Nicht Teil des Spiels – Hinter dem Tor

7 Tage im Schatten · Folge 5: Nicht Teil des Spiels

Kapitel 6 · Freitag,

Am Freitag lag zwischen Clara und Lea eine Zeichnung auf dem Tisch. Ein Rechteck für die Werkstatt, ein schmaler Strich für die Zufahrt. Dahinter hatte Lea ein zweites Gebäude eingezeichnet und das Papier dabei mit dem Handballen festgehalten, als könnte es ihr entgleiten.

„Hier hinten“, sagte sie. „Da wurden früher die Teile gelagert.“

Sie hatten noch am Donnerstag die Adresse weitergegeben. Auch Lea hatte erklärt, dass sie sich beim Geräusch irren konnte. Ein stockendes Rolltor gab es nicht nur an einem Ort. Die Stimme in der Aufnahme hatte ihr mehr Angst gemacht als das Rattern. Inzwischen wusste Clara, dass auf dem Gelände mehrere kleine Betriebe untergebracht waren. Jonas’ frühere Werkstatt wurde von jemand anderem genutzt. Die Beamten waren den Hinweisen seit gestern nachgegangen. Mara hatten sie dort bisher nicht gefunden.

Andreas stellte seine Tasse neben die Zeichnung.

„Kommt man durch die Werkstatt nach hinten?“

„Früher. Später wurde das getrennt. Danach bin ich kaum noch dort gewesen.“

Lea nahm den Stift vom Papier. Clara sah die beiden Gebäude an. Mehr konnte Lea aus ihrer Erinnerung nicht herauszeichnen. Sie fotografierte das Blatt und gab es weiter. An der Scheibe bewegten sich die Zweige. Noch regnete es nicht. Clara hatte auf dem Weg hierher die Windwarnung gelesen: ab vierzehn Uhr, bis in die Nacht. Böen bis sechzig Kilometer in der Stunde, bei Schauern und an besonders ausgesetzten Stellen auch um fünfundsiebzig. Auf Leas Balkon stand ein zusammengeklappter Stuhl, mit einer Schnur am Geländer befestigt.

Andreas folgte ihrem Blick.

„Heute Abend hätten wir Musik haben können“, sagte er.

Clara sah ihn an.

„Il Civetto. Im Vaudeville. Um acht.“

„Hattest du Karten?“

„Nein. Ich hatte überlegt, dich zu fragen.“

Sie legte kurz ihre Hand auf seinen Unterarm. Dann nahm Lea ihr Telefon vom Tisch.

„Da war noch etwas“, sagte sie. „In dem Chat. Ich bin gestern nur immer wieder zu dem Foto zurückgegangen.“

Sie scrollte weiter hinauf als am Mittwoch. Eine Verabredung. Ein Bild von einem Schaufenster. Dann ein Link mit einer kleinen Vorschau.

„Mara hat mir manchmal Entwürfe gezeigt. Ich habe die Texte durchgesehen.“

Unter dem Link stand eine Nachricht von vor einigen Wochen.

Schau bitte nur auf die Beschriftungen. Die Bilder sind noch nicht fertig.

Lea tippte darauf. Eine Projektansicht öffnete sich. Clara rückte näher. Einige Kacheln waren leer, andere zeigten kleine Aufnahmen von Maschinen und Werkbänken. Eine davon ließ sich als Vorschau öffnen. Die Schaltfläche für die vollständige Datei war ausgegraut.

„Da habe ich damals nur einen Schreibfehler gemeldet“, sagte Lea. „Ich wusste nicht, dass es um diesen Auftrag geht.“

Auf der Aufnahme war ein Hof zu sehen. Ein Mann stand neben einer offenen Tür. Links ragte die Ecke einer Halle ins Bild. Dahinter verlief eine Reihe schmaler Fenster. Clara dachte an das ältere Foto, an Martin Kern neben Jonas. Der Mann in der Vorschau war zu klein, um ihn sicher wiederzuerkennen. Lea achtete nicht auf ihn.

„Das ist hinten“, sagte sie. „Nicht der Eingang an der Straße.“

Sie zog die Zeichnung zu sich herüber und ergänzte einen kurzen Strich an dem zweiten Gebäude.

„Die Tür hier. Rechts vom Tor.“

Andreas beugte sich über das Display.

„Sind Sie sicher?“

„Die Fenster. Die habe ich von innen gesehen, wenn ich Jonas abgeholt habe.“

Clara sah auf die kleine Aufnahme. Zum ersten Mal lag etwas aus Maras jüngster Arbeit vor ihnen. Kein Gruppenfoto vom Sonntag, kein alter Mailanhang. Ein Ausschnitt aus dem Auftrag, von dem sie Lea erzählt hatte. Lea gab den Link und die neuen Angaben selbst weiter. Als sie auflegte, hielt sie das Telefon noch eine Weile in der Hand.

„Vielleicht hätte ich ihr einfach antworten sollen.“

Clara schüttelte den Kopf.

„Sie wusste damals auch nicht, wie er heißt.“

Es war nicht genug, um Lea zu trösten. Aber es war das Einzige, was Clara sicher sagen konnte.

***

Gegen halb drei begann der Regen. Er schlug in kurzen Stößen gegen die Scheibe und ließ nach, sobald Clara den Kopf hob. Im Hof klappte irgendwo ein Deckel. Beim nächsten Windstoß schlug er noch einmal zu. Von den Beamten waren Rückfragen gekommen. Ob Lea den Zugang auf einem weiteren Bild zeigen könne. Wann Mara ihr den Projektlink geschickt hatte. Ob sie Kern je auf dem Gelände gesehen habe. Auf die letzte Frage hatte Lea erneut mit Nein geantwortet.

Clara saß neben Andreas auf dem Sofa. Die Mappe mit den Fotos lag geschlossen auf dem Tisch. Ihr Telefon vibrierte auf dem Bezug zwischen ihnen.

Das Foto gegen Mara.

Sie las den Satz, ohne danach zu greifen. Andreas sah die Nachricht ebenfalls. Er rückte nur ein Stück näher, bis seine Schulter ihre berührte. Clara nahm das Telefon.

„Welches Foto?“, fragte Lea.

„Das zweite vom Sonntag. Das Original.“

Die Bitte, es als Datei zu schicken, stand weiter oben im Chat. Darunter das Verbot, es zu versenden. Die Aufforderung, eine Frage zu stellen. Dann die Antwort über das Verlaufen. Clara hätte den Satz darunter beinahe übersehen, weil sie ihn selbst geschrieben hatte.

Wo bist du? Können wir dich abholen?

Sie wartete nicht mehr darauf, dass diese Frage beantwortet wurde. Sie rief bei der Polizei an, las die Forderung vor und ließ sich sagen, wie sie weiter vorgehen sollte. Während sie zuhörte, sah Andreas zu ihr herüber. Clara nickte, obwohl ihr Gesprächspartner das nicht sehen konnte.

„Ja. Ich bleibe erreichbar.“

Nach dem Auflegen schrieb sie in den Chat.

Ich habe die Datei. Wie soll ich sie dir geben?

Für einen Moment lag ihr Daumen über dem Bildschirm. Dann schickte sie den Satz ab. Das Bild blieb in ihrer Galerie. Die Antwort kam nicht sofort. Lea stand auf, ging zur Balkontür und prüfte den Griff. Ein Windstoß trieb Wasser über die Scheibe. Als sie zurückkam, sah Clara die Nässe an ihrem Ärmel. Eine neue Nachricht erschien.

Keine Polizei.

Clara gab auch das weiter. Andreas ließ seine Hand neben ihrer liegen. Sie berührte mit dem kleinen Finger seinen.

„Das hat Mara nicht geschrieben“, sagte Lea.

Clara sah auf.

„Das kann nicht von ihr sein.“

Niemand widersprach ihr. Niemand bestätigte es. Der Regen wurde dichter. Auf dem Telefon wechselten sich Schweigen und kurze Anweisungen ab. Clara sollte warten. Sie sollte das Bild bereithalten. Einen Ort nannte der Absender nicht. Als die Polizei sie später zurückrief, stand Lea neben ihrer Zeichnung. Sie wurde gebeten, den Zugang auf dem Gelände vor Ort zu zeigen, von der Straße aus. Clara und Andreas fuhren mit ihr. Für weitere Fragen sollten sie anschließend an dem vereinbarten Treffpunkt bleiben. Clara nahm die Mappe nicht mit.

***

Sie standen auf einem befestigten Platz gegenüber der Zufahrt. Der Wagen war weit genug vom Hof entfernt, dass Clara die offene Tür des hinteren Gebäudes von hier aus nicht sehen konnte. Von dem Rolltor erkannte sie nur einen schmalen Streifen hinter der Ecke der vorderen Halle. Lea hatte den Beamten den Zugang gezeigt. Jetzt saß sie auf der Rückbank und hielt die Hände zwischen den Knien. Andreas stellte den Motor ab. Sofort beschlug ein Teil der Scheibe. Er ließ die Lüftung wieder laufen.

Der Wind fuhr unter eine lose Abdeckung auf dem Nachbargrundstück. Sie hob sich, straffte die Befestigung und sank zurück. Auf dem nassen Pflaster liefen Blätter in kleinen Kreisen zusammen. Ein Stück Absperrband flatterte weiter vorn an der Zufahrt. Clara sah hinüber, bis ihre Augen schmerzten. Eine Böe traf die Seite des Wagens. Das Rauschen verschluckte ein Geräusch, das aus dem Hof gekommen sein konnte. Sie richtete sich auf.

„Hast du das gehört?“

Andreas schüttelte den Kopf.

„Was?“

Sie wusste es selbst nicht. Ein Ruf, vielleicht. Oder Metall, das gegen etwas geschlagen hatte. Sie ließ die Hand von der Tür und blieb sitzen. Auf der Straße gingen zwei junge Leute an ihnen vorbei. Einer hielt die Kapuze mit beiden Händen fest. Unter der geöffneten Jacke des anderen war ein Bandshirt zu sehen. Sie lachten über etwas, das Clara nicht hören konnte. Ihr Telefon lag auf dem Oberschenkel. Seit sie hier angekommen waren, war keine weitere Anweisung eingegangen. Das letzte Wort im Chat war noch immer warten.

Clara sah zu Lea nach hinten.

„Geht es?“

Lea nickte zu schnell. Andreas reichte ihr die Wasserflasche aus der Ablage. Sie nahm einen Schluck und schraubte den Verschluss sorgfältig wieder zu. Im Hof bewegte sich etwas. Clara konnte nicht erkennen, wer hinter der vorderen Halle vorbeiging. Dann fiel Licht auf den nassen Boden, ein schmaler Streifen, der vorher nicht da gewesen war. Sie beugte sich vor. Ein Beamter kam zur Zufahrt. Er hob die Hand in ihre Richtung. Kein Zeichen, näher zu kommen. Nur ein kurzes Stillhalten der Handfläche. Clara sank in den Sitz zurück.

Hinter ihr hörte sie Lea ausatmen. Es klang, als hätte sie sich verschluckt. Dann kamen zwei Menschen um die Ecke der Halle. Eine Frau, eine Hand an ihrem Arm. Clara erkannte zuerst den dunkelblauen Mantel. Mara ging langsam. Ihr Haar war offen und lag an einer Seite flach am Kopf. Sie sah nicht zum Wagen. Eine Helferin führte sie zu einem Fahrzeug weiter vorn, außerhalb von Claras Blickfeld. Lea hatte die Hand bereits am Türgriff.

„Warte“, sagte Andreas leise.

Sie warteten, bis jemand zu ihnen kam. Clara musste die Worte zweimal hören. Die Frau sei gefunden worden. Sie werde jetzt versorgt. Für ein paar Minuten könne Lea zu ihr. Lea stieg so hastig aus, dass der Wind ihr die Tür aus der Hand drückte. Andreas hielt dagegen. Clara stand auf der anderen Seite des Wagens und spürte den Regen sofort im Gesicht. Als sie zu Mara gingen, hörte sie das Telefon in ihrer Manteltasche nicht mehr.

Mara saß, eine Decke um die Schultern, und hielt einen Becher zwischen beiden Händen. An ihrem Mantelsaum klebte heller Staub. Als der Wind die Decke anhob, zog sie einen Arm an den Körper und verschüttete etwas aus dem Becher. Eine Helferin tupfte ihre Hand trocken. Mara sah dabei zu, als müsse sie sich auf jede Bewegung einzeln konzentrieren. Clara spürte den Druck in ihrer Kehle und schluckte. Sie hatte sich Sätze für diesen Augenblick zurechtgelegt. Keiner davon fiel ihr ein.

Lea blieb vor ihr stehen. Für einen Augenblick sah es aus, als müssten sie sich erst vergewissern, wer die andere war. Dann kniete Lea neben ihr nieder. Clara wandte den Blick ab. Andreas stand dicht bei ihr. Seine Jacke berührte ihren Ärmel. Hinter ihnen schlug die Abdeckung wieder gegen ihre Befestigung.

Als Mara aufsah, blieb ihr Blick an Clara hängen.

„Die Fotos“, sagte sie.

Clara trat einen Schritt näher.

„Ja.“

Mara schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie zu Andreas und dann zurück.

„Du hast sie noch?“

„Ja.“

Eine Helferin trat hinzu. Sie müssten jetzt weiter, sagte sie. Mara nickte. Lea stand auf, ohne ihre Hand loszulassen. Clara wollte zurücktreten. Da fiel ihr das Schiff ein, der Augenblick, in dem die Nachricht auf dem Display erschienen war. Der Satz, der sie seit Montag begleitet hatte.

„Die Warnung am Hafen“, sagte sie. „Die Nachricht mit dem Schiff. War die von dir?“

Mara sah sie an.

„Welche Nachricht mit dem Schiff?“

Fortsetzung folgt.