Nicht Teil des Spiels – Zwei Stimmen

7 Tage im Schatten · Folge 5: Nicht Teil des Spiels

Kapitel 3 · Dienstag,

Am Dienstagmorgen sah Clara sich den Mann auf dem Schiff zum siebten Mal an. Beim ersten Mal hatte sie geglaubt, die helle Stelle unter seinem Kopf sei ein Gesicht. Inzwischen wusste sie, dass es ebenso gut der Kragen seiner Jacke sein konnte. Sie vergrößerte das Bild noch einmal. Die Reling wurde breiter, die Gestalt zerfiel in weiche Flächen. Mehr war da nicht.

Sie legte das Telefon neben den Teller. Eine dünne Spur Marmelade klebte auf dem Holz, dort, wo eines der Kinder beim Frühstück das Messer abgelegt hatte. Clara wischte sie mit dem Daumen weg. Dann öffnete sie das Foto erneut. Andreas hatte am Vorabend gesagt, sie solle es für heute lassen. Sie hatte genickt. Später war sie im Bett noch dreimal in die Galerie zurückgekehrt.

Jetzt klingelte es. Er stand vor der Tür, die Hände in den Jackentaschen. Als sie ihn hereinließ, sah er zuerst auf das Telefon in ihrer Hand.

„Immer noch derselbe?“

„Wenn ich das wüsste.“

In der Küche zog er seine Jacke aus und legte sie über eine Stuhllehne. Clara stellte einen zweiten Teller in den Schrank zurück. Sie hatte ihn mit herausgenommen, ohne darüber nachzudenken. Andreas blieb neben dem Tisch stehen.

„Gibt es etwas Neues?“

Sie schüttelte den Kopf. Die Polizei hatte die Tasche gestern mitgenommen, den Ausdruck darin und Claras Bericht über den Mann an der Reling. Sie hatte ihr Foto vom Schiff ebenfalls weitergegeben. Danach hatten sie am Hafen noch eine Weile nebeneinandergestanden, obwohl es nichts mehr zu tun gab. Heute früh hatte Clara angerufen. Ob man Mara inzwischen erreicht habe, hatte sie gefragt. Ob es etwas gebe, das sie tun könne. Man würde sich bei ihr melden.

Andreas setzte sich. Er drehte das Telefon so, dass sie beide auf das Display sehen konnten.

„Ich erkenne ihn nicht“, sagte er.

„Nein.“

„Du auch nicht.“

Clara zog das Telefon ein Stück zu sich herüber.

„Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn erkenne.“

Er ließ die Hand auf dem Tisch liegen. Eine Weile hörten sie nur den Kühlschrank. Schließlich öffnete Clara den Chat.

Steigt nicht auf das Schiff.

Die Nachricht war gestern erschienen, während sie die Gestalt an der Reling fotografiert hatte. Clara erinnerte sich an das dunkle Wasser zwischen Schiff und Kai. An ihren ersten Impuls, noch näher heranzugehen, obwohl sie längst nicht mehr hätte einsteigen können.

„Warum so spät?“, fragte Andreas.

„Vielleicht konnte sie nicht früher schreiben.“

„Vielleicht.“

Clara sah ihn an.

„Du glaubst nicht mehr, dass sie das war.“

Er überlegte, bevor er antwortete.

„Ich weiß nicht, wer es war.“

Sie fuhr mit dem Finger über den Bildschirm. Weiter oben standen ihre eigenen Sätze. Fragen, auf die nie eine Antwort gekommen war. Dazwischen die knappen Nachrichten von Maras Nummer. Ein Foto. Eine Uhrzeit. Ein nächster Schritt. Clara hatte jede einzelne für sich gelesen. Jetzt, untereinander, wirkten sie anders.

„Aber jemand wollte, dass wir die Tasche finden“, sagte sie.

„Ja.“

„Und jemand wollte nicht, dass wir auf das Schiff gehen.“

„Oder wollte, dass wir glauben, dort wäre etwas gewesen.“

Sie schloss den Chat. Andreas lehnte sich zurück. Clara bemerkte, wie er den Mund öffnete und wieder schloss. Er hatte noch etwas sagen wollen. Dass er es ließ, machte ihr beinahe mehr Angst.

***

Das Foto von der Tasche hatte Clara schräg von oben aufgenommen. Die Bank lief als dunkle Kante durch das Bild, daneben war die Spitze von Andreas’ Schuh zu sehen. In der geöffneten Tasche lag der Ausdruck. Das gefaltete Papier verdeckte einen Teil der Gruppe. Den Kreis um den Mann konnte man erkennen. Clara hatte das Bild auf dem Tablet geöffnet und es auf den Tisch gelegt. Die beiden Originalaufnahmen hatte sie inzwischen ausgedruckt. Sie legte die Abzüge daneben.

„Wir haben gestern die ganze Zeit auf ihn gesehen“, sagte sie.

„Worauf sollen wir sonst sehen?“

Sie deutete auf den Ausdruck.

„Welches von den beiden ist das?“

Andreas beugte sich vor. Clara deutete von einer Aufnahme auf die andere. Auf der ersten stand der Mann weiter hinten. Ein senkrechtes Rohr an der Hauswand war dicht neben seiner Schulter zu sehen. Auf der zweiten hatte er sich der Gruppe genähert. Zwischen ihm und dem Rohr lag ein Stück unverdeckte Mauer. Im fotografierten Ausdruck verlief die dunkle Linie direkt neben der Schulter.

„Die erste“, sagte Andreas.

Clara zog die erste Aufnahme näher an das Tablet.

„Ja.“

Sie sah auf Maras Gesicht. Auf diesem Foto lächelte sie beinahe in die Kamera. Die Veränderung ihrer Hand war auf Claras Aufnahme von der Tasche nicht zu erkennen. Der Knick im Papier lag darüber.

„Warum nicht das zweite?“

Andreas nahm das Tablet und drehte es etwas aus dem Licht.

„Vielleicht hat jemand einfach das erste ausgedruckt.“

„Auf dem anderen steht er näher.“

„Das wissen wir.“

Sie sah ihn fragend an.

„Wir haben beide“, sagte er. „Wer den Ausdruck sieht, bekommt nur eins.“

Clara betrachtete den Kreis. Die Kugelschreiberlinie war an einer Stelle doppelt gezogen, als hätte jemand neu angesetzt. Sie versuchte sich vorzustellen, wie Mara über einem Drucker stand. Das Papier herausnahm, den Mann einkreiste, den Satz auf die Rückseite schrieb. Dann stellte sie sich eine fremde Hand vor. Sie schob das Tablet von sich weg.

„Ich kann sie mir dabei nicht vorstellen.“

„Du kennst sie kaum.“

Es war nicht vorwurfsvoll gemeint. Trotzdem traf es sie. Clara stand auf und stellte den Teller in die Spüle. Sie ließ Wasser darüberlaufen, obwohl er sauber war. Vom Tisch aus konnte Andreas sie nicht ansehen, ohne sich umzudrehen.

„Sie hat mich um ein Foto gebeten“, sagte sie. „Sonst nichts.“

Er antwortete nicht.

„Und jetzt sitzen wir hier und überlegen, ob sie uns irgendwohin lockt.“

Clara drehte das Wasser ab. Als sie zurückkam, hatte Andreas die Abzüge wieder nebeneinandergelegt. Das Tablet lag noch an derselben Stelle. Sie setzte sich und nahm ihr Telefon. Es vibrierte in ihrer Hand.

Schick mir das zweite Foto noch einmal. Als Datei.

Clara las den Satz zweimal. Dann hob sie den Blick. Andreas hatte die Bewegung bemerkt.

„Von ihr?“

Sie hielt ihm das Display hin. Er rückte näher. Unter der Nachricht war kein weiteres Bild. Keine Erklärung. Nur der Satz, als hätten sie das Gespräch über die beiden Aufnahmen gerade mit Mara geführt. Clara spürte ein Ziehen im Nacken. Sie sah zur Küchentür. Andreas folgte ihrem Blick, dann deutete er auf das Telefon.

„Beide Bilder sind in ihrem Chat. Seit Sonntag.“

Clara nickte langsam. Natürlich. Dass der Absender von einem zweiten Foto wusste, musste nichts bedeuten. Aber er wollte es haben. Sie öffnete das Feld für eine Antwort.

Wo bist du?

Die Frage stand schon da, als Andreas seine Hand neben ihre legte.

„Warte kurz.“

„Worauf?“

„Bevor du etwas schickst.“

„Ich frage sie, wo sie ist.“

Er nahm die Hand zurück. Clara schickte die Frage ab. Die Haken erschienen. Sie wartete auf eine Antwort, auf ein Lebenszeichen, das sich nicht wieder in eine Anweisung verwandeln würde. Nichts. Andreas las den empfangenen Satz noch einmal.

„Warum als Datei?“

„Damit sie es besser erkennen kann.“

„Vielleicht.“

Diesmal hörte sie es zu deutlich.

„Kannst du das bitte lassen?“

Er sah sie an.

„Was?“

„Dieses Vielleicht. Bei allem, was ich sage.“

Andreas schob seinen Stuhl ein Stück zurück. Clara bereute den Ton schon, bevor er antwortete. Aber sie wollte sich nicht entschuldigen. Noch nicht.

„Was soll ich dir denn sagen?“

„Dass wir ihr das Foto schicken. Dass wir wenigstens versuchen, ihr zu helfen.“

Er blickte auf das Tablet, auf den offenen Verschluss der Tasche.

„Ich möchte nur wissen, wem du gerade helfen willst.“

Clara hielt das Telefon so fest, dass der Rand der Hülle in ihren Finger drückte. Sie hätte sagen können: Mara. Die Frau vom Sonntag. Die Frau, deren Tasche gestern ohne Kamera am Hafen gelegen hatte. Aber er hatte dieselben Bilder gesehen wie sie. Dieselben Nachrichten gelesen. Sie hätte ihm nichts erklären können, was er nicht schon wusste. Sie legte das Telefon hin.

***

Als Clara die neue Nachricht bei der Polizei weitergab, stand Andreas am Fenster. Er sah hinaus, ohne den Vorhang zur Seite zu schieben. Hinter der Scheibe bewegten sich die Zweige eines Baumes. Auf dem Gehweg blieb ein Mann stehen, zog sein Telefon aus der Tasche und ging weiter. Clara beschrieb den Wortlaut der Nachricht. Auch ihre Beobachtung zu dem Ausdruck erwähnte sie. Sie hörte zu, beantwortete eine Rückfrage und sagte schließlich, dass sie die Originaldatei noch nicht versandt habe.

Als das Gespräch beendet war, blieb sie einen Moment mit dem Telefon am Ohr sitzen. Andreas wandte sich um.

„Und?“

„Sie haben es aufgenommen.“

Er nickte. Clara öffnete ihre Galerie. Über das Menü hätte sie das zweite Bild auswählen und verschicken können. Es waren nur ein paar Berührungen auf einem Bildschirm. Sie wusste nicht, warum ihr der Vorgang jetzt so endgültig vorkam.

„Ich misstraue dir nicht“, sagte Andreas.

Sie sah auf. Er stand noch immer am Fenster.

„Ich weiß.“

„Vorhin klang es so.“

Clara legte das Telefon auf den Tisch.

„Ich möchte nicht wieder den ganzen Tag dasitzen und auf etwas warten.“

Andreas kam zurück. Er setzte sich neben sie, diesmal auf den Stuhl, auf dem sonst eines der Kinder saß. Der Abstand zwischen ihnen war kleiner als vorher.

„Ich auch nicht.“

Sie stieß mit dem Knie an seines. Keiner zog das Bein zurück. Eine Weile saßen sie so da und sahen auf die Geräte. Das Gesicht der Frau zwischen fünf lächelnden Menschen. Die offene Tasche am Hafen. Eine dunkle Gestalt an einer Reling. Clara nahm das Telefon wieder auf. Eine neue Nachricht schob sich auf den Bildschirm.

Nicht schicken.

Sie hielt den Atem an. Andreas beugte sich zu ihr. Noch bevor er etwas sagen konnte, erschien der nächste Satz.

Frag mich etwas, das nur ich wissen kann.

Clara las ihn und dann die Bitte um das Foto darüber. Sie wischte ein Stück nach oben, obwohl sie wusste, dass dort derselbe Name stand. Mara Voss. Keine neue Nummer. Kein anderer Chat.

„Das verstehe ich nicht“, sagte sie.

Andreas antwortete nicht. Auf dem Tisch wurde der Bildschirm des Tablets dunkel. Einen Augenblick lang sah Clara darin ihre beiden Gesichter, dicht nebeneinander.

„Was könnte ich sie fragen?“

Er dachte nach.

„Etwas vom Sonntag. Bevor du fotografiert hast.“

Clara versuchte sich an die Begegnung zu erinnern. Das Papier in Maras Hand. Den dunkelblauen Mantel. Die kleine schwarze Tasche. Alles war auf den Aufnahmen zu sehen. Sie hatte gelacht. Das hörte Clara noch, dieses kurze, überraschte Lachen.

„Sie hatten sich verlaufen“, sagte sie. „Zweimal.“

„Hat sie das nur zu dir gesagt?“

Clara schloss die Augen. Mara hatte vor ihr gestanden, die anderen ein paar Schritte entfernt. Einer von ihnen hatte beim Fotografieren die Finger hinter dem Kopf seiner Nachbarin gehoben. Jemand hatte gerufen, er solle nicht albern werden. Alle waren dabei gewesen. Sie öffnete die Augen wieder. Andreas wartete. Er sagte nicht, dass sie Zeit hatten. Er sagte auch nicht, dass ihr etwas einfallen würde. Clara sah auf den Namen über dem Chat.

Sie hatte Maras Nummer gespeichert. Aber nichts, woran sie Mara sicher erkennen konnte.

Fortsetzung folgt.