Montag · Kapitel 2 von 7
Am Montagmorgen lag Claras Telefon zwischen ihnen auf dem Küchentisch.
Auf dem eingefrorenen Bild kniete ein Mann vor ihrer Wohnungstür. Dunkle Jacke. Kurzes Haar. Die linke Schulter leicht zurückgenommen, als störe ihn eine alte Verletzung, über die er nie sprach.
Andreas kannte diese Haltung.
Sie gehörte ihm.
„Was hast du vor meiner Tür getragen?“, fragte Clara.
Die Kaffeemaschine hinter ihr schaltete sich mit einem trockenen Klicken ab. Draußen lag der Morgen grau über den Dächern. Kein Wind bewegte die feuchten Blätter im Hof.
Andreas ließ das Video noch einmal laufen. Acht Sekunden. Die Gestalt stieg aus dem unteren Bildrand, trug etwas Flaches mit beiden Händen und verschwand nach oben. Dann ein Schnitt. Der Mann kniete vor Claras Tür, stand auf und drehte den Kopf.
Sein Gesicht zerfiel in graue Quadrate.
„Das bin ich“, sagte Andreas.
Clara blinzelte nicht.
„Aber ich habe das Bild nicht vor deine Tür gestellt.“
„Du warst also doch hier.“
„Unten im Haus.“
„Du hast Lorenz gesagt, du wärst zwischen sechs und sieben zu Hause gewesen.“
„Ich war um sechs zu Hause.“
„Und um zwanzig vor sieben?“
Andreas schob das Telefon zurück. „Da war ich hier.“
Zwischen ihnen stand nicht die Frage, ob er gelogen hatte. Nur noch, wie viel.
Er nahm sein eigenes Telefon und öffnete das Foto vom Seiteneingang des Cavazzen. Clara sah sich darauf selbst. Nacht, grauer Stoff, ein flacher Gegenstand in ihren Armen. Der eingeblendete Zeitstempel zeigte 23:48 Uhr.
„Und du?“, fragte er.
Ihr Blick blieb auf dem Bild. „Woher hast du es?“
„Du warst dort.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Du musst es nicht sagen.“
Clara hob den Kopf. „Zeig mir die Nachricht dazu.“
„Wenn du mir deine zeigst.“
Für einen Moment wirkte sie müde. Nicht ertappt. Eher so, als hätte sie gehofft, er würde ihr die Entscheidung abnehmen.
Dann drehte sie ihr Telefon zu ihm.
Unter dem Video standen vier Worte.
ER WAR VOR DIR DA.
Andreas öffnete die Nachricht, die ihn am Sonntag um 06:13 Uhr erreicht hatte.
WENN DU WISSEN WILLST, WAS CLARA ZURÜCKGEBRACHT HAT, KOMM ALLEIN.
„Deshalb warst du hier“, sagte Clara.
„Ich bin bis in den unteren Flur gegangen. Ich hatte eine schwarze Dokumentenmappe dabei. Keine Holztafel. Oben war es still. Also bin ich wieder gegangen.“
„Warum die Mappe?“
Seine Hand blieb auf dem Reißverschluss seiner Tasche liegen.
„Unterlagen.“
„Welche Unterlagen?“
„Das spielt keine Rolle.“
Clara lehnte sich zurück. Etwas in ihrem Gesicht schloss sich.
„Dann meine Antwort auch nicht.“
„Du warst um 23:48 Uhr am Cavazzen.“
„Ja.“
Das Wort traf ihn härter als ein weiteres Ausweichen.
Clara erzählte von der Nachricht, die sie nach ihrem Abschied erhalten hatte. Andreas habe am Seiteneingang etwas liegen lassen. Sie solle es holen, bevor es jemand anderes finde. Dort habe ein flaches Paket gelegen, grau umwickelt. Sie habe es aufgehoben.
„Was war darin?“
„Nicht das Gemälde.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Mehr sage ich nicht.“
Andreas sah sie lange an. Er kannte die kleine Falte zwischen ihren Augen, wenn sie Angst hatte. Diesmal war sie nicht da.
Clara hatte keine Angst vor seiner Frage.
Sie hatte eine Antwort.
Andreas stand auf. Auf der Fensterbank lagen zwei Schulhefte, daneben ein einzelner Kopfhörer und Claras Schlüsselbund. Vertraute Dinge. Noch am Samstag hätte er sich in dieser Küche bewegt, ohne darüber nachzudenken, wo die Tassen standen. Jetzt kam ihm jeder Gegenstand vor wie etwas, das ihm nur gezeigt wurde, solange Clara es erlaubte.
„Wir hätten beide sofort zu Lorenz gehen müssen“, sagte er.
„Du zuerst.“
„Weil mein Bild früher kam?“
„Weil du schon vor meinem Anruf wusstest, dass es um die Rückseite geht.“
„Das habe ich erklärt.“
„Du hast eine passende Antwort gegeben. Das ist nicht dasselbe.“
Er hätte ihr sagen können, dass sie ihn besser kannte. Doch genau das war das Problem. Der Mann im Video bewegte sich wie er. Die Nachricht hatte ihn mit Wissen gelockt, das er unbedingt haben wollte. Und er hatte Clara nicht angerufen, bevor er zu ihrem Haus fuhr.
Vielleicht kannte sie ihn tatsächlich gut genug.
• • •
Das Cavazzen war montags geschlossen. Hinter der Eingangstür blieb der Marktplatz zurück, als hätte jemand den Ton abgeschaltet. Keine Besucher, keine Stimmen aus dem Café, keine Schritte auf der Treppe. Nur das matte Summen der Technik und der Geruch von Holz, Staub und etwas Scharfem aus dem provisorischen Untersuchungsraum.
Kommissarin Lorenz wartete neben Dr. Eva Riedle. Auf dem Tisch lagen die beiden Telefone in Beuteln.
„Zwei Beweismittel“, sagte Lorenz. „Beide seit gestern in Ihrem Besitz. Beide verschwiegen.“
„Wir wussten nicht, ob sie echt sind“, sagte Clara.
„Deshalb zeigt man sie der Polizei.“
Lorenz zog die Ausdrucke der Aufnahmen nebeneinander. Andreas im Treppenhaus. Clara am Cavazzen.
„Die Orte sind echt. An den Personen finden wir bisher nichts, was für eine vollständig künstliche Erzeugung spricht. Der Zeitstempel im Foto beweist trotzdem gar nichts. Und das Video ist aus einer längeren Aufnahme herausgeschnitten. Uns fehlen der Anfang, das Ende und knapp zwei Minuten dazwischen.“
„Dann kann man alles damit behaupten“, sagte Andreas.
„Nein. Man kann genau das behaupten, was Sie beide ohnehin bereit sind zu glauben.“ Lorenz sah von ihm zu Clara. „Die Bilder beweisen nicht, was Sie getan haben. Sie beweisen, was Sie einander zutrauen.“
Andreas erwartete Claras Blick. Sie sah stattdessen auf das Foto vom Cavazzen.
Lorenz legte zwei weitere Ausdrucke dazu. Auf dem ersten war der untere Hausflur zu sehen. Andreas trat durch die Eingangstür, die Mappe unter dem Arm. Auf dem zweiten verließ Clara den Lichtkegel am Cavazzen. Das graue Paket trug sie noch immer.
„Wir können Ihre Wege inzwischen teilweise bestätigen“, sagte Lorenz. „Das entlastet Sie nicht. Es macht die Lücken nur genauer.“
„Gibt es Aufnahmen von meiner Etage?“, fragte Clara.
„Keine, die wir selbst beschafft haben.“
„Dann stammt das Video nicht aus der Hausanlage.“
„Oder jemand hatte Zugriff, bevor die Daten bei uns waren.“
Andreas betrachtete das Standbild. Die Kamera hing tiefer, als er sie im Treppenhaus in Erinnerung hatte. Nicht an der Decke, sondern ungefähr auf Brusthöhe. Jemand hatte die beste Perspektive nicht gefunden. Jemand hatte sie vorbereitet.
Er wollte Clara darauf hinweisen. Im selben Moment sah er, dass auch sie den Winkel prüfte. Früher hätten sie denselben Gedanken beendet. Jetzt warteten beide darauf, wer ihn zuerst aussprach und damit verriet, wie viel er bereits wusste.
Riedle führte sie zu den Tafeln. Die mutmaßliche Beweinung aus Claras Treppenhaus lag auf einer gepolsterten Arbeitsfläche. Die Fassung aus dem Museum ruhte einige Meter entfernt unter einem grauen Tuch.
„Die gefundene Tafel trägt Alterung und ältere Eingriffe, die zur dokumentierten Geschichte des Werks passen“, sagte Riedle. „Holzbewegung, Wachsspuren, Reparaturen. Das Museumsbild ist ebenfalls alt und hervorragend gearbeitet.“
„Welches ist das Original?“, fragte Clara.
„Wahrscheinlich dieses.“ Riedle deutete auf die Tafel aus dem Treppenhaus. „Wahrscheinlich ist kein Gutachten.“
Sie zeigte auf den hellen Punkt unter der Hand des Engels. „Das ist ein gesetztes Erkennungszeichen. Oberflächlich. Entfernbar. Es sagt uns, welche Tafel am Samstag dokumentiert wurde, aber nicht, wer sie ausgetauscht hat.“
„Also hing im Museum eine Kopie“, sagte Andreas.
„Spätestens am Sonntagmorgen. Eine alte Kopie. Keine Arbeit, die jemand in einer Nacht anfertigt.“
Andreas sah zur verhüllten Tafel. Jemand hatte nicht nur einen Austausch vorbereitet. Jemand hatte auf den richtigen Moment gewartet.
Riedle nahm den Messingschlüssel aus einer kleinen transparenten Schale. Der rote Faden hing noch am Schaft.
„Der Knoten hat etwas verdeckt.“
Sie drehte den Schlüssel unter der Lampe. In das Metall waren zwei Ziffern geschlagen.
34
„ÖAKD.34“, sagte Clara leise.
Riedle nickte. „Die Inventarnummer der Beweinung endet so.“
Lorenz hatte bereits telefoniert. „Der Schlüssel gehört zu keinem aktuellen Schloss im Museum. Aber der Bart passt zu älteren Gepäck- oder Schließfachsystemen.“
„Inselbahnhof“, sagte Andreas.
Clara wandte sich zu ihm. „Woher weißt du das?“
Es war dieselbe Frage wie am Sonntag vor ihrer Tür. Diesmal hörte Andreas die Anklage offen darin.
„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Ich denke.“
„Du denkst immer sehr passend.“
Lorenz steckte den Schlüssel ein. „Dann denken Sie beide ab jetzt in meiner Sichtweite.“
• • •
Kurz vor vier hatte sich das Grau über dem See geöffnet. Helles Licht lag auf den Fassaden, ohne Wärme in die Schatten zu bringen. Am Hafen sammelten sich die Fahrgäste der Bregenzer-Bucht-Rundfahrt. Stimmen, Schritte und das Klacken einer gelösten Leine drangen bis zum Bahnhof.
Der alte Gepäckraum lag hinter einer Tür, an der Reisende vorbeigingen, ohne sie wahrzunehmen. Ein Bahnmitarbeiter schloss Lorenz auf und blieb draußen. Der Raum wurde seit Jahren nur noch als Abstellfläche benutzt. An der hinteren Wand stand ein niedriger Metallschrank mit vierzig kleinen Türen.
Zwischen ausrangierten Schildern und einem zerlegten Gepäckwagen roch es nach kaltem Metall und feuchtem Mauerwerk. Durch das hohe Fenster fiel ein schmaler Streifen Nachmittagslicht. Staub bewegte sich darin, sobald draußen ein Zug über die Weichen fuhr.
„Den gibt es offiziell nicht mehr“, sagte Lorenz. „Für unsere Geschichte heute existiert er leider trotzdem.“
Staub lag auf den Griffen. Nur über der Zahl 34 verlief eine saubere Spur.
Andreas hörte hinter sich Claras Atem. Als sie über ein loses Kabel trat, blieb ihr Absatz hängen. Er griff nach ihrem Arm, bevor sie stürzte.
Für einen Augenblick stand sie dicht vor ihm.
„Danke“, sagte sie.
Er ließ sie los.
Lorenz schob den Messingschlüssel ins Schloss. Er klemmte kurz, dann drehte er sich.
Vom Hafen kam ein tiefes Hornsignal.
Die Tür von Fach 34 sprang auf.
Darin lag kein Gemälde. Kein Geld. Nur ein schmaler brauner Umschlag.
Lorenz zog Handschuhe an und öffnete ihn. Zum Vorschein kamen die Kopie eines alten Restaurierungsprotokolls und eine Schwarzweißfotografie. Sie zeigte nicht die bemalte Vorderseite der Beweinung, sondern das dunkle Holz auf ihrer Rückseite. Querleisten, Schraubenlöcher, Wachsspuren. Zwischen Rahmen und Rückwand steckte ein schmal gefaltetes Blatt.
Riedles Name stand nicht auf dem Protokoll. Niemandes Name, den Andreas kannte. Doch eine markierte Zeile war deutlich genug: Bei einer älteren Untersuchung war ein gefaltetes Schriftstück aus dem Rahmen entnommen worden. In späteren Bestandslisten tauchte es nicht mehr auf.
„Das Bild war nur das Versteck“, sagte Clara.
„Oder der Wegweiser“, sagte Lorenz.
Sie wendete die Kopie.
Auf der Rückseite stand in roter Schrift:
FRAG CLARA, WAS SIE UM 23:48 AUS DEM RAHMEN GENOMMEN HAT.
Andreas las den Satz zweimal.
Dann sah er Clara an.
Ihre rechte Hand lag in der Tasche ihres Mantels. Nicht zufällig. Die Finger hielten darin etwas fest.
Als sie seinen Blick bemerkte, zog sie die Hand heraus.
Leer.
Zum ersten Mal wollte Andreas nicht wissen, ob die Nachricht gelogen war, sondern nur noch, welchen Teil der Wahrheit Clara vor ihm in der Tasche verbarg.
Fiktionshinweis: Die „Lindauer Beweinung“, das Cavazzen Museum, der Lindauer Hauptbahnhof und die Bregenzer-Bucht-Rundfahrt sind real. Der Bildtausch, die beteiligten Personen, das Restaurierungsprotokoll, der alte Gepäckraum, Fach 34 und sämtliche Straftaten sind frei erfunden.
Der reale Ort hinter der Geschichte
Das Cavazzen Museum am Lindauer Marktplatz ist montags regulär geschlossen. Die „Lindauer Beweinung“ ist ein reales spätgotisches Tafelgemälde aus der Zeit um 1420 und gehört zu den Städtischen Kunstsammlungen. Reale Gepäckfächer befinden sich am Lindauer Hauptbahnhof an Gleis 1; der im Kapitel beschriebene alte Gepäckraum mit Fach 34 ist erfunden.

