Zwischen uns – Was du hörst

Montag · Kapitel 2 von 7 · 12. Oktober 2026

Clara hatte die ganze Nacht auf eine Erklärung gewartet. Am Morgen war das Ja noch immer die einzige Antwort.

Auf dem Tisch lag der Zettel mit ihrer letzten Frage. Darunter hatte sie einen senkrechten Strich gezogen. Einen Schlag. Mehr hatte Andreas nicht gebraucht, um alles, was sie an diesem Sonntag herausgefunden hatten, wieder unsicher zu machen.

Er wusste etwas.

Sie hatte noch WAS geklopft. Dann WARUM. Die Antwort war in langen, ungleichen Gruppen gekommen, bei denen sie zweimal den Anschluss verlor. Irgendwann hatte er MORGEN übermittelt. Sie hatte vor Wut gegen die Wand geschlagen, ohne Buchstaben zu zählen.

Später war sie auf dem Bett eingeschlafen, angezogen, das Telefon in der Hand.

Jetzt zeigte es 8:06 Uhr.

Sie ging zum Tisch und nahm den Löffel.

WAS?

Andreas antwortete. Clara schrieb mit, hielt inne, forderte eine Wiederholung. Am Ende stand ein Wort vor ihr.

AUFTRAG.

Sie starrte darauf.

Ein Auftrag. Das konnte alles bedeuten. Etwas, das er bekommen hatte. Etwas, das er ausführte.

Clara legte den Löffel weg, bevor sie eine Frage stellte, die bereits ein Vorwurf gewesen wäre.

Auf der anderen Seite klopfte es weiter.

Sie antwortete nicht.

• • •

Andreas wartete mit der Hand an der Wand.

Er hatte versucht, PRÜFUNG zu ergänzen. Nach dem dritten Buchstaben war kein Bestätigungsschlag mehr gekommen.

Auf seinem Umschlag standen die Sätze, die er ihr sagen wollte. Er hatte sie immer kürzer gemacht. Dabei waren genau die Wörter verschwunden, die erklärten, was er meinte.

Er konnte ihr die Wahrheit nicht in einzelnen Schlägen schicken, ohne dass zwischen ihnen etwas anderes daraus wurde.

Andreas klopfte erneut. An einer Stelle dicht über dem Boden klang die Wand heller. Er ging in die Hocke und fuhr mit den Fingern unter die Kante einer schmalen Abdeckung.

Sie bewegte sich.

Er zog vorsichtig. Ein Ende löste sich, das andere hielt. Dahinter lag ein schmaler Hohlraum. Er leuchtete mit dem Telefon hinein. Ein Kabel verschwand nach oben. Weiter seitlich steckte graues, faseriges Material in einer kleinen Öffnung.

Andreas klopfte unmittelbar daneben.

Diesmal kam eine Antwort.

Er übermittelte UNTEN. Dann SUCHEN.

Es dauerte mehrere Minuten. Er hörte Schaben und einen dumpfen Stoß, danach wieder ihren Löffel.

Ja.

Andreas schob mit dem Stift ein wenig von dem grauen Material zur Seite. Die Öffnung führte schräg durch die Wand. Er konnte nicht hindurchsehen.

„Clara?“

Er wartete und wiederholte ihren Namen.

Von der anderen Seite kam ein Geräusch. Eine Stimme vielleicht, aber kein Wort, das er verstand.

Er faltete den beschriebenen Umschlag zu einem schmalen Streifen. An der engsten Stelle blieb er hängen. Andreas zog ihn zurück, faltete neu und schob ihn langsam weiter. Als er fast vollständig verschwunden war, spürte er einen Zug.

Er ließ los.

• • •

Das Papier kam zwischen Claras Fingerspitzen zum Vorschein.

Sie musste es um eine Kante ziehen. Eine Ecke riss ein. Dann hielt sie einen Umschlag in der Hand, mehrfach geknickt, mit Andreas’ Schrift auf der Rückseite.

Sie kannte die nach links zurücklaufende Linie seines großen A. Trotzdem las sie zuerst, ohne den Zettel näher an sich zu nehmen.

Ich kenne den Grund nicht. Aber es gibt einen Auftrag, von dem ich dir nichts erzählt habe.

Darunter stand:

Ich soll ältere Bau- und Wartungsunterlagen eines Betriebs prüfen. In der Anfrage steht, dass frühere und spätere Fassungen nicht übereinstimmen. Ich habe noch keine vollständigen Unterlagen. Seit gestern frage ich mich, ob es damit zu tun hat. Das war mein Ja.

Clara las die letzten beiden Sätze erneut.

Sie setzte sich an den Tisch.

Warum sagst du das erst jetzt?

Der gefaltete Zettel verschwand im Durchlass. Sie klopfte einmal, damit Andreas wusste, dass er nachsehen sollte.

Seine Antwort kam schneller, als sie erwartet hatte.

Ich wollte erst wissen, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt.

Clara drehte das Blatt um.

Und solange sollte ich glauben, du kennst den Grund und sagst ihn mir nicht?

Diesmal blieb der Zettel länger bei ihm.

Daran habe ich nicht gedacht. Ich wollte keine Vermutung schicken, die dir noch mehr Angst macht.

Clara drückte den Stift so fest auf, dass sich die Spitze ins Papier grub.

Du kannst nicht für mich entscheiden, womit ich zurechtkomme.

Sie schob das Blatt zurück.

Dann stand sie auf und ging zum Foto der Kinder. Das schwarze Klebeband auf der Rückseite war noch da. Sie nahm den Rahmen vom Tisch und prüfte, ob sich darunter etwas verbarg. Nur der beschädigte Aufsteller.

Als sie wieder zur Wand kam, lag Andreas’ Antwort im Spalt.

Ja. Das habe ich trotzdem gemacht.

Sie wartete auf einen zweiten Satz. Eine Erklärung, die den ersten kleiner machte.

Es gab keinen.

Clara setzte sich wieder hin.

• • •

Gegen Mittag lag auf dem Tisch eine Reihe gefalteter Blätter.

Andreas hatte geschrieben, wann die Anfrage eingegangen war und welche Unterlagen noch fehlten. Nichts davon erklärte die verschlossenen Türen. Es war ein möglicher Anfang, mehr nicht.

Clara schrieb von der Nacht.

Ich habe jemanden hinter mir gehört, als ich aufgeschlossen habe.

Sie hielt inne.

Der Satz klang sicherer als ihre Erinnerung.

Sie strich ihn durch und begann darunter neu.

Ich erinnere mich an eine Bewegung hinter mir. Vielleicht habe ich sie gehört. Vielleicht nur gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Und ich glaube, jemand hat meinen Namen gesagt.

Andreas fragte, ob sie sich an eine Stimme erinnere.

Nein.

Ob sie sich umgedreht habe.

Ich weiß es nicht.

Sie schämte sich für die Antworten. Es war ihre eigene Haustür gewesen. Ihr eigener Schlüssel. Sie musste doch wissen, was dort geschehen war.

Der nächste Zettel kam.

Lass die unsicheren Stellen so stehen. Sonst wissen wir morgen nicht mehr, was du wirklich erinnerst und was wir daraus gemacht haben.

Clara betrachtete den durchgestrichenen Satz.

Sie schrieb darunter: Erinnert.

Auf ein neues Blatt schrieb sie: Gesehen: Das Klebeband am Bilderrahmen. Gehört: Kein Freizeichen. Vermutet: Jemand will, dass wir hierbleiben.

Andreas schickte das Blatt zurück. Unter ihre letzte Zeile hatte er gesetzt:

Vermutet: Die Prüfung könnte der Grund sein.

Clara klopfte einmal.

Dann ergänzte sie: Schreib das ab jetzt dazu. Auch wenn du noch nicht sicher bist.

• • •

Als die Kinder aus der Schule kamen, lag Lindau in hellem Sonnenlicht. Ihr Vater hatte das Küchenfenster geöffnet. Seine Tochter stellte den Ranzen neben den Tisch, ihr Bruder ging direkt zum Kühlschrank.

Das Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von Clara.

Ich brauche Abstand. Bitte übernimm die Betreuung bis auf Weiteres. Ich melde mich.

Er las sie zweimal. Übernimm die Betreuung. So schrieb Clara nicht, wenn es um die Kinder ging.

Gestern hatten sie auf seine Nachricht nicht geantwortet. Er hatte angenommen, sie schlafe nach den vergangenen Tagen oder sei doch noch unterwegs. Jetzt wählte er ihre Nummer.

Er erreichte sie nicht.

„Mama?“, fragte seine Tochter.

„Ich versuche es gleich noch einmal.“

Er legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch. Die Kinder sollten erst essen. Danach würde er hinfahren. Wenn Clara Abstand brauchte, konnte sie ihm das selbst sagen.

• • •

Hast du gegessen?

Clara hielt Andreas’ Zettel zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie hatte seit dem Morgen nur Wasser getrunken.

Noch nicht.

Ich auch nicht. Pause?

Sie klopfte Ja und ging in die Küche.

Das Brot lag dort, wo sie es gestern hingelegt hatte. Sie machte zwei Scheiben fertig, nahm den Teller mit zum Tisch und aß neben dem offenen Durchlass.

Gestern hätten sie am Hafen stehen sollen, beim Start des 3-Länder-Marathons. Heute freute sie sich darüber, dass Andreas auf der anderen Seite vermutlich ebenfalls ein Stück Brot hielt.

Sie schrieb: Wie geht es deinem Kopf?

Tut noch weh. Woher weißt du das?

Deine Antwort gestern hat lange gedauert.

Du hast gefragt, ob ich verletzt bin. Ich dachte an Wunden. Ich hätte es trotzdem sagen sollen.

Clara legte den Zettel neben ihren Teller. Sie musste ihn nicht weiter befragen. Er hatte ihr geantwortet.

Als Andreas später nach einer Erinnerung an den Weg nach Hause fragte, schrieb sie von der leeren Straße. Davon, dass sie auf seiner Seite nach einem Licht gesucht hatte, als sie ihre Tür erreichte.

Sie hielt inne. Dann schob sie das Blatt durch.

Die Antwort kam nach einer Weile.

Ich habe zu deiner Tür gesehen. Du warst schon drin.

Clara strich mit dem Daumen über die Falte im Papier.

Sie schrieb nichts zurück. Sie klopfte einmal und blieb sitzen.

• • •

Das metallische Klicken kam aus dem Flur.

Clara hob den Kopf.

Ein zweites Geräusch folgte, leiser. Etwas strich über den Boden.

Sie stand auf und nahm den Löffel mit.

Neben der verschlossenen Eingangstür, dicht über der Sockelleiste, saß eine flache Metallklappe. Sie hatte gestern daran gezogen. Sie war fest gewesen, ebenso wie alles andere, was einen Weg hinaus hätte bieten können.

Jetzt lag ein gefaltetes Blatt davor.

Clara blieb stehen.

„Hallo?“

Sie ging näher und drückte den Löffel gegen die Kante der Klappe. Sie bewegte sich nicht.

Das Papier war sauber. Nicht mehrfach beschrieben und durch die Wand gezerrt wie die Blätter auf ihrem Tisch.

Clara hob es auf.

Zwei Sätze, in großen gedruckten Buchstaben.

ER KANN GEHEN. DU NICHT.

Sie sah zur Tür, dann zur Metallklappe.

Jemand konnte sie erreichen.

Jemand hatte die ganze Zeit einen Weg gehabt.

Clara ging zurück zur Wand. Sie schrieb Ist das von dir? auf einen ihrer Zettel, hielt ihn aber fest. Andreas wusste noch gar nicht, was sie gefunden hatte.

Sie ergänzte die beiden Sätze und den Ort. Dann schob sie das Blatt durch und klopfte das vereinbarte Zeichen.

Auf der anderen Seite bewegte sich Papier.

Clara wartete mit der Hand an der Wand.

Zwei Schläge kamen zurück.

Nein.

Diesmal wusste sie nicht, ob die Antwort sie beruhigen sollte.

Fortsetzung am Dienstag: Kapitel 3 – „Die falsche Wand“.

Fiktionshinweis: Lindau und der Sparkasse 3-Länder-Marathon sind reale Bezüge. Die Figuren, der Betrieb und die geschilderten Straftaten sind frei erfunden. Reale Veranstaltungen und ihre Verantwortlichen stehen in keinem Zusammenhang mit der Handlung.