Kapitel 4 · Mittwoch,
Clara stellte die Frage am Mittwoch um kurz nach neun. Sie hatte lange genug auf das leere Eingabefeld gesehen. Bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte, schickte sie den Satz ab.
Was hast du mir gesagt, bevor ich die Fotos gemacht habe?
Sie hatte den Satz schon am Vorabend geschrieben und wieder gelöscht. Im Bett war ihr noch eine andere Frage eingefallen. Dann hatte sie sich vorgestellt, wie jemand Maras Telefon in der Hand hielt und lächelnd die Antwort tippte. Jetzt lag das Gerät vor ihr auf dem Küchentisch. Andreas stand am Fenster. Er war gekommen, ohne vorher zu fragen, ob sie ihn brauchte. Clara hatte ihm die Tür geöffnet und Platz gemacht.
„Das können die anderen auch gehört haben“, sagte er.
„Ich weiß.“
Sie sah nicht zu ihm hinüber. Diesmal hatte sie den Satz nicht gesagt, um das Gespräch zu beenden. Sie wusste tatsächlich, wie wenig die Frage beweisen würde. Aber sie wollte nicht noch einen Tag damit verbringen, auf etwas Unbeantwortetes zu starren. Die Antwort kam, als Andreas sich setzte.
Dass wir uns schon zweimal verlaufen hatten.
Clara spürte, wie sich etwas in ihr löste. Sie erinnerte sich an Maras Grinsen, an das Blatt Papier in ihrer Hand. Für einen kurzen Augenblick war die Frau vom Sonntag wieder da, so deutlich, als stünde sie neben dem Tisch.
„Das stimmt“, sagte Clara.
Andreas las über ihre Hand hinweg.
„Ja.“
Er sagte nichts weiter. Clara war ihm dafür dankbar und ärgerte sich im selben Moment darüber, dass sie dankbar sein musste. Sie tippte die nächste Frage.
Wo bist du? Können wir dich abholen?
Die Nachricht wurde zugestellt. Eine Antwort erschien nicht. Andreas zog den Stuhl näher heran. Sie warteten, bis der Bildschirm dunkel wurde. Dann drehte Clara das Telefon um.
„Ich schicke das Foto trotzdem noch nicht“, sagte sie.
Er nickte. Es war keine Einigung, über die sich einer von ihnen freuen konnte. Wenig später rief die Polizei an. Eine Frau aus der Gruppe vom Sonntag wollte mit Clara sprechen. Sie hatte bereits mit den Beamten geredet und darum gebeten, den Kontakt herzustellen. Ob Clara einverstanden sei, dass man ihre Nummer weitergebe. Clara griff nach einem Stift, obwohl es nichts zu notieren gab.
„Ja. Natürlich.“
Sie erzählte noch von der eben eingegangenen Antwort. Dann war das Gespräch zu Ende. Andreas hatte sich aufgerichtet.
„Eine von den anderen?“
Clara sah auf die ausgedruckten Gruppenbilder. Fünf Gesichter um Mara herum. Seit Sonntag waren sie für sie kaum mehr gewesen als der Hintergrund einer Begegnung. Sie hatte auf Hände geachtet, auf den fremden Mann hinter der Gruppe, auf die Schatten an einer Hauswand. Nicht darauf, wer neben Mara gestanden hatte. Das Telefon klingelte erneut.
„Clara? Mein Name ist Lea Berg.“
Die Stimme war leise. Clara hörte Straßenlärm, dann das Schließen einer Tür.
„Ich stand am Sonntag neben Mara. Auf dem Foto. Mit dem hellen Schal.“
Clara fand sie sofort. Die Frau lachte auf beiden Aufnahmen. Auf der zweiten hatte sie den Kopf ein wenig zu Mara gedreht.
„Wissen Sie, wo sie ist?“
„Nein.“
Eine kurze Pause.
„Aber ich glaube, ich weiß, warum sie nicht mit uns gegangen ist.“
Clara sah Andreas an. Er hörte nur ihre Seite des Gesprächs und hielt still, um kein Wort zu überdecken. Lea fragte, ob sie sich treffen könnten. Auf der Insel, in einem Café. Sie nannte einen Ort und eine Uhrzeit.
„Andreas kommt mit“, sagte Clara. „Er war gestern am Hafen dabei.“
„Gut.“
Lea zögerte.
„Und bitte bringen Sie die beiden Bilder mit. Ich habe sie nur auf dem Telefon.“
***
Vor dem Café rief Clara noch einmal bei der Polizei an und gab durch, wo sie Lea treffen würden. Andreas wartete unter dem flachen Steinbogen neben der Tür. Als Clara auflegte, hielt er ihr die Tür auf. Es roch nach Kaffee und warmem Gebäck. An einem Tisch am Fenster saß eine Frau in einer grauen Strickjacke. Ihren Schal hatte sie zusammengefaltet neben die Tasche gelegt. Clara erkannte sie erst, als sie aufstand.
Ohne das Lachen wirkte ihr Gesicht schmaler. Unter den Augen lag ein dunkler Rand, den Clara auf den Fotos nicht gesehen hatte.
„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte Lea.
Sie schüttelten einander die Hand. Andreas setzte sich so, dass Lea beide ansehen konnte. Clara nahm die Abzüge aus der Mappe, die sie zu Hause zwischen zwei Bücher geschoben hatte, und legte sie auf den Tisch. Lea berührte den Rand des ersten Bildes mit zwei Fingern.
„Da wusste ich noch nicht einmal, dass Sie Clara heißen.“
„Ich habe nicht lange an Sie gedacht“, sagte Clara. „An keinen von Ihnen.“
Lea nickte, als sei das eine Erleichterung. Eine Bedienung kam. Sie bestellten Kaffee. Clara wartete, bis die Frau außer Hörweite war.
„Was ist danach passiert?“
„Wir haben weitergespielt. Zwei Orte haben uns noch gefehlt. Dann waren wir fertig.“
„Alle sechs?“
„Bis zum Schluss, ja. Danach sind vier gegangen. Mara und ich sind noch ein Stück zusammen gelaufen.“
Lea sah auf die Hände in ihrem Schoß.
„Ich wollte mit ihr reden. Sie hatte mir für Sonntag etwas versprochen.“
Andreas zog seinen Stuhl nicht näher, obwohl jemand mit einer Tasche zwischen den Tischen hindurchging. Er wartete, bis Lea wieder aufsah.
„Was für etwas?“
„Sie wollte mir ein Bild zeigen.“
Clara blickte auf die beiden Abzüge. Lea folgte ihrem Blick.
„Nicht die. Ein anderes.“
Der Kaffee kam. Lea bedankte sich und schob die Tasse beiseite, ohne zu trinken.
„Sie hat gesagt, es wäre ihr gerade zu viel. Ob wir das auf später verschieben könnten. Am Abend vielleicht.“
„Und Sie sind gegangen?“
Clara hörte, wie die Frage klang. Lea zog die Hand vom Tisch zurück.
„Ja.“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Doch. Ich frage mich das selbst seit gestern.“
Clara nahm die Mappe auf ihren Schoß. Lea sah aus dem Fenster. Ein Mann schob sein Fahrrad an der Scheibe vorbei, langsam, damit die Pedale nicht gegen die abgestellten Stühle stießen.
„Hat Mara sich abends noch bei Ihnen gemeldet?“, fragte Andreas.
„Nein. Ich habe ihr geschrieben. Am Montag wieder. Dann hat mich die Polizei erreicht.“
„War sie am Sonntag beunruhigt?“
Lea überlegte.
„Gegen Ende war sie still. Aber wenn man so etwas im Nachhinein erzählt, klingt alles, als hätte man es merken müssen.“
Clara sah sie an.
„Ja“, sagte sie.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft nahm Lea einen Schluck. Die Tasse klirrte leicht gegen den Unterteller, als sie sie wieder abstellte. Andreas deutete auf den Mann am Rand des Gruppenfotos.
„Kennen Sie ihn?“
Lea beugte sich über den Tisch. Ihr heller Schal lag direkt neben Maras Gesicht auf dem Papier. Sie sah erst auf die eine Aufnahme, dann auf die andere.
„Nein.“
Sie richtete sich nicht wieder auf.
„Mara hat dorthin geschaut“, sagte sie schließlich.
„Wann?“
„Bevor wir weitergegangen sind. Ich habe sie gefragt, ob sie jemanden gesehen hat. Sie meinte, sie hätte sich geirrt.“
Clara spürte das vertraute Ziehen im Nacken. Der Blick über ihre Schulter. Das Lächeln, das plötzlich verschwunden war.
„Sind Sie sicher, dass es dieser Mann war?“
Lea schüttelte den Kopf.
„Nein. Nur die Richtung.“
Clara war froh über die Antwort. Über das Wenige, das sie ihnen tatsächlich geben konnte, ohne die Lücken mit Vermutungen zu füllen. Andreas schob den ersten Abzug ein wenig zur Seite.
„Sie haben gesagt, Sie wüssten vielleicht, warum Mara geblieben ist.“
Lea sah wieder aus dem Fenster.
„Ich habe ihr am Freitag etwas nicht beantwortet. Als sie am Sonntag ausweichen wollte, dachte ich, sie wäre deshalb gekränkt.“
„Was haben Sie ihr nicht beantwortet?“
Lea nahm ihr Telefon aus der Tasche.
***
Sie legte es nicht sofort hin. Zuerst suchte sie einen Chat, scrollte ein Stück zurück und hielt dann den Daumen auf dem Bildschirm, als müsse sie die Stelle festhalten.
„Das habe ich der Polizei schon gezeigt“, sagte sie.
Clara nickte. Lea drehte das Telefon zu ihnen. Auf dem Display war ein älteres Foto zu sehen. Zwei Männer standen vor einem offenen Werkstatttor. Einer von ihnen hielt einen Pappbecher in der Hand. Der andere hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Am Rand ragte die Motorhaube eines hellen Wagens ins Bild. Die Aufnahme war von schräg gegenüber gemacht worden. Der Himmel spiegelte sich in den oberen Scheiben des Tors. Es hätte ein gewöhnlicher Arbeitstag sein können, eine kurze Pause vor einer Werkstatt, wie es sie überall gab.
„Die Nachricht ist vom Freitag“, sagte Lea. „Mara hat mir das geschickt und gefragt, wer der Mann rechts ist.“
Clara sah von der Aufnahme auf den Ausdruck neben der Kaffeetasse. Auf dem Telefon war das Gesicht des Mannes rechts zu erkennen. Auf dem Papier lag das des Fremden im Schatten. Die Haltung war ähnlich. Vielleicht die Statur. Mehr hätte sie nicht sagen können. Andreas verglich die Bilder schweigend. Schließlich schüttelte er kaum merklich den Kopf. Es reichte nicht.
„Woher hatte Mara das?“, fragte er.
„Das weiß ich nicht. Ich habe diese Aufnahme vorher noch nie gesehen.“
„Und den Mann rechts?“
„Kenne ich auch nicht.“
Lea zog das Telefon wieder zu sich herüber. Für einen Moment dachte Clara, sie wolle es wegstecken. Aber sie stellte nur die Helligkeit höher und legte es zurück. Unter dem Bild stand eine Nachricht von Mara.
Du musst mir nur sagen, ob du ihn schon einmal gesehen hast.
Darunter Leas Antwort.
Wo hast du das her?
Dann wieder Mara.
Ich erkläre es dir am Sonntag. Ich habe noch ein anderes Bild.
Clara las den letzten Satz erneut. Noch ein anderes Bild. Die beiden Aufnahmen auf dem Tisch waren vom Sonntag. Diese Nachricht war älter. Mara hatte sich schon vorher mit einem Foto beschäftigt. Mit einem Mann, dessen Namen Lea ihr nicht nennen konnte. Clara dachte an den Satz auf der Rückseite des Ausdrucks in der Tasche.
Er war schon vorher da.
Sie hatte am Hafen gefragt, was vorher bedeuten sollte. Vor dem Gruppenfoto. Vor dem Spiel. Jetzt sah sie wieder das Werkstatttor auf Leas Telefon.
„Sie wussten nicht, wer er ist“, sagte sie. „Warum haben Sie ihr das nicht einfach geschrieben?“
Lea senkte den Blick.
„Weil ich wollte, dass sie mir zuerst sagt, woher sie das Bild hat.“
„Sie waren wütend?“
„Ja.“
Lea schob ihre Tasse an den äußeren Rand des Untertellers. Ein Tropfen Kaffee lief über das Porzellan.
„Mara wusste, dass ich darüber nicht einfach so reden möchte. Nicht zwischen zwei Terminen, nicht mit einer Nachricht auf dem Telefon.“
Clara sah auf den Mann links. Er lehnte mit der Schulter gegen den Torrahmen und hatte den Becher halb angehoben, als hätte ihn jemand angesprochen. Anders als der Mann rechts sah er ungefähr in Richtung der Kamera.
„Wissen Sie wenigstens, wo die Werkstatt ist?“
Lea nickte.
„Ja.“
Andreas nahm die Hand von seinem Telefon.
„Hat Mara gesagt, was auf dem anderen Foto zu sehen ist?“
„Nein. Nur, dass sie es selbst aufgenommen hat. Vor ein paar Wochen, bei einer Arbeit.“
Lea atmete ein und ließ die Luft langsam wieder heraus. Clara bemerkte, dass sie nicht auf den fremden Mann rechts sah. Ihr Blick blieb an dem anderen hängen.
„Wer ist das neben ihm?“, fragte sie.
„Jonas.“
Der Name kam sofort. Zum ersten Mal hatte Lea nicht überlegen müssen.
„Er könnte wissen, wer der andere ist“, sagte Clara.
Lea sah sie an. Das Geräusch der Kaffeemühle hinter dem Tresen setzte ein. Sie wartete, bis es aufgehört hatte.
„Jonas war mein Bruder.“
Clara spürte, wie Andreas neben ihr still wurde.
„Er ist vor zwei Jahren gestorben“, sagte Lea. „Bei einem Unfall.“

