Mittwoch · Kapitel 4 von 7 · 14. Oktober 2026
Clara hielt den Hörer vor sich, als könnte sie darin erkennen, wer Andreas’ Stimme benutzte.
„Clara?“, fragte er hinter der Wand.
Aus dem Telefon kam ein leises Einatmen.
„Clara, du musst mir jetzt vertrauen.“
Sie kniete sich neben die freigelegte Öffnung. Das Kabel spannte sich hinter ihr. „Was hast du gerade gesagt?“
„Ich habe gefragt, was los ist.“
Die Stimme im Hörer schwieg. Clara hielt ihn wieder ans Ohr. „Was habe ich dir vorhin über die Karten gesagt?“
Keine Antwort. Dann dasselbe Einatmen, derselbe Satz. Sogar die kleine Pause nach ihrem Namen war gleich. Hinter der Wand hörte sie Andreas näherkommen.
„Das bin nicht ich“, sagte er.
Clara nahm den Hörer vom Ohr. „Es klingt wie du.“
„Ich weiß nicht, woher sie das haben.“
Sie wartete noch eine Wiederholung ab. Dann legte sie auf. Als sie den Hörer erneut anhob, war die Leitung still. Kein Freizeichen. Sie hielt ihn so lange fest, bis Andreas ihren Namen sagte.
„Hier“, antwortete sie.
„Kannst du ihn weglegen?“
Clara legte ihn auf den Boden. Den Rest des Abends blieben sie an der Wand. Sie untersuchten keinen weiteren Verbinder, lösten keine Schraube. Sie sprachen darüber, was sie gehört hatten. Später vereinbarten sie, morgens dreimal zu klopfen, wenn einer wach war. Clara nahm den Hörer nicht wieder ab.
• • •
Am Mittwoch lagen die beiden fremden Botschaften vor ihr: der Zettel und ihre Notiz zum Anruf.
Er kann gehen. Du nicht.
Du musst mir jetzt vertrauen.
Die Sätze passten nicht zusammen. Trotzdem hatten sie dasselbe bewirkt. Clara hatte Andreas angesehen, ohne ihn sehen zu können, und sich gefragt, was er vor ihr verbarg. Sie schob die Blätter zur Seite.
„Du musst mir sagen, wenn du auch so etwas bekommst.“
„Mache ich.“
„Auch wenn darin steht, dass du dann gehen kannst.“
Andreas brauchte einen Moment. „Ja. Du auch.“
Clara dachte an die Metallklappe neben ihrer Tür. Sie hatte gestern noch einmal davor gestanden und darauf gewartet, dass jemand zurückkam. Vielleicht hätte sie gefragt, was sie tun müsse. Vielleicht hätte sie erst danach Andreas davon erzählt.
„Ja“, sagte sie.
Sie legten fest, jede neue Nachricht miteinander zu besprechen, bevor einer darauf reagierte. Über die Wand, mit Fragen und Antworten. Wenn eine Verbindung unterbrochen wurde, mussten sie warten oder schreiben.
„Wir wissen nicht, ob jemand zuhört“, sagte Andreas.
Clara blickte zur Öffnung. „Dann hört er, dass wir miteinander reden.“ Zum ersten Mal an diesem Morgen klang ihre Antwort nicht wie eine Frage.
• • •
Andreas hatte seinen Umschlag neben sich gelegt. Darauf standen die Angaben zur Prüfung, die er Clara gestern übermittelt hatte. Darunter begann seine Skizze der Räume. Er konnte eine Linie nachziehen, wenn sie ungenau war. Für das, was Clara ihn jetzt fragte, gab es keinen Stift.
„Im Museum“, sagte sie. „Du hast Lorenz von der Anlieferung erzählt.“
„Ja.“
„Warum nicht mir?“
Er sah auf den Umschlag. „Weil ich nicht wusste, was du damit machen würdest.“ Die Antwort hatte er ihr schon einmal gegeben. Damals, als sie noch im selben Raum gewesen waren.
„Was dachtest du denn?“
Er schwieg.
„Dass ich Hanna warne?“
„Vielleicht.“
Clara bewegte sich auf der anderen Seite. Andreas hörte Stoff über den Boden streichen.
„Hast du mich gefragt?“
„Nein.“
„Du hast entschieden, dass ich es nicht wissen soll.“
Andreas zog das Blatt zu sich. „Ich wollte verhindern, dass etwas schiefgeht.“
„Mit einer Entscheidung, die du für mich getroffen hast.“
Er legte den Stift hin. Die Erklärung mit der Vorsicht wäre jetzt einfach gewesen. Er hätte von unvollständigen Informationen sprechen können, vom Zeitdruck, von seiner alten Unterschrift. Alles hätte gestimmt. Nichts hätte die Frage beantwortet.
„Ich habe dir nicht alles gesagt, weil ich deine Entscheidung nicht aushalten wollte.“
Hinter der Wand blieb es still.
„Wenn du etwas anderes getan hättest als ich“, fuhr er fort. „Wenn du Hanna hättest helfen wollen. Ich wollte das nicht mit dir besprechen. Ich wollte, dass du es erst erfährst, wenn es vorbei ist.“
Clara antwortete so leise, dass er näher an die Öffnung rücken musste.
„Damit du mich gar nicht erst um etwas bitten musst.“
„Ja.“
Er wartete. Diesmal ohne einen Satz vorzubereiten, mit dem er sich erklären konnte.
• • •
Clara saß mit dem Rücken an der Wand. Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht, damit sie Andreas hören konnte. Sie erinnerte sich an den Stadtplatz im Cavazzen, an Hannas Notizbuch und daran, wie sie es fester an sich gedrückt hatte, als Andreas danach fragte. Sie hatte Lorenz informiert. Sie hatte sich damit im Recht gefühlt.
„Ich habe dir meinen Fund auch nicht gezeigt“, sagte sie.
„Ich weiß.“
„Nicht weil ich dachte, er wäre unwichtig.“
Andreas schwieg. Clara war dankbar dafür.
„Ich wollte sehen, ob du selbst danach fragst. Und wenn du gefragt hättest, hätte ich wahrscheinlich wissen wollen, woher du davon weißt.“
Sie hörte, wie er ausatmete.
„Ich habe irgendwann jede Lücke so ausgefüllt, dass du darin schuldig aussahst.“
Der Satz erschreckte sie, als sie ihn aussprach. Nicht weil er falsch war. Weil er auch dann noch stimmte, wenn sie Gründe für ihren Verdacht aufzählte. Andreas sagte: „Ich habe dir diese Lücken gelassen.“
„Ja. Aber ich habe aufgehört, dich nach der Antwort zu fragen.“
Clara nahm einen der Zettel. Auf ihm stand Gesehen. Darunter hatte sie das Klebeband am Bilderrahmen notiert. Sie fuhr mit dem Finger über das Wort.
„Ich weiß nicht, ob ich dir schon alles wieder glaube“, sagte sie.
„Das verlange ich nicht.“
„Du sollst mir trotzdem alles sagen.“
„Ich versuche es.“
Sie hob den Kopf.
„Nein“, sagte Andreas, bevor sie nachfragen konnte. „Ich sage es dir. Auch wenn du danach wütend bist.“
Clara legte den Zettel zurück. Zum ersten Mal hatte sie nicht das Bedürfnis, seine Formulierung noch einmal zu prüfen.
• • •
Lorenz hörte Regen gegen die Scheibe des Büros schlagen. Auf ihrem Tisch lagen die Nachrichten, die Andreas vor seinem Verschwinden erhalten hatte. Sein Auftraggeber hatte die Anfrage und den bisherigen Austausch zur Verfügung gestellt.
Der Prüfauftrag war echt. Ältere Bau- und Wartungsunterlagen sollten mit späteren Fassungen verglichen werden. Noch fehlte ein Teil der Originale. Der Ansprechpartner hatte Andreas nicht gedrängt. Er hatte lediglich gefragt, wann er mit einer ersten Durchsicht beginnen könne. Lorenz rief ihn erneut an.
„Wer wusste, welche Unterlagen Herr Seidel bekommen sollte?“
Der Mann nannte zwei Personen und sagte dann, er müsse für weitere Namen in den Schriftwechsel sehen.
„Bitte tun Sie das“, sagte Lorenz. „Und schicken Sie mir die Weiterleitungen mit.“
Nach dem Gespräch blieb sie beim letzten offenen Anhang stehen. Eine unauffällige Liste, eine von vielen. Keine Ortsangabe führte sie zu den Vermissten. Sie schrieb die Namen auf ein neues Blatt. Bei jedem ließ sie Platz für den nächsten Kontakt.
• • •
„Heute Abend wären wir im Theater“, sagte Clara.
Andreas antwortete erst nach einer Weile. „Ich weiß.“
„Die Karten liegen noch bei dir?“
„In meiner wirklichen Wohnung. Auf dem Tisch.“
Clara stellte sich die Blätter dort vor. Es gab also noch einen Tisch, den niemand für sie ausgesucht hatte. Einen Raum, in dem ihre Verabredung einfach liegen geblieben war.
„Zenit“, sagte sie.
„Halb acht.“
Sie schloss die Augen. Simon Höfele und CHAARTS. Menschen, die ihre Jacken abgaben, ihre Plätze suchten, ein Programm aufschlugen. Clara hätte neben Andreas gesessen. Vielleicht hätten sie nach dem ersten Stück einander kurz angesehen, um festzustellen, ob sie dasselbe gehört hatten.
„Als du die Karten bestellt hast“, fragte sie, „warst du da sicher, dass ich mitkomme?“
„Du hattest zugesagt.“
„Sonst hast du immer noch einmal gefragt.“
„Ich wollte nicht lästig sein.“
Clara musste leise lachen. Das Geräusch kam ihr fremd vor.
„Du hast dreimal gefragt, welche Reihe.“
„Du hast zweimal gesagt, dass es dir egal ist.“
„Weil es mir egal war.“
Auf der anderen Seite lachte Andreas ebenfalls. Dann verstummten beide. Der Abstand war noch derselbe, aber für einen Moment hatte Clara vergessen, ihn auszumessen. Sie nahm den Löffel und klopfte einen kurzen Rhythmus an die Wand. Drei Schläge, eine Pause, zwei.
Andreas wiederholte ihn, setzte aber den letzten Schlag später. Clara antwortete mit zwei schnellen Schlägen und einem langsamen.
„Das war anders“, sagte er.
„Das sollte es sein.“
Sie spielten noch eine kleine Folge. Kein Lied, das jemand erraten musste. Nur eine Frage, auf die unmittelbar eine Antwort kam. Danach vereinbarten sie, mit dem ersten Rhythmus um Aufmerksamkeit zu bitten. Klopfte einer ihn, sollte der andere das Gespräch unterbrechen und nachfragen.
„Das kann jemand nachmachen“, sagte Andreas.
„Dann fragen wir eben, was er sagen will.“
Clara legte den Löffel hin. Sie war müde. Zum ersten Mal seit Sonntag fühlte sie sich dabei nicht verlassen.
• • •
Später klingelte das Telefon. Clara blieb zunächst sitzen. Sie sah zum Hörer, den sie wieder auf die Kommode gelegt hatte.
„Es klingelt“, sagte sie.
„Ich höre es.“
Sie ging hin, nahm ab und kniete sich mit dem Telefon wieder an die Wand. Bevor sie etwas sagte, hielt sie den Hörer so, dass Andreas mithören konnte.
„Herr Seidel.“
Die Stimme war tiefer als seine. Ruhig, ohne das leise Einatmen der wiederholten Botschaft. Andreas sagte nichts.
„Bei Ihrem Vergleich fehlt die ursprüngliche Anlage B. Ohne die können Sie aus zwei verschiedenen Fassungen keinen brauchbaren Schluss ziehen.“
Clara sah zur Öffnung.
„Woher wissen Sie das?“, fragte Andreas.
„Sie haben danach gefragt.“
Er rückte näher. „Bei meinem Auftraggeber.“
„Dann erinnern Sie sich.“
Clara hob den Hörer an den Mund. „Wer sind Sie?“
„Jemand, mit dem Herr Seidel sprechen muss.“
„Dann sprechen Sie mit uns.“
Eine Pause. Clara hörte nichts, das ihr verriet, wo sich der Mann befand.
„Das ist nicht Ihre Angelegenheit.“
„Ich sitze hier.“
Der Mann antwortete nicht sofort. Andreas sagte ihren Namen, leise. Clara ließ den Hörer neben der Öffnung. Dann sprach die Stimme wieder.
„Sie müssen für seine Entscheidung nicht bezahlen.“
Clara spürte, wie ihre Finger den Hörer fester umschlossen.
„Welche Entscheidung?“
„Morgen können Sie gehen.“
Sie sah zur verschlossenen Tür.
„Allein.“
Hinter der Wand hörte sie Andreas atmen.
„Was heißt allein?“, fragte sie.
Die Verbindung brach ab.

