Das fehlende Bild – Hinter dem Garten

Dienstag · Kapitel 3 von 7

Auf dem Foto von Helena war die Hecke scharf. Alles dahinter hatte jemand unscharf gemacht.

Andreas hatte die Nacht damit verbracht, jedes Blatt zu vergrößern. Jetzt, kurz nach acht, lag das Bild auf seinem Bildschirm neben den Aufnahmen vom Diaprojektor. Durch das offene Fenster drang Verkehrslärm, der Himmel über Lindau wechselte zwischen Wolken und hellen Streifen.

„Du suchst die Villa“, sagte Clara.

Sie hatte Ben und Jule zur Schule gebracht und stand nun mit zwei Bechern Kaffee in seiner Wohnung. Die Musterplatte lehnte noch immer an der Wand. Auf dem Tisch lag das Magazin, Fach 17 leer.

„Ich suche die Hecke.“

„Du suchst die Hecke bei der Villa.“

Andreas legte die Fotos übereinander. Die Zweige auf dem alten Dia wuchsen locker und hoch. Hinter Helena dagegen bildeten die Blätter eine dichte, gerade Fläche.

„Sie hat recht“, sagte er.

Clara lächelte über den Rand ihres Bechers. „Kannst du den Satz noch einmal sagen?“

„Die Hecken sind verschieden.“

„Nicht den.“

Er ignorierte sie und vergrößerte den unteren Bildrand. Hinter einem Stuhlbein erschien ein schmaler heller Streifen, unterbrochen von einer dunklen Fuge.

Ein Mauersockel. Oder eine Stufe.

„Ich rufe Lorenz an“, sagte er.

Diesmal sah Clara ihn nur an. Er wusste, warum.

• • •

Kommissarin Lorenz hörte sich an, was Andreas über den Tausch-Treff und die Nachricht vom Vorabend zu sagen hatte. Sie fragte dreimal nach dem Mann mit der Kappe und einmal danach, weshalb er sie erst jetzt anrief.

„Weil die Nachricht spät kam.“

„Der Projektor war um neunzehn Uhr in Ihrer Hand.“

„Ja.“

„Und die Dose mit möglicherweise verwertbaren Spuren haben Sie eingetauscht.“

Andreas sah zu Clara. Sie wandte den Blick nicht ab.

„Ja“, sagte er.

Lorenz atmete hörbar aus. „Schicken Sie mir die unveränderte Bilddatei und den Chatverlauf. Die Originaldatei, nicht Ihre Vergrößerung.“

„Schon unterwegs.“

„Und wenn Sie einen Ort erkennen, rufen Sie an, bevor Sie etwas anfassen.“

Er wollte etwas erwidern, ließ es aber. Stattdessen verschickte er die Dateien.

Eine halbe Stunde später saßen Clara und Andreas im Wagen nach Bad Schachen. Lorenz wusste, wohin sie fuhren. Sie hatte nicht verboten, sich den öffentlich zugänglichen Park anzusehen.

„Du glaubst, Helena wurde dort fotografiert?“, fragte Clara.

„Nein. Ich glaube, jemand wollte, dass ich es glaube.“

„Und warum fahren wir hin?“

„Weil auch eine falsche Richtung zu etwas führen kann, das jemand verstecken musste.“

Er hatte die Datei am Morgen noch einmal vom Telefon auf den Rechner kopiert. Ihr Zeitstempel sagte nur, wann sie bei ihm eingetroffen war, nicht wann die Kamera ausgelöst hatte. Auch die Zeitung im Bild konnte jemand später neben Helena gelegt haben. Ihr offener Blick war ein Lebenszeichen, aber keine Uhr.

„Du hältst sie nicht für eine Gefangene im Park“, sagte Clara.

„Nein. Und ich will ihr keine Stunden nehmen, indem wir so tun, als wäre das Foto eine Adresse.“

Clara schwieg einen Augenblick. „Das klingt schon wieder nach einem Plan.“

„Ein überschaubarer.“

„Deine Pläne sind am Anfang immer überschaubar.“

• • •

Im Lindenhofpark saßen Menschen auf Bänken und sahen auf den See. Die Wärme des Vortags war geblieben, doch vorbeiziehende Wolken veränderten alle paar Minuten das Licht. Durch die Bäume war die Villa Lindenhof zu erkennen.

Andreas blieb an der ersten Hecke stehen und hielt das Telefon hoch. Blattform, Höhe, Mauer darunter: beinahe passend.

Zehn Meter weiter stand eine zweite. Dann eine dritte.

„Wenn wir lange genug suchen, finden wir hier jede Hecke der Welt“, sagte Clara.

„So ungefähr.“

Er steckte das Telefon weg. Nicht das Grün war entscheidend, sondern die helle Linie am unteren Rand. Er führte Clara zur Seeseite und zeigte ihr die niedrigen steinernen Einfassungen, die zwischen Wegen und Beeten verliefen.

„Auf dem Foto könnte das hier sein.“

„Könnte.“

„Und das dort auch.“

Andreas deutete auf eine zweite Mauer. Sie hatte eine schmale Fuge zwischen zwei unterschiedlich hellen Steinen. Er fotografierte sie aus einigen Metern Entfernung und legte beide Bilder nebeneinander.

Die Fuge stimmte. Der Verlauf der Steine nicht.

Ein älteres Paar ging mit langsamen Schritten an ihnen vorbei. Andreas ließ es passieren. Für die beiden war der Park ein Ort, an dem man die Sonne zwischen den Wolken abwartete. Für ihn schien inzwischen jeder Schatten absichtlich gesetzt.

„Siehst du?“, fragte Clara.

„Ja.“

Er ging in die Hocke. Unterhalb der Mauer war Erde zwischen die Steine gespült worden. Etwas Rundes lag darin, beinahe vollständig verborgen.

Er berührte es nicht.

„Lorenz“, sagte Clara und reichte ihm bereits sein Telefon.

• • •

Die Dose war klein, dunkel und mit durchsichtigem Klebeband umwickelt. Lorenz ließ erst Fotos machen, dann hob ein Beamter sie mit Handschuhen aus der Erde.

„Woher wussten Sie, dass Sie hier suchen müssen?“, fragte sie.

Andreas zeigte auf die Fuge.

„Ich wusste es nicht. Ich habe mehrere Mauern verglichen.“

„Und sind zufällig an dieser stehen geblieben?“

Clara deutete auf den Weg. „Die Erde war frisch bewegt. Ich wollte gerade fragen, ob hier jemand gepflanzt hat.“

Andreas sah sie an. Das hatte sie nicht gesagt. Sie gab ihm keinen Vorwurf, nur eine Möglichkeit, die ihrer beider Beobachtungen zusammenbrachte.

In der Dose lagen zwei Passbilder, Rücken an Rücken in Papier geschlagen. Dazu ein schmaler Streifen, auf dem ein Name stand.

MARTIN REHFELD

Das erste Bild zeigte einen jungen Mann mit dunklen Haaren, kantigem Gesicht und einer kleinen Narbe über der linken Augenbraue.

Auf dem zweiten war ein anderer Mann zu sehen. Hellere Haare. Schmalere Nase. Keine Narbe.

Auf der Rückseite beider Fotos stand derselbe Name.

„Zwei Personen“, sagte Lorenz.

„Oder zwei Dokumente für dieselbe Person“, sagte Andreas.

„Das werden wir prüfen.“

Lorenz drehte den Papierstreifen um. Dort standen keine weiteren Worte, nur zwei winzige Einstiche, als hätte das Blatt einmal an einer Pinnwand gehangen. Andreas hielt sich zurück. Er durfte die Fotos nicht an sich nehmen, und er musste nicht jede Beobachtung als Erster aussprechen.

Sie steckte die Fotos getrennt in Hüllen. „Frau Berg hat den Fund vielleicht vorbereitet. Der Absender des neuen Fotos kann aber auch gewusst haben, dass die Dose hier liegt.“

„Er hat uns hergeführt.“

„Oder sie. Oder Sie haben sich selbst hergeführt.“

Andreas dachte an die scharfe Hecke, die künstliche Unschärfe dahinter und den auffälligen Mauersockel. Zu viel, um Zufall zu sein. Zu wenig, um zu wissen, wer ihn gelenkt hatte.

„Ist Helena hier gewesen?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Wir suchen weiter.“

Der Wind drehte. Aus Richtung See drang für einen Augenblick Musik zu ihnen herüber, dann nur noch das Rascheln der Blätter.

• • •

Am Abend waren die Passbilder bei der Polizei. Andreas behielt nur die Erinnerung an die beiden Gesichter.

Clara saß auf der Treppe zwischen ihren Wohnungen. Die Kinder waren oben; Ben übte auf einem Instrument eine kurze Folge von Tönen, jedes Mal ein wenig anders.

„Du kannst jederzeit reinkommen“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Das war eine Einladung.“

„Ich weiß auch das.“

Er setzte sich eine Stufe tiefer. Ihr Knie berührte fast seine Schulter.

„Wer hat die Bilder gemacht?“, fragte Clara.

„Helena, nehme ich an.“

„Ich meine die Passbilder. Wenn beide denselben Namen tragen, wollte damals jemand einen Irrtum erzeugen. Oder einen Irrtum sichtbar machen.“

Andreas sah auf seine Hände. „Bild 17 müsste zeigen, welcher der beiden Männer von der Villa zurückkam.“

„Vielleicht.“

„Du sagst das heute oft.“

„Weil du sonst aus jedem Vielleicht eine Gewissheit machst.“

Unten fiel eine Haustür ins Schloss. Andreas’ Telefon begann zu klingeln.

Auf dem Display stand Helenas Nummer.

Er stellte den Lautsprecher an. Ein Atemzug. Dann ihre Stimme, leise und ungewöhnlich ruhig:

„Herr Seidel. Wenn Sie das hören, haben Sie beide Gesichter gefunden. Eines gehört dem Mann, der verschwand. Das andere dem Mann, der es wollte.“

Ein kurzes Rauschen schnitt den Satz ab.

Clara beugte sich vor. „Helena? Können Sie uns hören?“

Keine Antwort.

Im Hintergrund schlug eine Glocke. Einmal. Zweimal. Dann ein trockenes metallisches Klacken.

Die Verbindung brach ab.

Andreas hatte den Anruf aufgezeichnet. Er spielte die letzten Sekunden erneut ab und rief Lorenz an. Als er auf eine Rückmeldung wartete, hörte er sie noch einmal.

„Eine Glocke“, sagte Clara.

„Und danach?“

„Eine Tür?“

Er nickte. „Eine automatische.“

„Wo?“

Andreas blickte auf das Standbild von Helena. Die scharfe Hecke. Der unscharfe Hintergrund.

„Jemand hat uns den Garten gezeigt“, sagte er. „Damit wir nicht auf das Geräusch achten.“