Montag · Kapitel 2 von 7
Um sechs Uhr zwölf stand die Villa Lindenhof kopfüber auf Andreas’ Bildschirm.
Er hatte das Foto des Negativstreifens gespiegelt, die Farben umgekehrt und jedes der sechs Bilder einzeln vergrößert. Mehr ließ sich aus einer Handyaufnahme kaum herausholen.
Draußen lag Nebel zwischen den Häusern. Selbst die gegenüberliegende Straßenseite war nur als graue Fläche zu erkennen.
Auf dem ersten Bild stand die Villa hinter kahlen Ästen. Auf dem zweiten kamen zwei Männer vom Seeweg herauf. Einer schob ein Fahrrad. Der andere trug eine helle Jacke.
Andreas legte eine Tabelle an.
12 · VILLA
13 · ZWEI MÄNNER
14 · FAHRRAD
15 · STREIT
16 · BEIDE AM BILDRAND
18 · EIN MANN
Zwischen 16 und 18 verlief ein sauberer Schnitt durch den Film.
Bild 17 fehlte.
Er vergrößerte Aufnahme 18. Der verbliebene Mann schob das Fahrrad in Richtung Straße. Seine Haltung war gebeugt, das Gesicht vom Kragen verdeckt.
Etwas stimmte mit seiner Kleidung nicht.
Andreas wechselte zurück zu Bild 16 und wieder vor zu 18.
Dann klingelte sein Telefon.
„Seidel.“
„Lorenz.“
Die Stimme der Kommissarin klang so, als hätte auch sie nicht geschlafen.
„Die Suche am Ufer läuft weiter. Bislang keine Spur von Frau Berg im Wasser und kein Hinweis, dass sie die Insel regulär verlassen hat.“
„Das klingt nicht gleichzeitig möglich.“
„Doch. Es bedeutet nur, dass wir noch nicht wissen, was passiert ist.“
„Und der Mann mit der Kappe?“
„Auf den Aufnahmen im Umfeld ist niemand eindeutig zu erkennen.“
„Er hat uns fotografiert.“
„Oder jemand, der höher stand.“
„Das macht es nicht besser.“
Lorenz schwieg kurz.
„Herr Seidel, falls Frau Berg Ihnen noch etwas gegeben oder angekündigt hat, erfahre ich das diesmal sofort.“
Andreas betrachtete die Metalldose neben seinem Laptop. Die Negative hatte Lorenz mitgenommen. Die leere Hülle hatte sie nach der Spurensicherung bei ihm gelassen.
„Natürlich“, sagte er.
Nach dem Gespräch drehte er die Dose in der Hand.
Auf der Unterseite klebte ein schmaler, vergilbter Papierstreifen. Gestern hatte er ihn für ein altes Etikett gehalten. Im schrägen Licht der Schreibtischlampe erkannte er verblasste Bleistiftzeichen.
28.9. · 19 UHR · ZECH · TAUSCH
Andreas machte ein Foto davon.
Dann rief er Clara an.
• • •
„Ich komme mit“, sagte sie.
„Nein.“
„Das war keine Frage.“
Andreas stand am Fenster. Der Nebel begann sich aufzulösen. Auf dem Gehweg gegenüber erschienen erst Beine, dann Menschen.
„Jemand hat uns gestern zusammen fotografiert. Wenn ich allein hingehe, muss er nur eine Person beobachten.“
„Du willst mich schützen, indem du genau das tust, was dich letzte Woche beinahe umgebracht hat.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Stimmt. Diesmal kündigst du es vorher an.“
Im Hintergrund stritten Jule und Ben darüber, wem eine Brotdose gehörte.
„Du bleibst bei den Kindern“, sagte Andreas.
„Und du teilst deinen Standort.“
„Clara.“
„Das ist mein Tauschwert.“
Er musste lächeln, obwohl ihm nicht danach war.
„Einverstanden.“
Den Rest des Tages versuchte Andreas zu arbeiten. Auf seinem Bildschirm lag der Plan einer Werkstatt, in dem Leitungen, Fundamente und Maschinen einer eindeutigen Ordnung folgten. Jede Zahl hatte einen Platz. Jede Linie führte irgendwohin.
Nur Bild 17 nicht.
Um kurz nach zwölf schickte Clara ihm ein Foto vom See. Der Nebel war verschwunden, das Wasser glatt und hell.
CLARA: KEINE NEUE NACHRICHT. LORENZ WAR NOCH EINMAL BEI HELENAS TOCHTER.
Andreas antwortete nicht sofort. Er legte den Treffpunkt in seinem Kalender an, aktivierte die Standortfreigabe und schickte Clara den Link.
Sie reagierte mit einem einzelnen Daumen.
Es war erstaunlich, wie vorwurfsvoll ein Daumen aussehen konnte.
• • •
Am Abend war vom Nebel nichts mehr übrig. Die Wärme des Tages hing noch zwischen den Häusern, als Andreas kurz vor sieben das Mehrgenerationenhaus in Zech betrat.
Auf den Tischen standen Bücher, Tassen, Spiele, Werkzeuge und Kisten mit Kinderkleidung. Menschen prüften, was andere nicht mehr brauchten. Es roch nach Kaffee und Holz.
Nichts daran wirkte bedrohlich.
Genau das machte Andreas nervös.
Er ging langsam durch den Raum. Auf einem Tisch am hinteren Fenster stand ein grauer Koffer. Daneben lag ein handgeschriebenes Schild.
FÜR A. S. · NUR GEGEN DIE LEERE DOSE
Andreas öffnete den Koffer. Darin lag ein alter Diaprojektor. Das Stromkabel war sauber aufgewickelt, daneben steckte ein rundes Magazin in einer Papphülle.
„Der ist für Sie?“
Eine Frau mit Namensschild stand hinter ihm.
„Wer hat ihn gebracht?“
„Ein älterer Herr. Kurz bevor wir geöffnet haben.“
„Wie sah er aus?“
Sie überlegte. „Graue Jacke. Kappe. Er sagte, der Projektor gehöre seiner Mutter.“
Andreas blickte zum Fenster.
Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann mit grauer Kappe.
„Die Dose“, erinnerte die Frau.
Andreas legte die Metalldose neben das Schild. Dann nahm er den Projektorkoffer und ging zum Ausgang.
Der Mann setzte sich in Bewegung.
Andreas folgte ihm.
Draußen war es noch hell. Ein Bus fuhr zwischen ihnen hindurch. Als die Straße wieder frei war, bog der Mann um die nächste Hausecke.
Andreas rannte.
Hinter der Ecke lag nur ein leerer Gehweg. Eine Haustür fiel ins Schloss. Weiter hinten fuhr ein dunkler Wagen an.
Zu weit entfernt für das Kennzeichen.
Sein Telefon vibrierte.
CLARA: DU BEWEGST DICH ZIEMLICH SCHNELL. ALLES IN ORDNUNG?
Andreas tippte eine Antwort.
MANN MIT KAPPE. VERLOREN. BIN AUF DEM RÜCKWEG.
Als er den Veranstaltungsraum wieder betrat, stand der Projektorkoffer offen.
Das Magazin lag nicht mehr in seiner Papphülle, sondern im Gerät.
„War jemand hier?“
Die Frau mit dem Namensschild schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich gesehen hätte.“
Die Metalldose war verschwunden.
Das war Teil des Tauschs gewesen.
Trotzdem hatte Andreas plötzlich das Gefühl, mehr abgegeben zu haben, als er wusste.
• • •
Clara saß vor seiner Wohnungstür.
Neben ihr stand ein Topf.
„Du solltest zu Hause bleiben.“
„Ich bin zu Hause. Du wohnst eine Etage tiefer.“
„Und der Topf?“
„Eine rein nachbarschaftliche Suppe.“
Andreas schloss auf.
„Die Kinder?“
„Jule passt auf Ben auf. Und bevor du fragst: Ich habe versprochen, spätestens in einer Stunde wieder oben zu sein.“
Sie trug den Topf in die Küche, während Andreas den Projektor auf den Esstisch stellte. An die gegenüberliegende Wand lehnte er eine weiße Platte aus seinem Arbeitszimmer.
„Natürlich besitzt du eine Projektionsfläche“, sagte Clara.
„Das ist eine Musterplatte.“
„Natürlich.“
Er schaltete das Licht aus.
Der Projektor sprang mit einem tiefen Summen an. Staub tanzte im Lichtkegel. Dann erschien die Villa Lindenhof auf der Platte, farbstichig und blass.
Bild 12.
Ein Klick.
Zwei Männer kamen vom Wasser herauf.
Bild 13.
Der jüngere schob ein dunkles Fahrrad. Der andere trug eine helle Jacke.
Bild 14.
Die Männer standen einander gegenüber. Der Ältere hatte die Hände gehoben. Der Jüngere hielt ihn am Ärmel.
Bild 15.
„Das ist kein Gespräch“, sagte Clara.
Der nächste Klick.
Beide Männer befanden sich am rechten Bildrand. Vom Fahrrad war nur das Vorderrad zu sehen.
Bild 16.
Dann blieb die Wand hell.
Leer.
Der Projektor zeigte auf seiner Skala die Zahl 17.
„Da ist es“, sagte Andreas.
„Da ist gar nichts.“
„Genau.“
Das Magazin drehte weiter.
Auf Bild 18 schob ein einzelner Mann das Fahrrad fort. Sein Gesicht war nicht zu erkennen.
Clara trat näher an die Projektion.
„Zurück.“
Andreas schaltete auf Bild 16.
„Und wieder vor.“
Bild 18.
Clara zeigte auf den Rücken des Mannes. „Die Jacke.“
Andreas sah es jetzt auch.
Auf Bild 16 hatte der Mann am Fahrrad eine dunkle Jacke getragen. Der andere eine helle.
Auf Bild 18 trug der Mann mit dem Fahrrad die helle Jacke.
Der Projektor klickte zurück auf das leere Fach.
Im selben Moment vibrierte Andreas’ Telefon.
Unbekannte Nummer.
Eine Bilddatei.
Helena saß auf einem Holzstuhl. Sie trug dieselbe Bluse wie am Sonntag. Ihr roter Schal fehlte. In der linken Hand hielt sie einen weißen Diarahmen mit einer roten Zahl.
17
Ihre Augen waren geöffnet.
Neben ihrem Fuß lag eine gefaltete Zeitung. Das Datum war von heute.
Unter dem Foto stand:
FINDEN SIE DAS BILD. DANN FINDET MAN DIE FRAU.
Clara griff nach dem Telefon.
„Sie lebt.“
Andreas vergrößerte den Hintergrund. Hinter Helena verlief eine dunkle, unregelmäßige Fläche.
„Eine Wand?“, fragte Clara.
„Nein.“
Er erhöhte den Kontrast. Einzelne Blätter wurden sichtbar.
„Eine Hecke“, sagte er.
Auf dem Foto stand Helena nicht vor einem Raum.
Sie saß hinter einem Garten.

