Nicht Teil des Spiels – Der Mann rechts

Der Mann rechts

Kapitel 5 · Donnerstag,

Am Donnerstagmorgen hatte Clara noch immer Leas Stimme im Ohr. Sie hatte am Fenster gestanden, als ihr wieder einfiel, wie Lea gestern das Telefon vom Tisch genommen hatte. Vorsichtig, mit beiden Händen, als könnte das alte Foto darauf beschädigt werden.

Jonas war mein Bruder.

Im Café hatte danach keiner von ihnen nach der Aufnahme greifen wollen. Lea hatte weitergeredet, leiser jetzt. Jonas war nachts mit seinem Wagen von der Straße abgekommen. Zwei Jahre war das her. Ein Unfall, hatte sie gesagt. Dieses Wort benutzten alle. Clara hatte gefragt, ob Lea daran zweifle.

„Ich habe irgendwann aufgehört, jedes Gespräch darüber zu führen“, hatte sie geantwortet. „Das ist nicht ganz dasselbe.“

Mehr hatte sie nicht erzählen wollen. Als sie sich verabschiedeten, hatte Clara ihre Hand etwas länger gehalten als bei der Begrüßung. Die Werkstattaufnahme und das Gespräch hatten sie noch am Mittwoch an die Polizei weitergegeben. Jetzt lag das Telefon auf der Fensterbank. Clara nahm es auf, öffnete den Chat mit Mara und schloss ihn wieder. Seit ihrer Frage, ob sie Mara abholen könnten, war keine weitere Antwort gekommen.

Andreas wartete unten. Durch die Scheibe sah sie, wie er zur Haustür hinaufblickte. Sie hob die Hand und nahm ihre Jacke. Lea hatte kurz nach acht angerufen.

„Ich habe den Mann gefunden“, hatte sie gesagt.

Clara war für einen Moment sicher gewesen, dass sie den Fremden vom Sonntag meinte.

„Den auf dem Werkstattfoto“, hatte Lea hinzugefügt. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie er heißt.“

Sie trafen sich bei Lea. Auf der Treppe roch es nach frischer Farbe. Vor einer Wohnungstür stand ein Paar kleiner Gummistiefel, daneben ein Paket. Lea öffnete, bevor sie klingeln konnten.

„Entschuldigen Sie das Durcheinander.“

Im Wohnzimmer standen zwei Kartons neben einem niedrigen Regal. Auf dem Tisch lagen Hüllen mit Unterlagen, ein alter Laptop und eine externe Festplatte. Lea schob einen Stuhl zurecht.

„Ich habe gestern Abend wieder angefangen zu suchen.“

„Nach dem Foto?“

Sie nickte.

„Jonas hat seine geschäftlichen Sachen aufbewahrt. Nach seinem Tod habe ich eine Kopie der Dateien bekommen. Ich habe damals vieles davon gar nicht angesehen.“

Clara setzte sich. Auf dem Bildschirm war ein E-Mail-Programm geöffnet. Die Schrift war so klein, dass Lea sich beim Lesen weit vorbeugen musste.

„Ich kannte das Tor“, sagte sie. „Also habe ich nach Nachrichten zur Werkstatt gesucht. Übergabe, Besichtigung, solche Sachen. Es hat eine Weile gedauert.“

Sie öffnete einen Anhang. Die beiden Männer erschienen auf dem Bildschirm. Der Becher in Jonas’ Hand. Die verschränkten Arme des anderen. Die helle Motorhaube am Rand. Es war dieselbe Aufnahme, die Mara ihr am Freitag geschickt hatte.

„Die Mail ist älter als sein Unfall“, sagte Lea.

Andreas zog seinen Stuhl ein Stück näher. Lea schloss das Bild und zeigte ihnen die Nachricht, zu der es gehörte.

Anbei noch das versprochene Foto von uns vor Ihrer Werkstatt.

Darunter stand eine kurze Grußformel und ein Name.

Martin Kern.

Clara las ihn ein zweites Mal. Keine verschwommene Gestalt. Kein Ausschnitt, den sie noch weiter vergrößern musste. Ein Name unter einer Nachricht von einem Menschen, der damals mit Jonas vor diesem Tor gestanden hatte.

„Ein Kunde?“, fragte Andreas.

„Ein Geschäftskontakt. Jonas hat mit ihm über einen Auftrag gesprochen.“

„Kennen Sie ihn?“

Lea sah auf die Unterschrift.

„Den Namen kannte ich. Das Gesicht nicht.“

Sie griff nach einer Hülle mit ausgedruckten E-Mails. Clara bemerkte, dass die Seiten darin an den Rändern unterschiedlich vergilbt waren. Lea hatte nicht erst gestern damit begonnen, Dinge aufzuheben.

„Ich habe ihm nach Jonas’ Tod geschrieben“, sagte sie. „Ich bin damals seine letzten Kontakte durchgegangen. Ich wollte wissen, ob jemand etwas bemerkt hatte.“

„Was denn?“

Lea zuckte mit den Schultern.

„Ob er übermüdet war. Ob er etwas gesagt hat. Irgendetwas, das erklärt hätte, warum er in dieser Nacht nicht nach Hause gekommen ist.“

Sie zog ein Blatt heraus und legte es neben den Laptop.

***

Kerns Antwort war knapp gewesen. Er bedauere den Tod ihres Bruders. Leider könne er ihr nicht weiterhelfen. Der Kontakt sei auf wenige Telefonate beschränkt geblieben.

In der Werkstatt Ihres Bruders war ich nie.

Clara las den Satz und sah dann auf das Foto, das Lea wieder geöffnet hatte.

„Das hat er Ihnen geschrieben?“

Lea nickte. Andreas nahm das Blatt nicht in die Hand. Er beugte sich darüber und verglich die Angaben mit der älteren Mail auf dem Bildschirm. Name und Absenderadresse stimmten überein.

„Vielleicht meint er drinnen“, sagte er.

Clara blickte zu ihm hinüber.

„Er schreibt, dass es nur Telefonate gab.“

„Ja.“

Diesmal blieb es dabei. Lea strich mit dem Zeigefinger über die Hülle, aus der sie das Blatt gezogen hatte.

„Ich habe ihm damals sogar gedankt.“

„Sie hatten das Foto nicht gesehen“, sagte Clara.

„Nein.“

Sie schob das Blatt ein Stück von sich weg. Clara sah, wie sie die Lippen aufeinanderpresste. Andreas wandte sich zum Laptop.

„Das sollten Sie zusammen mit der ursprünglichen Mail weitergeben. Nicht nur den Ausdruck.“

Lea nickte und griff nach ihrem Telefon. Clara ließ sie das Gespräch führen. Als sie den Namen ihres Bruders sagte, wurde ihre Stimme wieder ganz ruhig. Während sie sprach, legte Andreas Claras Gruppenfotos auf den freien Teil des Tisches. Er hatte sie in der Mappe mitgebracht. Auf dem zweiten stand der Fremde näher an Mara als auf dem ersten.

Clara sah zwischen Papier und Bildschirm hin und her. Bei Kern war das Gesicht zu erkennen. Auf ihrer Aufnahme blieb es im Schatten. Sie suchte nach einer Besonderheit, nach etwas, das sich auf beiden Bildern sicher wiederfand. Es war verlockend, den Kopf des einen über die dunkle Gestalt des anderen zu legen. Mit dem Namen ging es noch leichter.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich.

Andreas nickte.

„Ich auch nicht.“

Lea beendete das Telefonat. Die beiden E-Mails wollte sie in ihrer ursprünglichen Form zur Verfügung stellen, ebenso den Anhang. Man hatte ihr erklärt, wie sie das machen konnte. Jetzt saß sie vor dem Laptop und suchte die betreffenden Nachrichten noch einmal heraus. Clara stand auf und trat ans Fenster. Sie hatte gedacht, ein Name würde etwas verändern. Dass sie mit einem Namen endlich eine Richtung hätten, in die sie gehen konnten. Stattdessen musste sie sich zurückhalten, ihn in ein Suchfeld einzugeben und irgendwo anzurufen.

„Wir könnten ihn fragen, warum er das geschrieben hat“, sagte sie.

Andreas sah zu Lea, die noch auf den Bildschirm blickte.

„Jetzt wissen die Beamten davon. Lassen wir sie erst die Mails prüfen.“

Clara steckte das Telefon in die Manteltasche. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie es bereits in der Hand hielt.

„Ja“, sagte sie.

Es fiel ihr leichter als am Dienstag. Das Blatt auf dem Tisch würde nicht verschwinden, wenn sie eine Stunde warteten. Zum ersten Mal mussten sie keine fremde Anweisung befolgen, um an den nächsten Hinweis zu kommen. Lea schloss den Anhang.

„Mara muss irgendwo angefangen haben“, sagte sie. „Das alte Foto hat sie nicht bei mir gefunden.“

„Sie hat vor ein paar Wochen selbst eins gemacht“, sagte Clara.

Lea nickte.

„Das andere Bild.“

Clara dachte an den Auftrag, das zweite Gruppenfoto als Datei zu schicken. An den Satz direkt darunter, der sie davon abgehalten hatte. Noch immer wusste sie nicht, was an ihrem Bild wichtig genug war, dass jemand es unbedingt haben wollte. Aber Mara hatte bereits vor Sonntag nach Kern gesucht. Vielleicht nicht unter diesem Namen. Aber nach dem Mann, der neben Jonas stand. Claras Telefon vibrierte in der Tasche.

Habt ihr seinen Namen?

Sie blieb mit der Hand am Mantel stehen. Dann zog sie das Gerät heraus und zeigte Andreas die Nachricht. Lea sah von einem zum anderen.

„Mara?“

„Ihre Nummer“, sagte Clara.

Sie hörte, wie selbstverständlich ihr die Unterscheidung inzwischen gelang. Der Absender konnte sich auf den Mann vom Sonntag beziehen. Oder auf den rechts vor dem Werkstatttor. Dass sie gerade seinen Namen gefunden hatten, ließ die Nachricht näher erscheinen, als sie sein musste. Clara setzte sich wieder. Sie öffnete das Antwortfeld und schrieb diesmal nicht, wo Mara sei.

Welches Bild hast du Lea am Sonntag zeigen wollen?

Andreas las mit. Er hielt sie nicht auf. Clara schickte den Satz ab.

***

Die Antwort kam erst, als Lea den Laptop geschlossen hatte. Eine Sprachnachricht. Wenige Sekunden lang. Clara hatte das Telefon neben die Mappe gelegt. Als das kleine Symbol erschien, rückte Lea ihren Stuhl näher heran. Niemand sprach. Clara tippte auf Wiedergabe. Ein kurzes Reiben, als streife etwas über das Mikrofon. Dann eine Frauenstimme.

„Lea soll nicht herkommen.“

Die Worte waren leise, aber verständlich. Im Hintergrund begann etwas zu rollen. Ein schweres, ungleichmäßiges Rattern, das anschwoll und mit einem harten Anschlagen endete. Danach brach die Aufnahme ab. Clara sah auf das Display. Sie hatte auf eine Fortsetzung gewartet. Lea hielt die Hand vor den Mund. Nicht fest, nur die Fingerspitzen an den Lippen.

„Noch einmal“, sagte sie.

Clara spielte die Nachricht erneut ab. Diesmal konzentrierte sie sich auf die Stimme. Sie erinnerte sich an Mara in der Gasse, an das Lachen, an ihre Bitte um die Fotos. Am Telefon klang die Frau anders. Gedämpfter. Ohne jemanden vor sich zu haben, fiel Clara der Vergleich schwer.

„Ist sie das?“

Lea nickte zunächst. Dann nahm sie die Hand vom Gesicht.

„Ich glaube schon.“

Andreas schob die Mappe beiseite.

„Hat sie Ihnen den Satz schon einmal gesagt? In einer anderen Nachricht?“

„Nein.“

Lea dachte nach.

„Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran.“

Clara spielte die Aufnahme ein drittes Mal. Die Stimme brach nirgends hörbar ab, aber daraus konnte sie nichts schließen. Auch eine unveränderte Aufnahme musste nicht von heute sein. Sie gab die neue Nachricht an die Polizei weiter und erklärte, dass Lea bei ihnen war. Während des Gesprächs sah sie immer wieder zu ihr hinüber. Lea hatte die Ausdrucke auf dem Tisch nicht mehr angesehen. Sie starrte auf Claras Telefon. Als Clara auflegte, stand Andreas auf.

„Wir fahren jetzt jedenfalls nirgendwohin.“

„Nein“, sagte Clara.

Lea schüttelte den Kopf. Es war keine Antwort auf Andreas. Sie schien auf etwas zu hören, obwohl die Aufnahme längst beendet war.

„Was ist?“, fragte Clara.

Lea deutete auf das Telefon. Clara schob es zu ihr hinüber. Noch einmal die leise Stimme. Dann das Rollen. Das Rattern, ein kurzes Stocken und der harte Schlag am Ende. Lea schloss die Augen.

„Dieses Tor“, sagte sie. „Das kenne ich.“

Fortsetzung folgt.