Dienstag · Kapitel 3 von 7 · 13. Oktober 2026
Clara hatte den fremden Zettel neben Andreas’ Nachrichten gelegt. Je länger sie die Blätter betrachtete, desto weniger wusste sie, welchem sie glauben sollte.
ER KANN GEHEN. DU NICHT.
Daneben seine Handschrift. Seine Fragen nach den Kindern, nach ihrem Essen. Die Erklärung für sein Ja. Alles war noch da. Nur beim Lesen hörte sie jetzt einen anderen Ton.
Sie nahm den Stift und schrieb: Warum sollte ich dir glauben?
Dann blieb sie mit der Spitze über dem Papier stehen.
Gestern hatten sie vereinbart, Vermutungen als Vermutungen zu kennzeichnen. Sie hatte keine neue Beobachtung, die Andreas’ Antwort widerlegte. Sie hatte einen Satz, den jemand vor ihre Tür geschoben hatte.
Clara strich die Frage durch.
Wie können wir herausfinden, woher er kommt?
Sie faltete das Blatt und schob es durch den Durchlass. Danach klopfte sie einmal. Die Wand blieb einige Minuten still. Als das Papier zurückkam, hatte Andreas unter ihre Frage geschrieben:
Wir wissen, wo er hereinkam. Alles andere steht nur darauf.
Clara sah zur Metallklappe. Gestern war sie fest gewesen, heute ebenfalls. Sie hatte nichts gehört, seit der Zettel hindurchgeschoben worden war.
Deine Tür ist immer noch zu?
Ich versuche es noch einmal.
Sie wartete. Aus seinem Raum hörte sie einen dumpfen Stoß, dann einen zweiten. Mehr konnte sie nicht erkennen.
Sie geht nicht auf, schrieb Andreas. Das kannst du von dort nicht überprüfen.
Clara hielt das Blatt länger fest, als nötig gewesen wäre.
Dann nehmen wir es erst einmal so an.
• • •
Andreas zeichnete seinen Raum auf die Rückseite eines Umschlags. Die Eingangstür, den geschlossenen Rollladen, die Kommode. Den Tisch, den er zur Wand gezogen hatte. Dazwischen setzte er den kleinen Durchlass.
Clara schickte ihm ihre Skizze.
Er legte beide Blätter nebeneinander. Die Durchlässe passten zusammen. Die Tische standen fast an derselben Stelle. Als er ihre Zeichnung umdrehte und gegen das Licht hielt, lagen auch die übrigen Wände erstaunlich nah beieinander.
Kannst du messen?, schrieb er.
Clara hatte kein Maßband. Sie benutzte ein Blatt ihres Notizblocks, legte es mehrfach an der Wand entlang und markierte die letzte Strecke mit dem Stift. Andreas tat dasselbe. Es war ungenau. Für das, was sie feststellen mussten, genügte es.
Ihre Räume waren nahezu gleich breit.
Andreas sah zu seiner Tür. Die fehlende Kerbe war ihm am Sonntag aufgefallen. Seitdem hatte er sich immer wieder eingeredet, dass er die Stelle falsch erinnerte.
Er schrieb Clara davon.
Ihre Antwort kam auf zwei Blättern.
Das Foto ist meines. Die Tasse auch. Aber ich weiß nicht, wann der Rahmen repariert wurde.
Auf dem zweiten stand:
Und warum bist du überhaupt hinter meiner Wand?
Andreas ließ den Stift sinken.
Die Frage war seit Sonntag zwischen ihnen gewesen. Sie hatten sich an die Schläge geklammert, als wäre die Nähe des anderen das Einzige, das keiner Erklärung bedurfte.
Zwischen ihren wirklichen Wohnungen lag eine Straße.
Ich weiß es nicht, schrieb er. Wir müssen uns ansehen, was zwischen uns ist.
• • •
Clara schob den Tisch weg. Hinter der Abdeckung, die sie gestern gelöst hatte, klemmte das graue Material um ihren Papierdurchlass. Sie ließ es zunächst in Ruhe und tastete weiter nach links.
Eine Schraube stand ein wenig vor. Sie ließ sich mit den Fingern nicht drehen. Clara nahm den Griff des Löffels. Die schmale Kante passte schlecht in den Schlitz, rutschte zweimal ab. Beim dritten Versuch bewegte sich die Schraube.
Als sich die Abdeckung weiter löste, rieselte heller Staub auf ihre Knie.
Dahinter war kein Mauerwerk.
Sie sah eine schmale, glatte Kante und einen metallenen Verbinder. Auf der Rückseite stand eine Zeichenfolge, mit dunklem Stift geschrieben.
W3–B.
Clara zeichnete ab, was sie sah, und schob Andreas das Blatt zu.
Seine Antwort bestand aus einer ähnlichen Skizze. Derselbe Verbinder. Dieselbe schmale Kante.
W3–A.
Kann eine normale Wand so aussehen?, fragte sie.
Eine nachträglich eingebaute schon.
Sie wollte den Zettel zerknüllen. Wieder eine Antwort, die in jede Richtung führte.
Dann folgte ein zweites Blatt.
Die Wand allein beweist nichts. Such eine zweite Stelle. Nicht am Durchlass.
Clara ging zu der Ecke neben dem geschlossenen Fenster. Dort traf die Sockelleiste nicht ganz auf die Wand. Sie drückte mit dem Löffel dagegen. Die Leiste bog sich, und hinter ihr wurde eine schmale Fuge sichtbar.
Sie schob die Kante des Löffels hinein.
Ein Stück der aufgeklebten Oberfläche hob sich ab. Dahinter erschien dieselbe glatte Platte wie am Durchlass. An ihrem unteren Rand war wieder ein Verbinder.
Clara wusste, was dort hätte sein müssen. Sie hatte diese Ecke gestrichen. Die Farbe war damals ungleichmäßig getrocknet, weil alter Putz darunter bröckelte. Sie hatte geflucht, Andreas hatte ihr später Spachtelmasse gebracht.
Hier gab es keinen bröckelnden Putz.
Sie ging zurück zum Tisch und schrieb:
Das ist nicht meine Wohnung.
Die Antwort kam nach wenigen Minuten.
Meine auch nicht.
Clara setzte sich auf den Boden.
Auf dem Tisch standen die Kinder. Im Flur hing ihr Mantel. Neben der Arbeitsfläche lag die Tasse mit dem Sprung. Jemand musste diese Dinge angefasst haben. Ihr Foto ausgewählt, ihren Mantel aufgehängt, entschieden haben, was sie beim Aufwachen sehen sollte.
Sie blickte zur Schlafzimmertür.
In dem Bett hatte sie zwei Nächte gelegen.
Clara griff nach dem Löffel und klopfte, bevor sie wusste, was sie fragen wollte.
Andreas antwortete sofort.
• • •
Er hatte sich ebenfalls auf den Boden gesetzt. Vor ihm lag Claras letzter Zettel. Er schrieb einen Satz, strich ihn durch und begann neu.
Die Räume sind aus Elementen gebaut. Ich glaube, sie wurden dafür eingerichtet, dass wir sie wiedererkennen.
Er schob das Papier durch. Als es zurückkam, stand darunter:
Dann kann ich nicht einmal mehr sagen, dass ich zu Hause bin.
Andreas legte die Hand gegen die Wand. Von dort kam ein leises Schaben. Clara bewegte sich auf der anderen Seite.
Er zog ein wenig von dem faserigen Material aus der Öffnung. Dahinter lagen zwei versetzte Platten. Ihr Papier hatte zwischen ihnen einen schmalen Weg gefunden. Weiter oben ließ sich die Füllung lockern.
Andreas hielt inne.
Ich will versuchen, mehr davon herauszunehmen. Bleib beim Durchlass.
Die Antwort kam als einzelner Schlag.
Er arbeitete langsam. Das Material kratzte an seinen Fingern. Die Öffnung blieb eng, aber im Hohlraum dahinter wurde ein größerer Bereich frei. Er sah kein Licht von der anderen Seite.
Andreas beugte sich hinunter.
„Clara?“
Er hörte ein Geräusch. Dann etwas, das sein Name sein konnte.
„Noch einmal.“
Eine Pause.
„Andreas?“
Er schloss die Augen.
„Ja.“
„Kannst du mich hören?“
„Wenn du nah dranbleibst.“
Es raschelte. Er stellte sich vor, wie sie sich ebenfalls hinunterbeugte, vielleicht mit einer Hand auf dem Boden.
„Sag noch etwas“, bat sie.
Er sah auf die Blätter neben seinem Knie.
„Deine Schrift wird kleiner, wenn du wütend bist.“
Von der anderen Seite kam ein kurzes Ausatmen.
„Deine wird dann ordentlicher.“
Zum ersten Mal seit Sonntag musste er nicht warten, bis ein Blatt den Weg durch die Wand gefunden hatte.
• • •
Lorenz stand im wirklichen Flur von Claras Wohnung. Die Rollläden waren geöffnet. Hinter den Fenstern lag Lindau unter tiefen Wolken.
Der Vater der Kinder wartete an der Tür. Er war am Vortag hergekommen, hatte geklingelt und Clara angerufen. Niemand hatte geöffnet. Die angebliche Nachricht von ihr hatte er Lorenz auf seinem Telefon gezeigt.
„Die Kinder bleiben bei Ihnen?“, fragte sie.
„Ja.“
„Gut.“
Im Schlafzimmer lag eine Matratze ohne Bettwäsche. Die Schranktüren waren geschlossen. Kein Hinweis erklärte, wohin Clara gegangen war oder weshalb sie ihren Mantel mitgenommen, andere Dinge aber zurückgelassen hatte.
Auf der anderen Straßenseite untersuchte ein Kollege Andreas’ Wohnung. Auch dort fehlte die Bettwäsche. Auch dort war niemand.
Lorenz trat ans Fenster. Die beiden Eingänge waren von hier aus zu sehen.
„Wann haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen?“
Er nannte ihr den Zeitpunkt. Keine Nachricht, kein zugestelltes Zeichen. Ein Gespräch.
Lorenz schrieb es auf. Danach bat sie den Kollegen, die beruflichen Kontakte von Andreas zusammenzustellen. Zwei verschwundene Nachbarn, dieselbe letzte Nacht. Sie würde ihre Suche nicht auf Claras angeblichen Wunsch nach Abstand gründen.
• • •
Clara saß noch immer auf dem Boden. Andreas’ Stimme war leise und wurde dumpfer, sobald er den Kopf bewegte. Manchmal musste sie um Wiederholung bitten. Trotzdem verstand sie ihn.
„Das heißt, jemand hat uns hierhergebracht“, sagte sie.
„Ja.“
„Und wir haben es nicht gemerkt.“
„Wir erinnern uns nicht daran.“
Clara legte ihre Hand neben die Öffnung.
„Das ist wieder ein Unterschied.“
„Ich weiß.“
Sie dachte an das Licht über ihrer wirklichen Haustür. An die Bewegung hinter sich. Es kam keine neue Erinnerung. Diesmal versuchte sie nicht, eine zu erzwingen.
„Ich weiß immer noch nicht, was hier passiert“, sagte Andreas. „Aber ich sage dir auch, was ich nur vermute.“
Clara strich mit dem Finger über den Rand der gelösten Abdeckung.
„Dann frage ich nach, bevor ich es gegen dich verwende.“
Hinter der Wand bewegte er sich. Sie hörte ein Blatt über den Boden schieben.
„Für morgen liegen bei mir Karten“, sagte er.
„Fürs Theater?“
„Ja.“
Clara dachte an die Verabredung zu „Zenit“. An einen Saal voller Menschen und daran, wie selbstverständlich sie gewesen war, als beide sie getroffen hatten.
„Lass sie liegen“, sagte sie.
„Clara, ich—“
Das Telefon klingelte.
Sie hob den Kopf.
Seit Sonntag hatte sie den Hörer mehrfach abgenommen. Kein Freizeichen, kein Rauschen. Nun klingelte das Gerät auf der Kommode, laut und gewöhnlich.
„Was war das?“, fragte Andreas.
Clara stand auf. Ihre Beine waren steif. Beim zweiten Klingeln erreichte sie das Telefon.
Sie nahm ab.
„Clara, du musst mir jetzt vertrauen.“
Andreas’ Stimme.
Sie drehte sich zur Wand.
„Clara?“, fragte er von dort. „Was ist los?“
Sie hielt den Hörer vom Ohr weg.
Hinter der Wand sagte Andreas ihren Namen.
Im Telefon sagte er ihn ebenfalls.

