Sonntag · Kapitel 1 von 7
Von innen
Als Clara begriff, dass die Tür nicht klemmte, hatte sie bereits begonnen, an ihr zu kratzen.
Unter dem Nagel ihres Zeigefingers saß ein heller Holzspan. Sie betrachtete ihn, als gehörte er nicht zu ihr. Dann legte sie die Hand wieder an die Klinke.
Nach unten. Ziehen. Loslassen.
Die Klinke bewegte sich. Die Tür nicht.
Der Schlüssel steckte von innen. Clara drehte ihn zurück, bis der Anschlag kam, und wieder vor. Im Schloss bewegte sich etwas. Sie hörte es deutlich. Ein kleines, ordentliches Geräusch, das nichts bewirkte.
Sie trat einen Schritt zurück.
Ihr Mantel hing am Haken. Unter ihm standen die Schuhe, die sie gestern getragen hatte. An den Sohlen klebte noch dunkler Schmutz. Auf dem Boden darunter war eine trocknende Wasserspur.
Sie war nach Hause gekommen.
Das wusste sie.
Die leere Straße. Andreas auf der anderen Seite. Sein Gesicht im Laternenlicht. Die wenigen Schritte bis zur Haustür.
Danach wusste sie es nicht mehr genau.
Clara hob den Mantel an. Der Stoff war unten noch feucht. Sie steckte die Hand in eine Tasche, dann in die andere. Ein zerknülltes Taschentuch. Der Haustürschlüssel. Nichts, das ihr erklärte, weshalb sie nicht hinausgehen konnte.
Auf dem kleinen Tisch lag ihr Handy.
8:17 Uhr.
Kein Netz.
Sie schaltete den Flugmodus ein und wieder aus. Wartete. Ging mit dem Telefon zum Fenster.
Der Rollladen war geschlossen.
Clara griff nach dem Gurt. Er gab wenige Zentimeter nach und wurde dann fest. Sie zog vorsichtig, schließlich mit beiden Händen. Hinter der Verkleidung knackte es. Der Rollladen blieb unten.
Auch der Fenstergriff ließ sich nicht vollständig drehen.
Sie hörte auf zu ziehen.
Zum ersten Mal an diesem Morgen sah sie sich wirklich um.
Die Tasse auf der Arbeitsfläche war ihre. Weiß, mit einem Sprung nahe am Henkel. Auf dem Tisch stand das Foto der Kinder. Ihr Sohn hielt darauf die Augen geschlossen, weil er genau im falschen Moment geblinzelt hatte. Ihre Tochter lachte über ihn.
Clara nahm den Rahmen in die Hand.
Der Aufsteller auf der Rückseite war mit einem Stück schwarzem Klebeband befestigt.
Sie konnte sich nicht erinnern, ihn repariert zu haben.
Sie stellte das Foto wieder hin und öffnete die letzten Nachrichten auf dem Telefon. Die Kinder waren bei ihrem Vater. Das war seit Tagen vereinbart. Er würde sie zur Schule bringen, sie würden dort schlafen. Clara hatte sich auf einen Sonntag ohne Termine gefreut.
Bis auf den Hafen.
Sie und Andreas hatten zum Marathon gehen wollen.
Die Verabredung stammte aus einer Zeit, in der sie noch nicht jedes Wort des anderen auf einen verborgenen Sinn geprüft hatte.
Clara wählte seine Nummer.
Der Anruf kam nicht zustande.
Sie versuchte es beim Vater der Kinder. Dann bei Lorenz. Schließlich bei der Notrufnummer.
Sie wartete jedes Mal länger, als nötig gewesen wäre.
Das Festnetztelefon stand auf der Kommode. Clara nahm den Hörer ab.
Kein Freizeichen.
Sie kontrollierte das Kabel. Es steckte in der Buchse. Sie zog es heraus, steckte es wieder ein und hielt den Hörer an ihr Ohr.
Die Stille darin war so vollständig, dass sie ihren eigenen Atem hörte.
Zurück an der Tür schlug sie mit der flachen Hand gegen das Holz.
„Hallo?“
Sie wartete.
„Kann mich jemand hören?“
Sie schlug stärker. Der Schmerz zog von ihrem Handballen bis in den Unterarm.
Aus dem Treppenhaus kam nichts.
Kein Schritt. Kein Schlüssel. Nicht einmal das kurze Zögern eines Menschen, der vor seiner Tür stehen blieb und überlegte, ob ihn das etwas anging.
Clara beugte sich zum Türspion.
Schwarz.
Sie schaltete das Licht im Flur ein und versuchte es erneut.
Immer noch schwarz.
Langsam legte sie ihre Hand auf die Tür.
Gestern hatte sie sich gewünscht, niemanden mehr sehen zu müssen.
Sie nahm den Wunsch zurück.
• • •
Andreas hatte seinen Schlüssel bereits dreimal aus dem Schloss gezogen, bevor er sich eingestand, dass ein vierter Versuch nichts ändern würde.
Er legte ihn auf den Tisch.
Daneben lag sein Handy. Kein Empfang, keine Verbindung zum WLAN. Das Festnetztelefon war tot. Die Fenster ließen sich nicht öffnen.
Er schrieb die Feststellungen auf einen Briefumschlag.
Tür. Fenster. Mobilfunk. Festnetz.
Vier verschiedene Probleme.
Zur selben Zeit.
Er strich das Wort „Probleme“ durch.
Sein Kopf tat weh. Nicht stark, aber anhaltend, als habe er in einem schlecht gelüfteten Raum geschlafen. Als er aufgestanden war, hatte er noch das Hemd von gestern getragen.
Andreas ging ins Bad und ließ Wasser über seine Hände laufen. Es kam sofort. Der Druck war normal. Auch das Licht funktionierte.
Er trank, wartete und ging zurück in den Flur.
Am unteren Türrahmen fehlte eine Kerbe.
Er kniete sich hin.
Im Frühjahr hatte er eine schwere Tasche durch die Tür gezogen. Die Metallschnalle war gegen das Holz geschlagen. Seitdem war dort ein kleiner halbmondförmiger Abdruck gewesen.
Andreas fuhr mit dem Daumen über die Stelle.
Glatt.
Er betrachtete die Farbe. Kein heller Fleck, keine erkennbare Ausbesserung.
Vielleicht war es die andere Seite gewesen.
Er kontrollierte sie.
Auch dort nichts.
Andreas blieb auf den Knien sitzen.
Die Tür sah aus wie seine Tür.
Er hatte bisher keinen Grund gehabt, diesen Satz zu denken.
• • •
Um 9:45 Uhr saß Clara auf dem Boden vor ihrem Fenster.
Jetzt sollten sie am Lindauer Hafen stehen.
Die Läufer würden sich in Bewegung setzen. Jemand würde klatschen, jemand nach einem bekannten Gesicht suchen. Andreas hätte wahrscheinlich erklärt, warum sie ein Stück weitergehen sollten, um besser sehen zu können. Clara hätte ihn damit aufgezogen, dass er sogar beim Zuschauen einen Ablauf plante.
Vielleicht hätten sie nebeneinander gestanden, ohne über das Museum zu sprechen.
Vielleicht wäre das leichter gewesen.
Sie öffnete ihren Nachrichtenverlauf mit ihm.
Die Verabredung stand noch da.
Eine kurze Frage. Eine kurze Antwort.
Damals hatte das genügt.
Clara schrieb: „Ich komme nicht raus. Bitte komm.“
Die Nachricht wurde nicht zugestellt.
Sie ließ das Telefon neben sich liegen und versuchte, die Nacht zurückzuholen.
Ihre Haustür. Das Licht, das beim Aufschließen anging. Hinter ihr eine Bewegung.
Hatte jemand ihren Namen gesagt?
Sie wusste es nicht.
Je länger sie nachdachte, desto mehr Möglichkeiten entstanden. Keine davon wurde zu einer Erinnerung.
Clara stand auf.
In der Küche waren Wasserflaschen. Brot. Käse im Kühlschrank. Alles Dinge, die sie gewöhnlich im Haus hatte.
Das Brot war noch ungeöffnet.
Sie wusste nicht, wann sie es gekauft hatte.
Sie öffnete die Packung trotzdem.
Beim ersten Bissen merkte sie, wie hungrig sie war. Das ärgerte sie. Ihr Körper nahm diesen Morgen hin, als sei er irgendein Sonntag.
Danach ging sie noch einmal zur Tür und rief.
Diesmal Andreas’ Namen.
• • •
Andreas hörte keine Worte.
Er hörte einen dumpfen Schlag, dann mehrere schnell hintereinander.
Er stand auf, ging zur Tür und legte sein Ohr an das Holz.
Nichts.
Die Schläge kamen wieder.
Von der Seite.
Andreas folgte dem Geräusch bis zur Wand neben der Kommode. Er schob das Möbelstück weg und wartete.
Drei Schläge.
Eine Pause.
Noch einmal drei.
Ein Rohr konnte klopfen. Eine Leitung. Irgendwo konnte jemand arbeiten.
Er hob die Hand.
Dann ließ er sie wieder sinken.
Wenn jemand ihn hier eingeschlossen hatte, konnte dieser jemand auch klopfen.
Er sah zu seinem Telefon auf dem Tisch.
Niemand würde ihm helfen, solange er jeden möglichen Kontakt für eine weitere Falle hielt.
Andreas klopfte dreimal zurück.
• • •
Clara zog die Hand von der Wand.
Sie hatte gegen die Tür geschlagen, gegen die Wand daneben, schließlich gegen die Wand am Tisch. Mehr aus Verzweiflung als nach einem Plan.
Jetzt hatte etwas geantwortet.
Sie zählte bis zehn.
Dann klopfte sie zweimal.
Die Antwort kam fast sofort.
Zweimal.
Clara presste die Stirn gegen die Wand.
„Andreas?“
Sie sprach zunächst leise, dann lauter. Schließlich rief sie seinen Namen.
Es folgte eine Reihe schneller Schläge.
Sie konnte nicht erkennen, ob das eine Antwort war.
„Wenn du mich hörst, klopf einmal.“
Nichts.
Sie wiederholte den Satz direkt an der Wand. Wartete.
Wieder nichts.
Worte kamen nicht durch.
Clara holte den Löffel aus der Küche. Sie setzte sich auf den Stuhl, nahm den Griff zwischen zwei Finger und schlug einmal gegen die Wand.
Eine Antwort.
Sie schlug zweimal.
Zwei Antworten.
Viermal.
Vier.
Clara begann zu weinen.
Sie wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und ärgerte sich sofort darüber. Noch wusste sie nicht einmal, wer auf der anderen Seite war.
Sie versuchte das Alphabet.
Ein Schlag. Lange Pause.
Zwei Schläge. Lange Pause.
Drei.
Sie brach ab. Wie sollte der andere wissen, was sie meinte?
Clara sah auf den Notizblock neben ihrem Handy.
Dann klopfte sie langsam achtmal. Pause. Einmal.
H.
A.
Sie wartete und wiederholte die beiden Gruppen.
Von der anderen Seite kam ein einzelner Schlag.
Clara ergänzte zweimal zwölf und einmal fünfzehn.
HALLO.
Danach blieb die Wand so lange still, dass sie den Löffel schon auf den Tisch legte.
Dann begann die Antwort.
Eine Zahl nach der anderen.
Clara schrieb mit. Verzählte sich. Strich durch. Bat durch Wiederholung um einen zweiten Versuch.
Als sie fertig war, standen sieben Buchstaben auf dem Papier.
ANDREAS.
Sie berührte den Namen mit dem Finger.
Gestern hatte sie nicht gewusst, ob sie ihm noch etwas sagen wollte.
Jetzt hätte sie alles dafür gegeben, seine Stimme zu hören.
• • •
Bis zum Nachmittag hatten sie vier Wörter ausgetauscht und sich auf zwei Antworten geeinigt.
Ein Schlag bedeutete Ja.
Zwei bedeuteten Nein.
Clara fragte, ob seine Tür verschlossen sei.
Ja.
Ob sein Telefon funktioniere.
Nein.
Ob er verletzt sei.
Eine Pause. Dann Nein.
Sie nahm die Antwort an, obwohl sie das Zögern bemerkt hatte.
Die nächste Frage kam von Andreas. Er brauchte lange dafür. Clara schrieb die Buchstaben einzeln auf, bis sie verstand.
KINDER?
Sie antwortete: BEIM VATER.
Zum ersten Mal hatte jemand an etwas gedacht, das außerhalb dieser Wände lag.
Clara lehnte sich zurück. Sie stellte sich Andreas auf der anderen Seite vor. Wie er ebenfalls auf einem Stuhl saß, die Hand an der Wand, einen Zettel vor sich. Wie er nach jeder Antwort wartete.
Sie waren nicht allein.
Aber sie waren auch nicht zusammen.
Der Unterschied passte in diese Wand.
Clara sah auf die bisherigen Fragen.
Sie hatte wissen wollen, ob er dasselbe erlebte wie sie. Ob die Türen verschlossen waren. Ob die Telefone tot waren.
Sie hatte nicht gefragt, was er darüber wusste.
Clara nahm den Löffel wieder auf.
Die Frage dauerte lange. Sie musste zwei Wörter wiederholen. Während sie klopfte, wurde ihr Handgelenk schwer.
WEISST DU ETWAS, DAS ICH NICHT WEISS?
Danach legte sie den Löffel hin.
Auf der anderen Seite blieb es still.
Clara betrachtete den Namen auf ihrem Zettel.
Sie wollte glauben, dass er die Frage noch entzifferte.
Dann kam ein einzelner Schlag.
Ja.

