht los.