Platz 214 – Die Tür in Reutin

Mittwoch · Kapitel 4 von 7

Das Profil wusste, dass Andreas eingreifen würde.

Der Satz stand nicht auf dem fremden Telefon. Trotzdem las Clara ihn dort.

PROFIL ANDREAS SEIDEL AKTIVIERT

Andreas nahm ihr das Gerät aus der Hand. Unter seinem Namen erschienen dieselben Felder wie zuvor bei ihr: Stimme. Kontakte. Aufenthaltsorte. Reaktion.

Er tippte auf keines davon.

„Wir gehen zur Polizei“, sagte Clara.

„Mit was?“

Sie deutete auf den Plan, das Foto und das fremde Telefon. „Mit allem.“

„Ein Bild, das gefälscht sein kann. Ein Telefon, das uns jemand untergeschoben hat. Und ein Gebäudeplan, den ich aus alten Projektunterlagen mitgenommen habe.“

„Julian lebt.“

„Vielleicht.“

Clara starrte ihn an. „Du hast die Narbe gesehen.“

„Ich habe ein Bild davon gesehen.“ Andreas legte das Telefon neben den ausgerollten Plan. „Wenn wir jetzt zur Polizei gehen, erzählen wir ihnen außerdem, dass ich den Ort kenne. Nach deiner angeblichen Aufnahme bin dann nicht mehr nur dein Name in der Sache.“

„Das klingt, als würdest du dich selbst schützen.“

„Natürlich schütze ich mich.“

Seine Offenheit traf sie härter als eine Ausrede.

Andreas rollte den Plan zusammen. „Ich muss ins Büro. Vielleicht finde ich dort noch die Unterlagen zum Umbau.“

„Ich komme mit.“

„Nein.“

„Dein Profil bezeichnet mich vermutlich als störenden Faktor?“

Er griff nach seiner Jacke. „Mein Profil bekommt heute keine Gelegenheit, mir etwas zu sagen.“

Er ließ das fremde Telefon bei ihr. Den Plan nahm er mit.

Clara hörte seine Schritte im Treppenhaus, dann die Haustür. Vom Küchenfenster aus sah sie seinen Wagen anfahren. An der nächsten Kreuzung setzte er den Blinker nicht in Richtung Weißensberg.

Er bog nach Reutin ab.

• • •

Die tief stehende Sonne blendete Andreas auf der Kemptener Straße. Zwischen Baustellenbaken und verschobenen Fahrspuren staute sich der Verkehr. Er hatte Zeit genug, um umzukehren.

Er tat es nicht.

Das ehemalige Schulungsgebäude lag hinter einer Reihe niedriger Gewerbehallen. Von der Straße aus war nur die obere Fensterreihe zu erkennen. Vor sieben Jahren hatte Andreas hier Leitungen aufgenommen, Türmaße geprüft und darüber gestritten, ob ein Technikraum eine zweite Fluchttür benötigte. Drei Tage Arbeit. Danach hatte er den Auftrag vergessen.

Oder geglaubt, ihn vergessen zu haben.

Das Einfahrtstor stand offen. Kein Firmenschild, kein Fahrzeug, keine Beleuchtung. Am Zaun hing ein verblichenes Schild mit einer Telefonnummer, die jemand überklebt hatte.

Andreas parkte außerhalb des Geländes. Bevor er ausstieg, schickte er Clara eine Nachricht.

Ich prüfe etwas. Bleib auf der Insel. Egal, was du hörst: Komm nicht hierher.

Die Nachricht blieb mit einem kleinen Uhrensymbol auf dem Display stehen. Nicht zugestellt.

Er steckte das Telefon ein und ging zum Gebäude.

Die Seitentür war angelehnt.

Drinnen roch es nach Staub, Kunststoff und warmer Elektronik. Sonnenlicht lag in schmalen Streifen auf dem Boden. Dahinter begann ein Flur, den Andreas vom Plan kannte – und doch nicht kannte. Neue Kabelkanäle liefen über den Wänden. Unter der Decke saßen kleine schwarze Kameras. Ihre Kontrollleuchten waren erloschen.

Andreas ging weiter.

Im ersten Seminarraum standen drei Tische, darauf Monitore und Audiogeräte. Auf einem Bildschirm waren Dutzende Tonspuren geöffnet. Namen fehlten. Stattdessen trugen die Dateien Nummern und kurze Bezeichnungen: Freude. Wut. Angst. Nähe.

Er berührte die Maus.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Im Nebenraum führte eine Treppe nach oben. Andreas setzte den Fuß auf die erste Stufe und blieb stehen.

Die Wand war gelb gestrichen. Links befand sich ein schmales Treppenhausfenster. Auf dem Absatz lag eine graue Fußmatte mit abgetretener Ecke.

Claras Fußmatte.

Andreas stieg hinauf. Am oberen Ende standen zwei Wohnungstüren. Eine trug Claras Klingelschild, die andere seinen Namen. Dahinter gab es keine Wohnungen. Nur schmale Kulissenräume, Scheinwerfer und eine Kamera auf einem Stativ.

Er öffnete die falsche Tür zu Claras Wohnung. Dahinter lagen zwei leere Meter Boden und eine graue Wand.

Hier war das Video entstanden.

Der andere Andreas hatte nie Claras Wohnung betreten. Jemand hatte sein Gesicht, seinen Gang und den Stoffbeutel in diesem Raum zusammengesetzt.

Über ihm knackte ein Lautsprecher.

„Andreas, geh nicht weiter.“

Claras Stimme.

Nicht die klare, etwas zu deutliche Stimme aus der Aufnahme. Diese klang atemlos. Besorgt. Echt.

„Clara?“

„Bitte.“

Der Lautsprecher rauschte.

Andreas zog sein Telefon heraus und rief sie an.

• • •

Clara stand am Rand des Abendmarkts, als Andreas’ Name auf ihrem Display erschien.

Am Kleinen See drängten sich Menschen zwischen den Ständen. Es roch nach Brot, gebratenem Fisch und Kaffee. Gläser klirrten, Kinder liefen über den Platz, und die tief stehende Sonne spiegelte sich so hell im Wasser, dass Clara die Augen zusammenkneifen musste.

Ihr Redakteur hatte sie gebeten, drei Sätze über den letzten Abendmarkt im September zu schicken. Eine harmlose Aufgabe. Ein öffentlicher Ort. Viele Zeugen.

Genau die Umgebung, in die ihr Profil sie schicken würde.

Sie nahm den Anruf an.

„Wo bist du?“

„Hast du gerade mit mir gesprochen?“

Im Hintergrund seiner Stimme lag ein Echo. Kein Büro. Kein Auto.

„Was soll das heißen?“

„Hast du gesagt, ich soll nicht weitergehen?“

Clara entfernte sich von den Marktständen. „Nein. Andreas, wo bist du?“

Am anderen Ende knackte es.

Dann hörte sie ihre eigene Stimme, weit entfernt und verzerrt:

„Andreas, geh nicht weiter.“

Er fluchte leise.

„Du bist in dem Gebäude“, sagte Clara.

„Bleib, wo du bist.“

„Ich komme nach Reutin.“

„Nein.“

Die Verbindung brach ab.

Clara rief zurück. Einmal. Zweimal. Beim dritten Versuch meldete sich seine Mailbox.

Auf dem fremden Telefon erschien ein neuer Eintrag.

REAKTION ANDREAS SEIDEL:
EINGREIFEN ERFOLGT.

Darunter lief ein Balken langsam von links nach rechts.

• • •

Andreas steckte sein Telefon ein. Der Hauptflur führte zum hinteren Technikbereich. Dort musste die Tür liegen.

Die Kameras über ihm waren jetzt aktiv. Eine rote Leuchte nach der anderen sprang an, sobald er darunter hindurchging.

Er wusste, dass er geführt wurde.

Er wusste auch, dass das Profil recht behalten sollte, wenn er weiterging.

Am Ende des Flurs lag die graue Brandschutztür. Versetzt angeschlagen, daneben der schmale Glasstreifen. Genau wie auf dem Plan. Genau wie auf Julians Foto.

Vor der Tür verlief eine dunkle Spur über den Boden. Andreas ging in die Hocke. Das Blut war an den Rändern eingetrocknet, in der Mitte noch feucht.

Neben der Wand lag eine Armbanduhr.

Das Glas war gesprungen. Unter dem Zifferblatt klebte ein schmaler Streifen weißes Pflaster. Julian hatte beim Treffen mit Clara dieselbe Uhr getragen; sie war auf einem der Fotos zu sehen, die Clara ihm gezeigt hatte.

Andreas hob sie auf.

Hinter der Tür schlug etwas gegen Metall.

„Julian?“

Keine Antwort.

Er drückte die Klinke. Die Tür gab nach. Dahinter lag ein kleiner Vorraum, schwach beleuchtet, an dessen Ende eine weitere Tür zu erkennen war.

Andreas trat hinein.

Die Brandschutztür fiel hinter ihm zu.

Ein Riegel fuhr mit einem schweren Schlag in den Rahmen.

Andreas riss die Klinke herunter. Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Das Licht erlosch.

Nur durch den schmalen Glasstreifen fiel noch Helligkeit aus dem Flur. Darin sah Andreas für einen Augenblick sein eigenes Spiegelbild.

Dann stand dort ein zweiter Mann.

Gleiche Größe. Gleiches Gesicht. Dieselbe dunkle Jacke.

Der andere Andreas hob einen Finger an die Lippen.

Das Licht im Flur ging aus.

• • •

Clara hatte den Abendmarkt hinter sich gelassen. Die warme Luft über dem See kühlte schnell ab, doch ihr war heiß.

Ihr Telefon klingelte.

Andreas.

Sie nahm sofort ab.

„Ich habe Julian gefunden“, sagte er. „Komm allein.“

„Wo bist du genau?“

„Du kennst den Ort.“

„Sag mir etwas, das nur du wissen kannst.“

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

„Der Kaffee heute Morgen“, sagte Andreas. „Ohne Zucker.“

Clara sah über den Kleinen See zur Inselhalle. Das gelbe Licht hinter der Glasfront war bereits eingeschaltet.

„Andreas?“

„Komm allein.“

Die Verbindung endete.

Im selben Moment traf seine Nachricht ein. Verspätet. Das Uhrensymbol verschwand.

Ich prüfe etwas. Bleib auf der Insel. Egal, was du hörst: Komm nicht hierher.

Das fremde Telefon wechselte zu einer Videoübertragung.

Andreas stand hinter einer grauen Brandschutztür und schlug mit beiden Händen gegen den schmalen Glasstreifen. Sein Mund formte Worte, aber der Ton blieb stumm.

Unter dem Bild erschienen zwei Schaltflächen.

NACHRICHT GLAUBEN
ANRUF GLAUBEN

Clara berührte keine von beiden.

Auf dem Bildschirm begann ein Countdown.

04:59
04:58
04:57

Hinter Andreas öffnete sich im Dunkeln eine zweite Tür.