Montag · Kapitel 2 von 7
Andreas stand zweimal vor ihr.
Einmal am Ende der Sitzreihe, reglos unter den erloschenen Deckenleuchten der Inselhalle. Und einmal auf dem Telefon in Claras Hand, wie er ihre Wohnung betrat und die Tür hinter sich schloss.
Beide sahen sie an.
„Nicht näher kommen“, wiederholte Clara.
Andreas hob langsam die Hände. „Ich bleibe hier.“
Auf dem Display wechselten die Zahlen.
06:41
06:40
06:39
Clara blickte wieder zur Videoübertragung. Der andere Andreas war nicht mehr zu sehen. Die Kamera zeigte nur noch ihr dunkles Treppenhaus. Ihre Wohnungstür war geschlossen.
Dann flackerte die Beleuchtung im Saal auf.
Einige Besucher applaudierten. Offenbar hielten sie den Stromausfall für einen Teil der Inszenierung. Von der Bühne kam ein Knacken, gefolgt von einer entschuldigenden Stimme aus den Lautsprechern. Die Vorstellung werde in wenigen Minuten beginnen.
Clara schob das fremde Telefon in ihre Jackentasche.
„Wie bist du hier hereingekommen?“
„Durch die Tür.“
„Andreas.“
„Abendkasse. Letzte Reihe.“ Er ließ die Hände sinken. „Du bist gegangen, ohne dich noch einmal umzudrehen. Ich habe dich angerufen. Du bist nicht rangegangen.“
„Das erklärt nicht, warum du mir gefolgt bist.“
„Du hattest Angst.“
„Das hattest du bereits festgestellt.“
„Und du hattest zwei Telefone dabei.“
Die ersten Besucher schoben sich an ihnen vorbei zu ihren Plätzen. Eine ältere Frau musterte Clara verärgert, weil sie den Mittelgang blockierte. Andreas trat zur Seite. Clara wich zurück.
„Zeig mir das Telefon“, sagte er.
„Nein.“
„Dann zeig mir wenigstens, was du gerade gesehen hast.“
Clara zog das Gerät wieder hervor. Das Bild ihres Treppenhauses füllte noch immer den Bildschirm. Der Countdown war inzwischen auf 06:22 gefallen.
Sie öffnete das zuvor aufgenommene Foto.
Andreas betrachtete die Gestalt hinter ihr und anschließend das Standbild, das ihn vor ihrer Wohnungstür zeigte. Sein Gesicht veränderte sich kaum. Nur seine Unterlippe bewegte sich, als würde er eine Antwort zurückhalten.
„Das bin nicht ich.“
„Das sehe ich.“
„Wirklich?“
Clara steckte das Telefon wieder ein.
Auf der Bühne wurde das Mikrofon eingeschaltet. Musik setzte ein. Der Saal füllte sich mit Gesprächen und erwartungsvollem Lachen.
Clara ging zum Ausgang.
Andreas folgte ihr.
• • •
Als sie Aeschach erreichten, war die Luft noch immer ungewöhnlich warm. Die tiefen Wolken hielten jedes Licht über der Stadt fest und warfen es gelblich auf die Straßen zurück.
Clara blieb vor ihrem Wohnhaus stehen.
Im zweiten Stock brannte kein Licht.
„Du wartest hier“, sagte sie.
„Sicher.“
„Das war keine Bitte.“
„Meine Antwort auch nicht.“
Clara schloss die Haustür auf. Im Treppenhaus roch es nach Holz, Staub und dem Essen der Nachbarn aus dem Erdgeschoss. Alles war vertraut. Selbst das automatische Licht summte wie immer eine halbe Sekunde, bevor es ansprang.
Sie ging langsam nach oben.
Andreas blieb dicht hinter ihr.
Vor ihrer Wohnungstür zog Clara den Schlüssel aus der Tasche. Die Tür war verschlossen. Der Rahmen war unbeschädigt, das Schloss saß fest. Sie öffnete und tastete nach dem Lichtschalter.
„Warte“, sagte Andreas.
Clara hielt inne.
Er beugte sich über das Treppengeländer und sah nach unten. Dann nahm er ihr das fremde Telefon aus der Hand, bevor sie widersprechen konnte. Er rief das Standbild des Videos auf und hielt es neben das Geländer.
„Hier.“
„Was?“
Andreas deutete auf eine halbmondförmige Kerbe im schwarzen Lack. „Die fehlt auf dem Video.“
Clara verglich die Bilder. Er hatte recht. Im Video verlief das Geländer glatt und unbeschädigt bis zum unteren Absatz.
„Vielleicht erkennt man sie nur nicht.“
„Man würde sie sehen.“
„Woher willst du das so genau wissen?“
Andreas sah sie an. „Weil ich sie hineingeschlagen habe.“
„Du?“
„Mit deinem alten Bücherschrank. Du wolltest ihn unbedingt allein in die Wohnung tragen.“
Clara erinnerte sich. Der Schrank hatte sich zwischen Geländer und Wand verkeilt. Andreas hatte eine halbe Stunde lang behauptet, man müsse ihn nur im richtigen Winkel drehen. Danach hatten sie ihn zersägt.
„Das war vor vier Monaten“, sagte sie.
„Also stammt der Hintergrund des Videos aus der Zeit davor.“
„Der Mann darin trägt dieselbe Kleidung wie du heute.“
„Dann haben sie zwei Bilder zusammengesetzt.“
Clara öffnete die Wohnungstür.
„Wer ist ‚sie‘?“
Andreas antwortete nicht.
Sie schaltete das Licht ein. Küche, Wohnzimmer und Flur sahen unverändert aus. Die beiden Teller standen noch auf dem Tisch. Ein Weinglas daneben, unbenutzt. Auf der Lehne des Stuhls lag Jules Strickjacke.
Clara kontrollierte die Fenster. Danach das Schlafzimmer und die Zimmer der Kinder. Andreas wartete im Flur, bis sie zurückkam.
„Niemand hier“, sagte sie.
„Das Video war nicht echt.“
„Der Mann auf dem Boden vielleicht auch nicht.“
„Welcher Mann?“
Clara bemerkte ihren Fehler zu spät.
„Du hast gesagt, du hättest mir alles gezeigt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Wer ist Julian?“
Clara zog Julians Zugangskarte aus der Jackentasche. Den schwarzen Umschlag und die Aufnahme mit dem Schuss behielt sie für sich.
Andreas las den Namen und die Zugangsberechtigung.
„Echo Süd“, sagte er.
Clara beobachtete sein Gesicht. „Kennst du die Firma?“
„Nein.“
Die Antwort kam zu schnell.
„Andreas.“
„Ich kenne den Namen nicht.“ Er gab ihr die Karte zurück. „Woher hast du sie?“
„Unter Platz 214.“
„Und Julian?“
„Hat sich vor drei Wochen mit mir getroffen.“
„Warum?“
„Er wollte mir etwas zeigen.“
„Was?“
„Das hat er nicht gesagt.“
„Und seitdem?“
„Nichts.“
Andreas sah zu ihrer Jackentasche. Das fremde Telefon vibrierte erneut.
05:58
„Fast sechs Stunden“, sagte er. „Bis was passiert?“
Clara betrachtete die Zahl.
„Das ist wahrscheinlich genau die Frage, die ich mir stellen soll.“
• • •
Um 1.34 Uhr saßen sie noch immer in Claras Küche.
Die warme Luft des Sonntags war aus der Wohnung gewichen. Durch das gekippte Fenster drang eine kühlere Strömung herein. Andreas hatte Kaffee gekocht, den keiner von ihnen trank.
Der Countdown sprang auf null.
00:02
00:01
00:00
Der Bildschirm wurde schwarz.
Dann erschienen weiße Buchstaben.
PROFIL CLARA VOGT AKTIVIERT
Clara berührte das Display. Nichts geschah.
Auf ihrem eigenen Telefon ging eine E-Mail ein. Kein Absender, kein Betreff. Nur eine Audiodatei.
Andreas schob seinen Stuhl näher heran.
Clara drückte auf Wiedergabe.
Ihre eigene Stimme füllte die Küche.
„Ich habe Julian Brenner erschossen.“
Clara stoppte die Aufnahme.
Andreas sah sie an.
„Weiter“, sagte er.
„Nein.“
„Wir müssen wissen, was darauf ist.“
Clara startete die Datei erneut.
„Ich habe Julian Brenner erschossen. Er wollte die Datei veröffentlichen. Ich musste ihn aufhalten. Niemand wird ihn finden, wenn ich nicht gefunden werden will.“
Danach war nur noch ihr Atem zu hören.
Nicht irgendein Atem. Ihrer.
Kurze, flache Züge, wie sie sie bekam, wenn sie versuchte, ruhig zu bleiben. Jemand hatte nicht nur ihre Stimme kopiert. Jemand kannte die Geräusche dazwischen.
„Das bist nicht du“, sagte Andreas.
„Es klingt wie ich.“
„Es ist trotzdem nicht deine Stimme.“
Clara starrte auf die Audiodatei. „Was ist es dann?“
Andreas antwortete nicht.
Um 1.49 Uhr klingelte es an der Haustür.
Clara und Andreas sahen gleichzeitig zum Flur.
Es klingelte ein zweites Mal.
„Polizei“, rief eine Frauenstimme aus dem Treppenhaus. „Frau Vogt, öffnen Sie bitte.“
Andreas griff nach dem fremden Telefon.
Clara nahm es ihm aus der Hand und schob es zwischen zwei Kochbücher im Regal.
„Du gehst jetzt in deine Wohnung.“
„Ich lasse dich nicht allein.“
„Wenn sie dich hier finden, nachdem ich ihnen erkläre, dass ein zweiter Andreas in meine Wohnung eingebrochen ist, wird das Gespräch unnötig kompliziert.“
Andreas wollte widersprechen. Dann ging er zur Tür.
Bevor Clara öffnete, beugte er sich zu ihr.
„Sag ihnen nicht, was sie hören wollen.“
„Was wollen sie denn hören?“
„Dass du selbst nicht mehr weißt, was wahr ist.“
• • •
Der Montag begann grau und deutlich kühler.
Seit dem frühen Morgen drangen die Geräusche der Bauarbeiten am Bahnhof Aeschach bis zu Claras Wohnung. Metall schlug gegen Metall. Ein Motor lief an, verstummte und begann wenige Minuten später erneut. Clara hatte kaum geschlafen.
Die beiden Beamten hatten in der Nacht nur wenige Fragen gestellt. Ob sie Julian Brenner kenne. Wann sie ihn zuletzt gesehen habe. Weshalb er ihre Telefonnummer bei sich getragen habe.
Clara hatte von dem Treffen vor drei Wochen erzählt.
Von der Inselhalle, dem Anruf und Platz 214 hatte sie geschwiegen.
Am Nachmittag stand sie vor dem Reutiner Rathaus. Über dem Platz hing eine geschlossene Wolkendecke. Die Luft war mild genug, um ohne Mantel auszukommen, aber kühl genug, dass die Menschen die Hände in den Jackentaschen hielten.
Um halb fünf begann „Stadtrat on Tour“. Mitglieder des Stadtrats, die Oberbürgermeisterin und Beschäftigte der Verwaltung verteilten sich zwischen kleinen Gruppen. Es ging um Verkehr, Spielplätze und die Frage, wo in Reutin Plätze zum Verweilen fehlten.
Clara hielt ihren Notizblock in der Hand und schrieb nichts auf.
Sie war im Auftrag von Seeblick Regional hier. Zumindest hatte sie das ihrem Redakteur gesagt. Tatsächlich brauchte sie einen Ort, an dem viele Menschen waren. Einen offenen Platz, Stimmen, Bewegung und Zeugen.
Normalität.
Eine Frau erklärte einem Stadtrat, weshalb der Verkehr vor ihrer Haustür unerträglich geworden sei. Hinter ihr diskutierten zwei Männer über die verspäteten Arbeiten am Bahnhof Aeschach. Ein Bus des Ersatzverkehrs fuhr an der Haltestelle an und verschwand Richtung Westen.
Clara betrachtete die Gesichter.
Keines davon kannte sie.
Dann sah sie den dunklen Mantel.
Der Mann stand auf der anderen Seite des Platzes, halb verdeckt von einer Gruppe Zuhörer. Er war ungefähr so groß wie die Gestalt, die am Abend zuvor am Rand des Saales verschwunden war.
Clara setzte sich in Bewegung.
Der Mann drehte sich um.
Sie sah nur sein Profil. Dunkles Haar, schmale Nase, ein blasser Streifen über der rechten Wange.
Er ging zwischen Rathaus und Haltestelle hindurch.
Clara folgte ihm.
Eine Gruppe trat ihr in den Weg. Jemand erkannte sie und begann, über fehlende Radwege zu sprechen. Clara wich aus, entschuldigte sich und erreichte die Straße.
Der Mann war verschwunden.
Nur der Bus des Ersatzverkehrs stand noch an der Haltestelle. In seinen dunklen Scheiben spiegelten sich die wartenden Menschen.
Und Clara.
Für einen Augenblick glaubte sie, hinter ihrem Spiegelbild ein zweites Gesicht zu erkennen.
Sie fuhr herum.
Dort stand eine Frau in dunkler Jacke.
„Frau Vogt?“
Clara kannte sie aus der vergangenen Nacht.
Die Polizeibeamtin hielt ihr eine Karte hin.
„Kriminalkommissarin Lorenz. Wir müssen unser Gespräch fortsetzen.“
„Jetzt?“
„Jetzt.“
• • •
Der Raum im Polizeigebäude war kleiner, als Clara erwartet hatte.
Ein Tisch, drei Stühle, graue Wände. Auf der Fensterbank stand eine Pflanze, deren Blätter an den Spitzen braun geworden waren.
Kommissarin Lorenz setzte sich ihr gegenüber. Neben ihr lag eine dünne Akte.
„Herr Brenner wird seit Sonntagmorgen vermisst“, sagte sie. „Seine Schwester hat uns verständigt. Er hat eine Verabredung nicht eingehalten und reagiert nicht auf Anrufe.“
„Das haben Ihre Kollegen mir bereits erzählt.“
„Sie haben uns dagegen nicht erzählt, dass Sie gestern Abend in der Inselhalle waren.“
Clara zwang sich, Lorenz anzusehen. „Ist das verboten?“
„Nein. Aber Herr Brenner hatte ebenfalls eine Eintrittskarte.“
„Für welchen Platz?“
Lorenz ließ sich mit der Antwort Zeit.
„Das wollte ich eigentlich Sie fragen.“
Clara sagte nichts.
Die Kommissarin öffnete die Akte und legte ein Foto auf den Tisch. Es zeigte Julian, aufgenommen von einer Überwachungskamera. Er stand vor einem Gebäude und blickte direkt ins Objektiv. Das Datum am unteren Rand lag zwei Tage zurück.
„Wann haben Sie Herrn Brenner zuletzt gesprochen?“
„Vor drei Wochen.“
„Nicht gestern?“
„Nein.“
„Sind Sie sicher?“
Clara dachte an den Anruf, den Schuss und ihre eigene Stimme.
„Ja.“
Lorenz nahm ein Telefon aus der Akte und legte es zwischen sie. „Dann erklären Sie mir bitte das hier.“
Sie drückte auf Wiedergabe.
Claras Stimme sagte:
„Ich habe Julian Brenner erschossen.“
Die Aufnahme lief weiter. Wort für Wort dieselbe Datei, die Clara in der Nacht erhalten hatte.
Als sie endete, blieb die Kommissarin still.
„Wann haben Sie das bekommen?“, fragte Clara.
„Um 1.11 Uhr.“
Clara blickte auf das Telefon.
Ihr eigener Countdown war erst um 1.34 Uhr abgelaufen.
Ihre Stimme hatte die Polizei erreicht, bevor sie selbst sie gehört hatte.

